Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Motivationsforschung: Wollen allein genügt nicht

15.10.2013
Wie motivieren wir uns, wenn wir für eine Prüfung lernen oder einen schwierigen Arbeitstermin bewältigen müssen?

Je unangenehmer eine Aufgabe ist, umso mehr Willenskraft müssen wir aufbringen, um den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. Allerdings ist der Wille eine Ressource, die sich schnell erschöpft. Um Menschen dauerhaft zu hohen Leistungen anzuspornen, sind andere Konzepte gefragt: Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass die innere, unbewusste Motivation das Leistungsvermögen entscheidend verbessern kann.


Jetzt nicht lachen! Versuchsaufbau zum Test der Willenskraft. P. Gröpel/TUM

Der Idealfall: Ein Arbeitnehmer identifiziert sich vollständig mit den Zielen seines Unternehmens, ist ein Experte seines Fachs – und bis in die Haarspitzen motiviert. Die Realität sieht häufig anders aus. Für Führungspersonen in Unternehmen ist der Aspekt der Motivation umso wichtiger.

„Wir unterscheiden drei Komponenten der Motivation: einmal unsere bewussten Ziele und Wünsche – zum Beispiel, wenn eine Person einen hochdotierten Posten im Unternehmen anstrebt, um sich bestimmte Konsumziele zu erfüllen. Demgegenüber stehen unbewusste Grundmotive, die tief in unserer Gefühlswelt verankert sind, wie das Streben nach Leistung, Freundschaft und Macht“, erklärt Prof. Hugo Kehr vom Lehrstuhl für Psychologie an der Technischen Universität München (TUM). „Die dritte Komponente sind die Fähigkeiten, die man für eine Aufgabe mitbringt.“

Spielen alle drei Anteile zusammen, sind Menschen hochmotiviert, arbeiten konzentriert und mit Freude. Fehlt aber eine Komponente, braucht es die Unterstützung des Willens. Nur: Die reine Willenskraft oder Selbstkontrolle hält nicht lange vor. Zusammen mit dem TUM-Sportpsychologen Dr. Peter Gröpel hat Kehr untersucht, wie die unbewusste Motivation den Willen beeinflussen kann.

Bei Ice Age zeigt sich die Willenskraft

Dafür stellten die Wissenschaftler Versuchspersonen eine Aufgabe, die sie eine gewisse Überwindung kostete. Anschließend untersuchten sie, wie viel von ihrer Willenskraft für eine zweite Aufgabe übrig geblieben war. Die Hypothese: Wenn die Teilnehmer eine starke unbewusste Motivation mitbrachten, sollte ihre Selbstkontrolle länger anhalten.

Im ersten Teil sahen die Probanden eine Schlüsselszene aus dem Film „Club der toten Dichter“: Der Vater verbietet seinem Sohn mit drastischen Worten, Schauspieler zu werden. Eine Gruppe der Studienteilnehmer wurde aufgefordert, beim Nachspielen der Szene den Part des Vaters zu übernehmen. Die Kontrollgruppe sollte den Dialog lediglich niederschreiben.

Im zweiten Teil des Experiments zeigten die Versuchsleiter den Probanden eine der witzigsten Szenen des Animationsfilms „Ice Age“ und baten sie, dabei nicht zu lächeln oder zu lachen. „Für beide Situationen mussten die Versuchspersonen Willenskraft aufbringen: Im ersten Teil, um vor der Kamera einen unangenehmen Charakter zu spielen, im zweiten, um den Impuls zu lachen zu unterdrücken“, erläutert Gröpel.

Die Macht der unbewussten Motivation

Mithilfe von Standardtests hatten die Psychologen vorab untersucht, wie ausgeprägt das Machtmotiv, also das innere Bestreben, andere zu beeinflussen und zu kontrollieren, der Teilnehmer waren. Die Überlegung war, dass ein hohes Machtmotiv eine mögliche Hilfe für die Aufgabe, den dominanten Vater darzustellen, bieten würde.

Tatsächlich fiel es Versuchspersonen mit starker Machtmotivation leichter, bei der Ice-Age-Szene nicht zu lachen. Kehr: „Daraus schließen wir, dass sie bei der ersten Aufgabe von ihrer inneren Motivation profitieren konnten – und damit mehr Willenskraft für die zweite Aufgabe übrig blieb.“ Bei der Kontrollgruppe, die den Konflikt nacherzählte, gab es diesen Unterschied nicht.

In einem ähnlich gelagerten Experiment gingen die Wissenschaftler einem zweiten Motiv nach: dem Streben, etwas zu erreichen oder zu Ende zu bringen. „Auch hier zeigte sich: Wer eine hohe, eigene Leistungsmotivation hatte, sparte Willenskraft und schnitt insgesamt besser ab“, sagt Gröpel.

Für die Praxis in Unternehmen raten die Forscher, mit gezielten Anreizen die innere Motivation zu erhöhen. Die Personen wenden dann weniger Energie auf, um schwierige Aufgaben zu bewältigen – und sind motivierter für die nächsten Aufträge. Kehr nennt Beispiele: „Einer machtmotivierten Person könnte ein Unternehmen die Leitung über ein eigenes Team übertragen. Dagegen lässt sich ein leistungsmotivierter Mitarbeiter durch ein kreatives Projekt ohne großen bürokratischen Aufwand am besten anspornen.“

Publikation:
Motivation and Self-Control: Implicit Motives Moderate the Exertion of Self-Control in Motive-Related Tasks; Gröpel, Peter, Kehr, Hugo; Journal of Personality; Online-First-Publication, 2013, doi: 10.1111/jopy.12059
Kontakt:
Technische Universität München
Prof. Dr. Hugo Kehr
Lehrstuhl für Psychologie
T: +49 (89) 289-24200
E: kehr@tum.de
W: http://www.psy.wi.tum.de/
Dr. Peter Gröpel
Lehrstuhl für Sportpsychologie
T: +49 (89) 289-24543
E: peter.groepel@tum.de
W: http://www.sportpsychologie.sg.tum.de/

Dr. Ulrich Marsch | Technische Universität München
Weitere Informationen:
http://www.tum.de/en/about-tum/news/press-releases/short/article/31069/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften