Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Studie des WSI - Reichtum in Deutschland wächst und verfestigt sich

08.10.2014

Ebenso wie die Armut hat auch der private Reichtum in Deutschland über die vergangenen zwei Jahrzehnte deutlich zugenommen.

Der Anteil der Personen, die nach dem in der Wissenschaft verbreiteten relativen Reichtumsbegriff reich oder sehr reich sind, liegt heute um ein gutes Drittel höher als Anfang der 1990er Jahre: Galten 1991 noch 5,6 Prozent aller Menschen in Deutschland wegen ihres verfügbaren Haushaltseinkommens als reich oder sehr reich, waren es 2011, dem jüngsten Jahr, für das Daten vorliegen, 8,1 Prozent.

Zudem haben vor allem die Einkommen der sehr Reichen stärker zugelegt als im Durchschnitt der Gesellschaft. Das liegt wesentlich am höheren Anteil, der reichen und insbesondere sehr reichen Personen aus Kapitaleinkommen zufließt. Und: Wer einmal reich oder sehr reich ist, muss zunehmend weniger fürchten, beim Einkommen in die Mittelschicht „abzusteigen“.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.* „Die sehr Reichen setzen sich vom Rest der Bevölkerung regelrecht ab“, schreiben die WSI-Verteilungsexpertin Dr. Dorothee Spannagel und ihr Ko-Autor Sven Broschinski von der Universität Oldenburg.

Die Untersuchung basiert auf Daten aus dem sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Wiederholungsbefragung in mehreren tausend Haushalten. Reich ist nach gängiger wissenschaftlicher Definition, die zum Beispiel auch der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung verwendet, wer in einem Haushalt lebt, der das Doppelte und mehr des mittleren verfügbaren Jahreseinkommens hat. Dieses beträgt rund 18.000 Euro pro Person.

Für Alleinstehende gilt demnach: Eine Person, die netto, nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben und nach Anrechnung von staatlichen oder privaten Transfers, mindestens knapp 36.000 Euro im Jahr als verfügbares Einkommen hat, gehört zur Gruppe der Reichen. Als sehr reich wird bezeichnet, wer mindestens dreimal so viel wie üblich hat. Die Untergrenze für einen Alleinstehenden liegt hier also bei knapp 54.000 Euro. In Mehrpersonenhaushalten werden die Grenzen nach Erwachsenen und Kindern gewichtet und sind entsprechend höher.

Gemessen an den Einkommen von Konzernvorständen, Investmentbankern oder Spitzensportlern scheint die Schwelle recht niedrig gezogen zu sein. Tatsächlich gebe es ein Problem bei der wissenschaftlichen Erfassung von Millionären und Milliardären, sagt WSI-Forscherin Spannagel: Superreiche sind relativ selten und auf Diskretion bedacht, deshalb sind sie bei allen Befragungen unterrepräsentiert. Doch von einer „gehobenen Lebenslage, mit der zahlreiche privilegierte Lebensbedingungen verbunden sind“, lasse sich durchaus schon bei Personen sprechen, die jeden Monat mindestens doppelt so viel ausgeben können wie der Durchschnitt, betont die Wissenschaftlerin.

„Unsere Studie analysiert gewissermaßen den unteren Bereich des Reichtums in Deutschland. Darüber erfährt man schon eine Menge. Und die Ergebnisse legen nahe, dass die Superreichen sich noch deutlich stärker und schneller von der Mitte der Gesellschaft entfernen als die Personen, die in der Studie untersucht wurden.“

–Sehr Reiche werden reicher –

Das zeigt sich nach Analyse der Forscher schon beim Vergleich von reichen und sehr reichen Personen. Letztere Gruppe ist zwar sehr klein, doch ist sie im Verhältnis besonders stark gewachsen – von 0,9 Prozent aller Personen 1991 auf 1,9 Prozent im Jahr 2011. Gleichzeitig haben die sehr Reichen ihre mittleren Einkommen in diesem Zeitraum auch besonders deutlich steigern können:

Preisbereinigt um rund 20 Prozent. Dagegen erzielten die Reichen einen realen Zuwachs von 5 Prozent (siehe auch die Abbildungen 1 und 2 in der Studie). Das mittlere Einkommen der Menschen unterhalb der Reichtumsgrenze stieg lediglich um 4 Prozent. Die Wirtschafts- und Finanzkrise brachte zwar einen kurzzeitigen Rückschlag, sie habe aber weder die Zahl der Reichen noch deren Einkommenshöhe „nachhaltig verringert“, beobachten Spannagel und Broschinski.

