Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nachwuchssorgen in der Gynäkologie – Warum es Männer nicht mehr gibt und Frauen nicht wollen

06.10.2010
Die Gynäkologie hat ein massives Nachwuchsproblem: Zwar sind rund 61 Prozent der gynäkologischen Assistenzärzte Frauen, doch die Übernahme einer Ober- oder Chefarztposition kommt für sie in den meisten Fällen nicht in Frage. Denn Schwierigkeiten, Familie und Karriere zu vereinbaren, verleiten Frauenärztinnen meist dazu, nach der Geburt ihrer Kinder nicht oder nur in Teilzeit in den Job zurückzukehren.

DGGG-Präsident Professor Rolf Kreienberg, Ulm, machte dieses Thema zur Chefsache und gründete in der DGGG die „Kommission Familie und Karriere". „Viele Stellen können bereits jetzt nur noch schwer besetzt werden. Wir müssen unsere hochqualifizierten Frauen im Fach halten“, sagte der Gynäkologe auf dem DGGG-Kongress (5. bis 8. Oktober 2010, München).

In der Hauptsitzung „Warum es Männer nicht mehr gibt und Frauen nicht wollen“ am 5. Oktober 2010, wurden die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage vorgestellt, welche die Probleme an den Kliniken, in der Aus- und Weiterbildung und im Rahmen der Kinderbetreuung aufzeigt.

Familie und Karriere zu vereinbaren ist ohnehin eine Aufgabe gleich dem höheren Management. Für Ärztinnen und Ärzte grenzt diese Aufgabe unter den gegebenen Bedingungen an eine Unmöglichkeit: Viele Überstunden, unvorhersehbare OPs, Nacht- und Wochenenddienste erschweren die Organisation und das Erreichen einer zufriedenstellende Work-Life-Balance. Die Gynäkologin Dr. Katharina Hancke, Ulm, initiierte für die DGGG die Umfrage „Was erwarten unsere Kolleg(inn)en von der Work-Life-Balance?“, an der über 1.000 DGGG-Mitglieder teilnahmen. „Mit dieser Umfrage konnten wir herausfiltern, wo wir ansetzen müssen, damit Frauen das Fach Gynäkologie als ein familienfreundliches Fach wahrnehmen und eine Möglichkeit für sich finden, ihre Karriere voranzutreiben“, erklärte Hancke.

Klares Ergebnis der Befragung: Fast 90 Prozent der Frauenärztinnen und 72 Prozent ihrer männlichen Kollegen meinen, dass Kinder und Karriere schlecht miteinander vereinbar sind. Besonders deutlich zeichnet sich Unzufriedenheit bei der Kinderbetreuung ab. Rund 70 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Arbeitgeber keine Kinderbetreuung für Kinder bis sieben Jahren anbietet. „Das ist ein Drama“, so Hancke, „wir brauchen eine flexible Kinderbetreuung vor Ort, denn Ärzte haben keinen zuverlässigen Nine-to-five-job!“

Mentoring: Frauen wünschen sich weibliche Vorbilder in höheren Positionen
68 Prozent der befragten Frauen und auch 63 Prozent der befragten Männer halten es für erstrebenswert, dass mehr Ärztinnen in Führungspositionen gelangen. Auf die Frage, was verändert werden sollte, damit dieses Ziel erreicht werden kann, nannten fast 80 Prozent der Frauen und fast 60 Prozent der Männer die Betreu-ungssituation für Kinder. Mehr als zwei Drittel der Frauen meinten, geregelte Arbeitszeiten wären förderlich, und 43 Prozent der Frauen glauben, dass ein Mentoring Frauen weiterbringen könnte.

Um herauszufinden, wie groß die Bereitschaft unter den Oberärztinnen an deutschen Kliniken ist, als aktives Vorbild im Rahmen eines Mentoring-Programmes zu fungieren, machte die Privatdozentin Dr. Bettina Toth, Heidelberg, eine Umfrage unter rund 400 Oberärztinnen. Das Ergebnis: Nahezu 100 Ärztinnen bekundeten bislang ihre Bereitschaft, als Mentorin tätig zu werden. Dr. Toth: „Das ist ein sehr gutes Ergebnis und ermutigt uns, ein Mentoring-Programm in der DGGG fest zu etablieren. Dieses soll Frauen dabei helfen, langfristig mit den Männern in den Chefetagen gleichzuziehen, indem sie ihre Karriere gezielter planen und Hilfe sowie Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhalten.“ Denn ein weiteres Ergebnis der DGGG-Umfrage war, dass 44 Prozent der Männer während ihrer Ausbildung männliche Vorbilder hatten. Indes hatten bloß 17 Prozent der Frauen weibliche Vorbilder, und 24 Prozent der Ärztinnen hatten sogar gar keine. „Ärztinnen brauchen erfolgreiche Frauen, die ihnen aufzeigen, wie sie es geschafft haben, mit Kindern eine Führungsposition zu erhalten“, ergänzte Toth.

Ärztinnen in Leitungspositionen überdurchschnittlich gut
Im Jahr 2007 absolvierten erstmals mehr Frauen (54,8 Prozent) als Männer ihr Medizinstudium. Das Berufsbild des Mediziners, insbesondere in der kurativen Medizin, scheint für Männer aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und vergleichsweise niedriger Bezahlung unattraktiv. Bei den Habilitationen geht die Schere indes auseinander: Der Anteil der Ärztinnen, die 2007 in der Medizin eine Habilitation abschlossen, ist mit etwa 17 Prozent im Vergleich zu über 80 Prozent männlichen Habilitanden deutlich unterrepräsentiert. Und obwohl etwa 40 Prozent der fast 400.000 Ärzte in Deutschland weiblich sind, sind nur vier Prozent der Chefarztpositionen von Ärztinnen besetzt. Die Frauenheilkunde steht beispielhaft für geschlechterspezifische Karriereverläufe in der Medizin in Deutschland:

Etwa 61 Prozent der gynäkologischen Assistenzärzte sind Frauen. Der Anteil der Oberärztinnen ist mit 29,3 Prozent schon erstaunlich gering und der Anteil der leitenden Ärztinnen mit 4,4 Prozent verschwindend niedrig. Aktuell gibt es nur zwei Chefärztinnen an den Universitäten. Und das, obwohl laut DGGG-Umfrage es 68 Prozent der Frauen und 63 Prozent der Männer für erstrebenswert halten, dass mehr Frauen in Führungspositionen gelangen. „Das ist vor allem vor dem Hinter-grund nicht nachvollziehbar, dass die in Leitungspositionen tätigen Frauen ihre Aufgaben nachweislich überdurchschnittlich gut erfüllen und dem Vergleich mit männlichen Kollegen jederzeit standhalten können“, sagte Dr. Kerstin Rhiem, Köln. Und Dr. Babett Ramsauer, Berlin, fügte abschließend hinzu: „Um die Qualität der Arbeit der DGGG zu halten und optimalerweise noch zu steigern, müssen wir umdenken! Aufgabe wird es weiterhin sein, durch innovative Konzepte eine kontinuierlich qualitativ hochwertige Patientinnenversorgung zu gewährleisten. Wir müssen aber auch junge Kolleginnen und Kollegen für unser Fach interessieren und ihnen eine strukturierte Weiterbildung anbieten, ihre Forschungsaktivitäten unterstützen sowie neue Führungsstile akzeptieren und kultivieren.“

Petra von der Lage | idw
Weitere Informationen:
http://www.dggg-kongress.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften