Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Meeresspiegel könnte innerhalb dieses Jahrhunderts bis zu 1,9 Meter ansteigen

08.12.2009
Eine neue wissenschaftliche Studie warnt, dass der Meeresspiegel deutlich schneller ansteigen könnte als bislang erwartet. Laut einer heute in der US-Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Studie könnte der Pegel im Jahr 2100 75 bis 190 Zentimeter höher stehen als heute.

Die Autoren, Martin Vermeer von der Helsinki University of Technology in Finnland und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) werteten Meeresspiegel- und Temperaturmessungen aus den vergangenen 130 Jahren aus. Die Daten belegen, dass die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs maßgeblich von der globalen Mitteltemperatur beeinflusst wird.

„Seit 1990 ist der Meeresspiegel jährlich um 3,4 Millimeter gestiegen, doppelt so schnell wie im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts“, sagt Stefan Rahmstorf. Bliebe es bei dieser Rate, würde das im 21. Jahrhundert zu einem Anstieg um 34 Zentimeter führen. „Aber die Daten zeigen deutlich: Je wärmer es wird, umso schneller steigt der Pegel. Wenn wir einen galoppierenden Anstieg des Meeresspiegels verhindern wollen, sollten wir die Erderwärmung so schnell wie möglich stoppen“, so Rahmstorf weiter.

Der Zusammenhang zwischen der Rate des Meeresspiegelanstiegs und der globalen Mitteltemperatur wurde zuerst im Jahr 2007 von Rahmstorf in einem Artikel im Wissenschaftsmagazin „Science“ beschrieben. Die neue Studie baut darauf auf. Die frühere Gleichung wurde erweitert, um die kurzfristigen Reaktionen des Meeresspiegels zu erfassen. Auf diese Weise wird der physikalische Zusammenhang besser und mit weit größerer Präzision abgebildet. Zudem haben Vermeer und Rahmstorf die neuesten Datensätze wie Satellitenmessungen bis zum Jahr 2008 einbezogen und die künstliche Wasserspeicherung in Stauseen berücksichtigt, durch die der Pegel global etwa drei Zentimeter tiefer liegt.

Ihre Ergebnisse zeigen, dass selbst bei einem relativ niedrigen Treibhausgas-Emissionsszenario mit einer Erwärmung um zwei Grad Celsius im 21. Jahrhundert der Meeresspiegel wahrscheinlich um mehr als einen Meter ansteigen wird. Das höchste Emissionsszenario mit einem Temperaturanstieg von mehr als vier Grad Celsius im 21. Jahrhundert hätte in dieser Zeit einen Anstieg um mehr als 1,4 Meter zur Folge. Werden sämtliche Emissionsszenarien und die geschätzten Unsicherheiten berücksichtigt, ergeben sich Werte zwischen 0,75 und 1,9 Meter – in Übereinstimmung mit einer anderen Abschätzung von bis zu zwei Metern bis 2100, die die Dynamik der großen Eisschilde berücksichtigt.

„Noch bemerkenswerter als die Maximalwerte des Meeresspiegelanstiegs ist die uhrwerkartige Präzision mit der die Temperatur – auf klimatischen Zeitskalen – den Anstieg des Meeresspiegels antreibt“, sagt Vermeer. Die Ergebnisse der Studie zeugten auch von der hohen Qualität der vorhandenen Temperatur- und Pegeldatensätze, die verwendet wurden, „akribisch abgeleitet von Werten, die über ein Jahrhundert hinweg und an weltweit verteilten Stationen gemessen wurden“, fügt Vermeer hinzu.

Der projizierte Anstieg ist etwa dreimal so hoch wie die Abschätzung aus dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC von 2007, die den Eisverlust in Grönland und der Antarktis nicht vollständig berücksichtigt. Ein so starker Anstieg wäre eine existentielle Bedrohung vieler Küstenstädte und einer Reihe kleiner Inselstaaten. Sie wird nur zu vermeiden sein, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen drastisch und schnell sinkt.

Nach den Studienergebnissen hätten Verzögerungen schwerwiegende Folgen, da frühe Verringerungen des Treibhausgas-Ausstoßes den Meeresspiegelanstieg deutlich effektiver bremsen als späte. Um den Anstieg des Meeresspiegels auf weniger als einen Meter zu begrenzen, sind wahrscheinlich noch deutlich raschere Emissionsreduzierungen notwendig, als zur Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius erforderlich sind. Das so genannte 2°-Ziel wird mittlerweile von vielen Staaten angestrebt.

Artikel: Vermeer, M., Rahmstorf, S. (2009) Global sea level linked to global temperature. Proc Natl Acad Sci USA, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0907765106

Abbildungen auf Nachfrage in der PIK-Pressestelle, Tel: 0331 288 25 07, presse@pik-potsdam.de

Bild 1: Küstengebiete entlang der Nordsee. Rot gefärbt sind Landgebiete, die niedriger als zwei Meter über dem gegenwärtigen mittleren Meeresspiegel liegen (ohne Berücksichtigung von Küstenschutzmaßnahmen). Quelle: Brooks et al., 2006

Bild 2: Überflutete Gebiete (blau) im südlichen Manhattan (New York) bei einer beim derzeitigen Meeresspiegel statistisch einmal pro Jahrhundert auftretenden Sturmflut. Bei einem Meeresspiegelanstieg um 1 m würde eine derart hohe Sturmflut etwa alle vier Jahre auftreten. Quelle: Rosenzweig und Solecki, 2001; Daten nach USGS, U.S. Army Corps of Engineers, Marquise McGraw, NASA GISS

Weitere Informationen:
Science: A Semi-Empirical Approach to Projecting Future Sea-Level Rise, von Stefan Rahmstorf, 2007

http://www.pik-potsdam.de/~stefan/Publications/Nature/rahmstorf_science_2007.pdf

RealClimate.org: Ups and downs of sea level projections, von Stefan Rahmstorf und Martin Vermeer, 2009

http://www.realclimate.org/index.php/archives/2009/08/ups-and-downs-of-sea-level-projections/

Vierter Sachstandsbericht des IPCC
http://www.ipcc.ch/
RealClimate.org: The IPCC sea level numbers, von Stefan Rahmstorf, 2007
http://www.realclimate.org/index.php/archives/2007/03/the-ipcc-sea-level-numbers/
WBGU Sondergutachten 2006: Die Zukunft der Meere – zu warm, zu hoch, zu sauer
http://www.wbgu.de/wbgu_sn2006.html
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Das PIK untersucht aktuelle Fragestellungen in den Bereichen Globaler Wandel, Klimawirkung und Nachhaltige Entwicklung. Das 1992 gegründete Institut gilt weltweit als Pionier der interdisziplinären Forschung auf diesem Gebiet. Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler erforschen gemeinsam, wie sich das System Erde verändert, welche ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen der Klimawandel hat und welche Strategien für eine nachhaltige Entwicklung angemessen sind.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die PIK-Pressestelle:

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: +49 331 288 25 07
Fax: +49 331 288 25 70
E-Mail: presse@pik-potsdam.de
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung e.V.
Telegraphenberg A 31
Postfach 60 12 03
D-14412 Potsdam

| PIK Potsdam
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

Österreich erzeugt erstmals Erdgas aus Sonnen- und Windenergie

24.02.2017 | Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fraunhofer HHI auf dem Mobile World Congress mit VR- und 5G-Technologien

24.02.2017 | Messenachrichten

MWC 2017: 5G-Hauptstadt Berlin

24.02.2017 | Messenachrichten

Auf der molekularen Streckbank

24.02.2017 | Biowissenschaften Chemie