– Vermögenseinkommen gewinnen an Bedeutung –

Einen wesentlichen Grund für den wachsenden Einkommensvorsprung insbesondere der sehr Reichen sehen die Wissenschaftler im höheren Gewicht der Kapitaleinkommen in ihren Haushalten. Da Menschen mit hohen Einkommen sehr häufig auch größere Vermögen besitzen, profitieren sie in besonderem Maße von Zinsen, Dividenden oder Mieteinnahmen. Gerade während der 2000er Jahre haben sich Kapitaleinkommen deutlich stärker entwickelt als Lohneinkommen. Und durch die pauschale Abgeltungssteuer werden sie niedriger besteuert als Arbeitseinkommen.

Bei den sehr Reichen stammten so 2011 rund 24 Prozent des Einkommens aus Vermögen, bei den Reichen waren es noch 12 Prozent. Unter Menschen mit mittleren Einkommen machen die Vermögenserträge dagegen 8 Prozent aus, bei ärmeren lediglich vier Prozent. Im Zeitverlauf schwankt die Quote bei den Reichen und sehr Reichen zwar etwas, in der Tendenz ist sie seit Anfang der 1990er Jahre aber vor allem bei den sehr Reichen kräftig gestiegen.

Die Bedeutung der Erwerbseinkommen nahm spiegelbildlich ab. Allerdings liegt ihr Anteil selbst bei den sehr Reichen noch bei rund 70 Prozent. Staatliche Transfers wie etwa Kindergeld oder Renten spielen bei den Einkommen der sehr Reichen und Reichen eine deutlich geringere Rolle als in der Mittelschicht und vor allem bei Ärmeren. Gleichwohl machten sie 2011 rund 6 bzw. 13 Prozent aus (siehe auch die Infografik im Böckler Impuls; Link unten).

– Bildungsgrad, Beruf und Familienstand bestimmen Reichtum –

Wer sind die Reichen und sehr Reichen? Die WSI-Studie liefert auch dazu soziodemografische Daten. Bildung hat erwartungsgemäß einen großen Einfluss. So haben Abiturienten eine rund doppelt so hohe Chance, reich oder sehr reich zu sein wie Personen mit mittlerer Reife. Umgekehrt sinkt die Wahrscheinlichkeit für Menschen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschlusszeugnis.

Schaut man auf die Berufe, machen Angestellte zwar den größten Teil der Reichen aus. Mit Blick auf ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung, sind aber Selbständige, Freiberufler und Unternehmer unter den Reichen und vor allem den sehr Reichen deutlich überrepräsentiert. Ihre Chance, sehr reich zu sein, ist mehr als 3,5 mal höher als bei Angestellten. Beamte sind vor allem unter den Reichen relativ gut vertreten. Arbeiter und nicht Erwerbstätige bilden hingegen in beiden Gruppen nur eine kleine Minderheit.

Auch zwischen der Haushaltsstruktur und dem Einkommen besteht ein signifikanter Zusammenhang: Paare ohne Kinder finden sich am häufigsten unter den Reichen und insbesondere den sehr Reichen. Schließlich gibt es weiterhin erhebliche Unterschiede zwischen alten und neuen Ländern: 2011 zählten nur 3,1 Prozent der Ostdeutschen zu den Reichen, verglichen mit 9,4 Prozent im Westen.

– Reichtum verfestigt sich –

Im Zeitverlauf von 1991 bis 2011 habe sich die Einkommensverteilung am oberen Rand „merklich verfestigt“, konstatieren die Wissenschaftler. Da die Gruppe der Reichen insgesamt gewachsen ist, sind die Chancen, aus darunter liegenden Gruppen aufzusteigen, zwar relativ konstant geblieben. Abstiege aus der Gruppe der Reichen oder sehr Reichen sind hingegen über die Jahre deutlich seltener geworden.

Was für die betroffenen Besserverdiener erfreulich ist, stellt die Gesellschaft insgesamt vor Probleme, betonen Spannagel und Broschinski. Die zunehmende Konzentration der Einkommen und Vermögen am oberen Ende der Hierarchie vergrößerten die Ungleichheit. Dieser Prozess werde durch Erbschaften über Generationen hinweg reproduziert und verstärkt.

Reiche und sehr Reiche geben nur einen relativ kleinen Teil ihrer Einkommen und Vermögen aus und können einen Großteil zurücklegen. Ein Grund, warum wachsende Ungleichheit das Wirtschaftswachstum bremse. „Dies wird selbst vom Internationalen Währungsfonds wahrgenommen“, verweisen die Forscher auf entsprechende Studien. Gleichzeitig, warnen Spannagel und Broschinski, „kann die wachsende Polarisierung den sozialen Frieden und die soziale Kohäsion in einer Gesellschaft nachhaltig gefährden.“

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Dorothee Spannagel
WSI-Verteilungsexpertin
Tel.: 0211-7778-205
E-Mail: Dorothee-Spannagel@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_17_2014.pdf - *Dorothee Spannagel, Sven Broschinski: Reichtum in Deutschland wächst weiter, WSI-Report 17, September 2014.
http://media.boeckler.de/Sites/A/Online-Archiv/14237 - Infografik zum Download

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise