Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr Kinder Einkommensschwacher in Ganztagsgrundschulen

03.07.2013
Anteil in Westdeutschland ist mit Ausbauprogramm im Gegensatz zu Ostdeutschland deutlich gestiegen – Insgesamt geht mehr als jedes vierte Grundschulkind in Deutschland ganztags zur Schule

Kinder aus einkommensschwachen Haushalten in Westdeutschland gehen immer häufiger in eine Ganztagsschule. Ihr Anteil an allen Ganztagsgrundschulkindern ist im Durchschnitt der Jahre 2004 bis 2011 von zuvor knapp 18 auf nun rund 27 Prozent gestiegen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor.

Danach sind im Westen auch Kinder von Müttern mit Migrationshintergrund und Kinder aus Transferempfängerhaushalten in Ganztagsschulen mit einem erhöhten Anteil vertreten. „Es scheint sich auszuzahlen, dass einige Bundesländer beim Ausbau der Ganztagsschule den Schwerpunkt auf die Förderung benachteiligter Haushalte gelegt haben“, sagt DIW-Bildungsökonom Jan Marcus.

Zwischen 2003 und 2009 stellte die Bundesregierung den Ländern im Rahmen eines Investitionsprogramms insgesamt vier Milliarden Euro für den Auf- und Ausbau der Ganztagsschule bereit. Infolgedessen hat sich die Zahl der Ganztagsschüler im Grundschulalter positiv entwickelt: Mittlerweile ist mehr als jedes vierte Kind ganztags in der Schule, 2004 waren es lediglich 6,8 Prozent.

Im Rahmen der Studie haben die DIW-Forscher Jan Marcus, Janina Nemitz und C. Katharina Spieß untersucht, welchen Familienhintergrund Ganztagsgrundschulkinder haben. Grundlage dafür waren Datensätze des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und der Spezialstudie „Familien in Deutschland“ (FiD). Erstmals konnte anhand dieser Daten untersucht werden, wie sich Unterschiede bei der sozioökonomischen Nutzung von Ganztagsschulen über die Zeit entwickelt haben. Die Ökonomen konzentrierten sich dabei auf die Grundschule und damit ein Altersspektrum der Kinder, bei dem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders bedeutend ist.

Kinder Alleinerziehender und Erwerbstätiger sind eher Ganztagsschüler

Im Gegensatz zu den alten Bundesländern gehen in Ostdeutschland Kinder einkommensschwacher Haushalte auch nach dem Ausbau der Ganztagsschule eher in eine Halbtagsschule. Vor dem Ausbau (1995 bis 2003) kamen 24 Prozent aller Ganztagsschüler aus Haushalten, die weniger als 75 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Zwar ist dieser Anteil in der Ausbauperiode (2004 bis 2011) auf 28,7 Prozent gestiegen, doch der Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Haushalten an den Halbtagsschülern hat noch stärker zugenommen. „Wenn in Ostdeutschland ebenfalls eine größere soziale Mischung erreicht werden soll, müssen benachteiligte Familien noch gezielter gefördert werden“, erklärt DIW-Forscherin Janina Nemitz. „Geringere Kosten sowie ein bedarfsgerechtes und wohnortnahes Angebot sind wichtige Ansatzpunkte.“ Äußerst gut schneiden die neuen Bundesländer bei der Nutzung von Ganztagsschulen insgesamt ab: Während in Ostdeutschland inzwischen fast jedes zweite Grundschulkind eine Ganztagsschule besucht, ist es in Westdeutschland nicht einmal jedes fünfte.

In Ost- wie in Westdeutschland gehen Kinder eher in eine Ganztagsschule, wenn die Mutter Vollzeit arbeitet: Im Vergleich zu Kindern nicht erwerbstätiger Mütter steigt die entsprechende Wahrscheinlichkeit in den alten Bundesländern um 7,6 Prozentpunkte, in den neuen Bundesländern sogar um 16,3 Prozentpunkte. Ist eine Mutter alleinerziehend, steigen die Wahrscheinlichkeiten um 4,4 beziehungsweise 8,4 Prozentpunkte. Diese Ergebnisse sogenannter Regressionsanalysen sind statistisch hoch signifikant. Bei solchen Analysen wird der Einfluss eines Merkmals um den Einfluss anderer Merkmale bereinigt. So berücksichtigten die Forscher beispielsweise, dass erwerbstätige Mütter ein höheres Einkommen haben, eher die Kosten eines Ganztagsangebots tragen können und deshalb ihr Kind ganztags zur Schule schicken.

Bund und Länder sollten Investitionen weiter erhöhen

Kinder besuchen zudem umso eher eine Ganztagsschule, je jünger sie sind und je weniger Geschwister sie haben. Auch der Wohnort ist bedeutend: Kinder aus Großstädten werden in Deutschland deutlich häufiger ganztags in der Schule betreut als Kinder aus ländlichen Regionen. „Das kann einerseits an verschiedenen Einstellungen gegenüber Ganztagsschulen liegen“, erklärt Marcus. Andererseits könnten Eltern aber oftmals keine freien Plätze in einer wohnortnahen Ganztagsschule finden, obwohl sie ihr Kind gerne in eine solche schicken würden. „Von einer flächendeckenden Versorgung kann nach wie vor keine Rede sein“, so Marcus.

Ein weiterer Ausbau der Ganztagsschule sei daher und aufgrund der positiven Auswirkungen der bisherigen Investitionen zu empfehlen, so die DIW-Forscher. Dies erfordere ein noch stärkeres finanzielles Engagement insbesondere der Länder und des Bundes. „Das Geld wäre gut angelegt“, sagt DIW-Ökonom Marcus. „Denn Ganztagsangebote können der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zugutekommen und, eine hohe Qualität vorausgesetzt, auch die Bildung der Kinder fördern.“

Stichwort SOEP

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP ist Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland und wird unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) von Bund und Ländern gefördert. Angesiedelt ist das SOEP am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Für das SOEP befragen jedes Jahr etwa 600 Interviewerinnen und Interviewer vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung mehr als 20 000 Menschen in rund 11 000 Haushalten. Die so erhobenen Daten geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit. Forscherinnen und Forscher im In- und Ausland nutzen die SOEP-Daten für ihre Studien. Bis heute sind mehr als 6000 Veröffentlichungen auf Basis der SOEP-Daten erschienen.

Renate Bogdanovic | idw
Weitere Informationen:
http://www.diw.de/de
http://www.diw.de/de/soep

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie