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Medizinische Innovationen für Afrika

02.11.2017

Ebola, Malaria, Tuberkulose: Dass Krankheiten wie diese gerade in armen Ländern auftreten, liegt zum einen an der unzureichenden medizinischen Versorgung vor Ort. Aber auch daran, dass das Entwickeln entsprechender Medikamente in Industrieländern wirtschaftlich wenig attraktiv ist. Neue, nicht gewinnorientierte Kooperationen, offene Innovationsprozesse und der Ausbau klinischer Zentren und Zulassungseinrichtungen in den betroffenen Regionen können Forschung und Produktentwicklung stärken. Handlungsmöglichkeiten wie diese zeigt das vom KIT betriebene Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) nun in einer Studie auf.

Die Ergebnisse der Studie im Auftrag des Parlaments sind die bisher umfangreichste Auseinandersetzung mit dem Thema medizinischer Innovationen für Entwicklungsländer und der diesbezüglichen Rolle Deutschlands.


Der Kampf gegen vernachlässigte armutsassoziierte Krankheiten lässt sich nur gemeinsam gewinnen. Bild aus einem Impflabor in Guinea.

Foto: WHO/Sean Hawkey

„Der medizinische Innovationsprozess ist in den Industrienationen weitgehend kommerzialisiert, das heißt die aufwendige Produktentwicklung muss über die Arzneimittelpreise refinanziert werden. Das führt dazu, dass neue Medikamente meist nur für weltweit auftretende Krankheiten entwickelt werden und über Jahre sehr teuer – für arme Länder unbezahlbar – sind“, sagt Katrin Gerlinger, die Leiterin der Studie am TAB. Zudem finde zu Krankheiten, die fast nur in Ländern auf der südlichen Halbkugel auftreten, keine ausreichende Produktentwicklung statt.

Inwiefern die kommerzialisierte Pharmaforschung Kern des Problems ist und ob Marktmechanismen lediglich ergänzt oder gar ersetzt werden sollen, diskutieren unterschiedliche Akteure, von Nichtregierungsorganisationen über Global-Health-Experten und privaten Stiftungen bis hin zu Pharmavereinigungen, teils sehr kontrovers. Als Beispiele nennt Katrin Gerlinger den Streit über Patente und Handelsverträge.

„Für die einen sind sie Motoren der Produktentwicklung, für die anderen Ursache und Verschärfer des Problems“, so Gerlinger. Um nicht in diesem allgemeinen Schlagabtausch gegensätzlicher Positionen stecken zu bleiben, habe das TAB gemeinsam mit mehreren Gutachterteams den gesamten Innovationsprozess in den Blick genommen: von der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung über die zumeist kommerzialisierte Produktentwicklung bis zur Zulassung und der Überwachung während der Anwendung. „Wir brauchen mehr Engagement an unterschiedlichen Stellen“, so Gerlinger.

Open Innovation gewinnt an Bedeutung

Positiv bewertet die Untersuchung vor allem Open-Innovation-Initiativen nach US-amerikanischem und britischem Vorbild: Öffentliche Einrichtungen und Pharmafirmen öffnen ihre Substanzbibliotheken und Labore gezielt für Forschungsaktivitäten zu ausgewählten vernachlässigten Krankheiten, verwalten und nutzen Patente gemeinsam und machen Daten und Unterlagen von klinischen Studien für die gemeinsame Weiterentwicklung von Wirkstoffen zugänglich.

„Deutsche Einrichtungen sind hier noch sehr zurückhaltend", so Katrin Gerlinger. Um das große Potenzial eines gemeinsamen Kampfs gegen vernachlässigte Krankheiten auszuschöpfen, seien mehr Eigeninitiative seitens öffentlicher und privater Forschungseinrichtungen sowie ein noch deutlicheres forschungspolitisches Engagement wünschenswert.

Eine weitere wesentliche Handlungsoption für die deutsche Politik sieht die Expertin für Technikfolgenabschätzung im Ausbau klinischer Zentren und Zulassungsinstanzen vor Ort. Denn Studien, welche die Wirksamkeit der neuen Substanzen belegen, können nur dort durchgeführt werden, wo die Krankheiten grassieren.

Um die dafür notwendigen hochqualifizierten Arbeitsplätze insbesondere in afrikanischen Ländern zu schaffen, sollten entwicklungs-, gesundheits- und forschungspolitische Ressorts eine gemeinsame Strategie verfolgen. Dies trage gleichzeitig dazu bei, den Braindrain – also das Auswandern von Fachkräften – zu unterbrechen.

Darüber hinaus sollten laut der Untersuchung im Parlament Anreize zur Förderung des privatwirtschaftlichen Engagements, wie Steuergutschriften oder Erfolgshonorierungen diskutiert werden. Auch sollten in diesem Bereich engagierte Forschungseinrichtungen in Deutschland sichtbarer werden.

Für Professor Armin Grunwald, Leiter des TAB und des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am KIT zeigt die Studie, wie das Beobachten der Praxis und theoretische Überlegungen in der Technikfolgenabschätzung gewinnbringend zusammenwirken.

Im aktuellen Fall liefert die Technikfolgenabschätzung Entscheidungsträgern in Politik, Wissenschaft und Industrie so eine solide Informationsbasis zur besseren Ausrichtung des medizinisch-technischen Innovationssystems. Wenn dann die politische Befassung mit den erarbeiteten Handlungsoptionen im neuen Bundestag zu weiteren medizinischen Innovationen beiträgt, würde ich mich umso mehr freuen", sagt er.

Über das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB)

Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) wird seit seiner Gründung 1990 vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des KIT betrieben. Ziel des TAB ist es, die Gremien und Mitglieder des Deutschen Bundestages wissenschaftlich fundiert zu informieren, um ihre Meinungsbildung und Entscheidungsfindung zu unterstützen.

Zu diesem Zweck führt das TAB Projekte zur Technikfolgenabschätzung durch, beobachtet und analysiert wichtige wissenschaftlich-technische Innovationen und Trends sowie die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Entwicklungen. Das TAB orientiert sich ausdrücklich am Informationsbedarf des Deutschen Bundestages und seiner Ausschüsse. Bisher wurden rund 200 Untersuchungsberichte veröffentlicht.

Weitere Informationen: http://www.tab-beim-bundestag.de

Literatur:

Gerlinger, Katrin (2017): Medizinische Innovationen für Afrika - Forschung und Produktentwicklung zur Bekämpfung vernachlässigter Krankheiten. Studien des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag 44. Nomos Verlag Baden-Baden

Gerlinger, Katrin (2017): Arzneimittelentwicklung zu vernachlässigten Krankheiten. In: TATuP Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, Karlsruhe, Jg. 26, Nr. 1-2, S. 37-42, Aug. 2017 https://doi.org/10.14512/tatup.26.1-2.37.

Weiterer Kontakt:
Margarete Lehné, Stv. Pressesprecherin, Tel.: +49 721 608-48121, Fax: +49 721 608-43658, margarete.lehne@kit.edu

Als „Die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ schafft und vermittelt das KIT Wissen für Gesellschaft und Umwelt. Ziel ist es, zu den globalen Herausforderungen maßgebliche Beiträge in den Feldern Energie, Mobilität und Information zu leisten.Dazu arbeiten rund 9.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer breiten disziplinären Basis in Natur-, Ingenieurs-, Wirtschafts- sowie Geistes- und Sozialwissenschaften zusammen. Seine 26.000 Studierenden bereitet das KIT durch ein forschungsorientiertes universitäres Studium auf verantwortungsvolle Aufgaben in Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft vor. Die Innovationstätigkeit am KIT schlägt die Brücke zwischen Erkenntnis und Anwendung zum gesellschaftlichen Nutzen, wirtschaftlichen Wohlstand und Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Das KIT ist seit 2010 als familiengerechte Hochschule zertifiziert.

Diese Presseinformation ist im Internet abrufbar unter: http://www.sek.kit.edu/presse.php

Weitere Informationen:

http://www.tab-beim-bundestag.de
https://doi.org/10.14512/tatup.26.1-2.37.
http://margarete.lehne@kit.edu
http://www.sek.kit.edu/presse.php

Monika Landgraf | Karlsruher Institut für Technologie

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