Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Migräne-Operation: Studie beweist Wirksamkeit

04.08.2009
Eine placebokontrollierte Studie der renommierten Universität Cleveland in den USA beweist, was weltweit über 1500 Patientinnen und Patienten bereits aus eigener Erfahrung wissen: Die chirurgische Migräne-Therapie, die sogenannte «Migräne-Operation» ist - auch nach wissenschaftlichen Maßstäben - wirksam.

Experten bezeichnen die Studie als Grundlage für die längst fällige Anerkennung einer Behandlungsmethode, die seit fast zehn Jahren eindrückliche Erfolge zeigt und Migräne-Patientinnen und -Patienten zu neuer Lebensqualität verhilft.

Eindeutige Ergebnisse in aufwendigem Studiendesign

Die prospektive, randomisierte Studie (Guyuron et al.; 2009) wurde in einem aufwendigen, placebokontrollierten Rahmen durchgeführt: Während ein Teil der Patienten tatsächlich operiert wurde, erhielt ein zweiter Teil lediglich eine Scheinoperation. Die Aussagekraft der Studie entspricht damit dem in der pharmakologischen Forschung als Gold-Standard geltenden Doppelblindstudien-Verfahren. 

Die Ergebnisse der Datenauswertung sprechen eine eindeutige Sprache: Die Hälfte der operierten Patienten (57,1 Prozent) gaben bei der nach mindestens 12 Monaten erfolgten Nachuntersuchung an, die Beschwerden komplett verloren zu haben. Sie gelten als vollständig geheilt. Dies war in der Vergleichsgruppe lediglich bei einem Patienten der Fall (3,8 Prozent). Weiter konnte bei 83,7 Prozent der operierten Patienten eine mehr als 50-prozentige Reduktion der Migräne-Beschwerden beobachtet werden; eine entsprechende Linderung in der Gruppe der scheinoperierten Patienten zeigte sich lediglich bei 57,7 Prozent. 

Damit bestätigt die Studie, dass die chirurgische Migräne-Therapie eine effektive Behandlungsmethode darstellt. 

Neubewertung der Migräne-Operation seitens der Gegner nötig

Seit ihrer ersten Durchführung im Jahr 2000 war die operative Migräne-Therapie heftiger Kritik seitens vieler Neurologen ausgesetzt, welche u. a. die fehlende wissenschaftliche Beweisführung der Wirksamkeit bemängelten. Diese Argumente werden nun durch die Publikation der Studie entkräftet. Insbesondere das aufwendige Studiendesign, welches u. a. auch den möglichen Placebo-Effekt einer Behandlung berücksichtigt, und die statistisch signifikanten Daten finden in Expertenkreisen hohe Anerkennung (u. a. Janis; 2009). Zudem ist die operative Migräne-Therapie die einzige Behandlungsmethode, welche die Ursache von Migräne-Attacken bekämpft und nicht deren Symptome. 

Aufgrund der nun vorliegenden Studienergebnisse muss die operative Behandlung von Migräne wohl auch von gegnerischer Seite als effektive Behandlungsmöglichkeit anerkannt und zum Gegenstand einer sachlichen, patientengerechten Diskussion werden. Sinnvoll erscheint die Operation laut Experten vor allem für Patienten, die auf medikamentöse oder komplementäre Therapien nicht oder ungenügend ansprechen.

  Hoffnung auf finanzielle Entlastung der Patienten

Trotz der eindrücklichen Behandlungserfolge hat die operative Therapie bislang keinen Platz im Leistungskatalog der Krankenversicherer gefunden und wurde nur in Einzelfällen übernommen.

Meistens musste die Operation durch die Patienten privat finanziert werden. Durch die Publikation der Studie wächst auch die berechtigte Hoffnung auf eine mittelfristige Anerkennung der Migräne-Operation seitens der Krankenversicherer. Vergleichbare Studien haben in der Vergangenheit beispielsweise als Grundlage für die Übernahme von komplementären Therapien zur Behandlung von Migräne (z. B. Akupunktur) gedient. 

Bereits 2008 zeigte eine retrospektive Studie mit Daten von 70 Patienten die Kosteneffektivität der Migräne-Operation für Gesundheitswesen und Volkswirtschaft (Muehlberger, Buschmann, Ottomann; 2008).

Chirurgische Migräne-Therapie in Europa

Seit 2006 ist die Migräne-Operation auch in Europa für Patienten zugänglich. In mittlerweile neun Migräne-Chirurgie-Zentren in Deutschland (3), Italien (3), Großbritannien (1), Dänemark (1) und in der Schweiz (1) werden Patienten beraten und behandelt. In den vergangenen drei Jahren wurden über 300 Patienten erfolgreich operiert. Die Zentren werden von PD Dr. Thomas Muehlberger und Dr.

Philipp Agostini geleitet. Die Ergebnisse der Cleveland-Studie decken sich mit den Ergebnissen der Patientenuntersuchungen über 1 bzw. 4 Jahre an den europäischen Migräne-Chirurgie-Zentren. 

Als erster Schritt der Behandlung wird die Diagnose aufgrund eines Fragebogens nach klinischen Standards der International Headache Society gestellt. Anschließend werden über einen Botox-Test und eine Simulation des Operations-Effekts diejenigen Patienten ausgewählt, die für eine Operation in Frage kommen. Sind die Ergebnisse des Tests signifikant positiv, wird eine Operation in Betracht gezogen. 

Quellennachweis

1. Guyuron B, Reed D, Kriegler JS, Davis J, Pashmini N, Amini S. A placebo-controlled surgical trial of the treatment of migraine headaches. Plast Reconstr Surg 2009; 124: 461-8.

2. Janis J.
A placebo-controlled surgical trial of the treatment of migraine headaches. Plast Reconstr Surg. 2009 Aug; 124: 469-70.
3. Muehlberger T, Buschmann A, Ottomann C. Die Kosteneffektivität der chirurgischen Migränetherapie.

http://www.egms.de/de/meetings/dgch2008/08dgch566.shtml

4. Muehlberger T, Brittner W, Buschmann A, Toman N.
Lasting outcome of the surgical treatment of migraine headaches - a four year follow-up.  Plast Reconstr Surg 2008; 122: 32-33

Dr. Thomas Muehlberger | presseportal
Weitere Informationen:
http://www.migraene-chirurgie-zentrum.de
http://www.egms.de/de/meetings/dgch2008/08dgch566.shtml

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Dialysepatienten besser vor Lungenentzündung schützen
17.01.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Studie der Uni Halle: Wie der Klimawandel das Pflanzenwachstum verändert
12.01.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie