Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Naturschutz und Bioenergie: Ökologe erfasst Artenvielfalt auf Energiepflanzenfeldern

12.04.2012
Forschungsprojekt an der Universität Hohenheim schafft neue wissenschaftliche Standards und macht künftige Studien vergleichbar

Enttäuschte Hoffnung: Naturschützer versprachen sich von der Bioenergie vielfältigere Fruchtfolgen und mehr Artenreichtum auf Deutschlands Feldern. Stattdessen setzte sich vorwiegend Mais als Monokultur durch.

Die Auswirkungen von Energiepflanzen auf die biologische Vielfalt untersucht ein Landschaftsökologe der Universität Hohenheim. Auf zwölf Versuchsfeldern erfasst der Forscher aber nicht nur Pflanzen und Tiere. Er entwickelt auch neue wissenschaftliche Standards, die künftige Studien zur Ökologie von Nutzland besser vergleichbar machen. Das Bundesumweltministerium unterstützt das Forschungsprojekt mit 288.000 Euro. Damit gehört es zu den Schwergewichten der Forschung an der Universität Hohenheim.

Auf 20 Prozent der insgesamt rund zwölf Millionen Hektar Ackerland bauen die deutschen Landwirte inzwischen Energiepflanzen an. Am beliebtesten: Mais.

Die knapp werdenden Flächen werden immer intensiver bewirtschaftet. „Darunter leidet die Artenvielfalt“, warnt Prof. Dr. Martin Dieterich, derzeitiger Leiter des Fachgebiets Landschaftsökologie und Vegetationskunde. „Auf nachkartierten Äckern im Zollernalbkreis sind die Wildkräuter von 130 Arten im Jahre 1950 auf heute nur noch 30 zurückgegangen.“

Besonders der allgegenwärtige Mais habe ein Imageproblem, sagt Prof. Dr. Dieterich. „Die Landwirte wissen das und haben deshalb ein lebhaftes Interesse an alternativen Energiepflanzen.“

Weitgehend ungeklärt ist aber bis heute, wie sie sich verschiedene Pflanzen jeweils auf die Artenvielfalt auswirken. „Wir definieren im Rahmen unserer Untersuchungen zwei Extreme: Mais als für die biologische Vielfalt schädlichste und Wildkräutermischungen als schonendste Energiepflanze.“

Rangfolge der Energiepflanzen

Raps für den Biodiesel, Zuckerrüben für den Industriealkohol, Miscanthus als Brennstoff und unreifes Getreide für die Biogasanlagen: Das sind die Energiepflanzen, die in Bezug auf Biodiversitätseffekte zwischen dem angenommenen Pessimum Mais und dem Optimum Wildkräutermischungen stehen.

Die Rangfolge der anderen Pflanzen will Prof. Dr. Dieterich bei Felderversuchen festlegen: „Für jede der insgesamt sechs Energiepflanzen gibt es mindestens ein Hektar große Versuchsfelder“, erklärt der Landschaftsökologe. „Wir sehen uns dann die Artenvielfalt auf jedem einzelnen Feld an.“

Erfassen wollen Prof. Dr. Dieterich und seine Mitarbeiter gezielt Gruppen, die verschiedene Funktionen im Ökosystem abdecken. Dazu gehören Wildpflanzen, Vögel, Insekten, Spinnen und Würmer. „Wenn wir sehen, welche dieser Pflanzen und Tiere vorkommen, können wir einschätzen, wie wertvoll die jeweilige Energiepflanze aus der Warte von Naturschützern ist und wie gut verschiedene Ökosystemfunktionen im jeweiligen Artenspektrum repräsentiert sind.“

Neue Vergleichs-Standards für Ökologische Studien

Um auch die Unterschiede in der Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt zweier verschiedener Landschaften vergleichen zu können, werden identische Untersuchungen in zwei Regionen umgesetzt, die sich im Landschaftsbild deutlich unterscheiden.

„Es gibt je sechs Felder im Kreis Sigmaringen und im Kreis Höxter. Wir erwarten in der kleinräumigen strukturierten Landschaft Oberschwabens eine höhere biologische Vielfalt als in der Bördelandschaft in Nordrhein-Westfalen.

Interessant ist für die Forscher aber noch etwas ganz anderes: „Bisher“, erklärt Prof. Dr. Dieterich, „sind ökologische Studien nur sehr schwer miteinander vergleichbar.“ Es fehle an wissenschaftlichen Standards. Die will der Hohenheimer Wissenschaftler in seiner Studie gleich mitliefern.

Bei den Standards geht es nicht nur um die Bewertung in Bezug zu Vergleichskulturen (Optimum und Pessimum). Vielmehr sind aus Sicht des Naturschutzes Arten in Bezug auf ihre „Wertigkeit“ auch unterschiedlich zu gewichten.

Seine Kritik: „Pflanzen und Tiere an einem Ort einfach nur zu zählen, ist nicht die beste Methode, eine Landschaft naturschutzfachlich oder ökologisch zu bewerten.“ Wichtiger sei die Gewichtung. Alle Lebewesen lassen sich in Spezialisten und Generalisten einteilen. „Dabei ist ein Spezialist aus Naturschutzsicht wertvoller als ein Generalist. Denn er ist an seinen Lebensraum so sehr angepasst, dass er schon bei geringfügigen Änderungen ausstirbt. Generalisten dagegen müssen nicht mit dieser ständigen Bedrohung leben. Sie sind flexibler und können sich an Umweltveränderungen anpassen oder diesen ausweichen.“

Hintergrund: Forschungsprojekt Biomassenkulturen der Zukunft aus Naturschutzsicht

Das auf 1,5 Jahre angelegte Forschungsprojekt Biomassenkulturen der Zukunft aus Naturschutzsicht gehört zum Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Das Ministerium fördert das Projekt daher mit knapp 288.000 Euro. Projektpartner sind das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (Außenstelle Forchheim-Rheinstetten), die Hochschule Ostwestfalen-Lippe und das Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) in Singen am Hohentwiel.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 28 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Wissenschaftler der Universität Hohenheim im vergangenen Jahr für Forschung und Lehre. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Text: Weik / Klebs

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

Ocean atmosphere rife with microbes

17.10.2017 | Life Sciences

Neutrons observe vitamin B6-dependent enzyme activity useful for drug development

17.10.2017 | Life Sciences

NASA finds newly formed tropical storm lan over open waters

17.10.2017 | Earth Sciences