Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Mechanismen eines Risikos

28.03.2011
Konstanzer Studie untersucht die Wahrnehmung von Risiken und Chancen anlässlich der aktuellen Atomkraft-Debatte

Nach dem Reaktorunfall in Japan werden unter anderem in der Medienberichterstattung die Reaktionen nicht nur der deutschen Bevölkerung auf diesen Vorfall diskutiert. Dennoch liegen bislang keine wissenschaftlichen Befunde vor, wie stark und wie nachhaltig eine solche Katastrophe tatsächlich die Risikowahrnehmung von Menschen beeinflusst.

Eine aktuelle psychologische Studie der Universität Konstanz ergründet nun anlässlich des Reaktorunglücks von Fukushima systematisch die Wahrnehmung von Risiken – und untersucht ambivalente Einstellungen, die sich ergeben können, wenn eine Technologie zugleich erhebliche Risiken birgt, aber auch umfassende Chancen bietet.

Die Forschungsgruppe um die Konstanzer Psychologin Prof. Dr. Britta Renner erforscht in ihrer Studie „Risiken und Chancen für die Gesundheit“, welche Technologien, Umwelteinflüsse und Verhaltensweisen als die größten Gefahrenquellen eingeschätzt werden und wie sich die Rangfolge der wahrgenommenen Risiken aufgrund aktueller Ereignisse verändert. Von besonderem Interesse ist dabei für die Forscherinnen, wie stark und wie nachhaltig gesellschaftliche Einschnitte und Debatten die allgemeine Risikowahrnehmung beeinflussen – wie lange sich also eine erhöhte Sensibilität für ein Risiko in den persönlichen Einschätzungen wiederfinden lässt. Die Studie startet aktuell; Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Studie werden noch gesucht.

„Die tatsächlichen Zahlen stehen oft den persönlichen Einschätzungen eines Risikos eklatant entgegen. Numerisch werden Risiken dramatisch überschätzt“, zeigt Britta Renner anhand ihrer vorausgehenden Studien auf: Die Psychologin ergründete in ihren Forschungsprojekten die Mechanismen des Risikobewusstseins anhand der Schweinegrippe und des HI-Virus'. Als eines ihrer Ergebnisse konnte sie nachweisen, dass die Risikowahrnehmung von Experten und Laien anderen Kriterien unterliegt: Experten definieren ein Risiko rein statistisch anhand der Wahrscheinlichkeit seines Eintretens und der angenommenen Schadensbilanz. Für Laien, erklärt Renner, sind hingegen ganz andere Faktoren maßgeblich: Gefahrenquellen erscheinen dann als besonders bedrohlich, wenn der Betroffene sie nicht selbst in der Hand hat, sie also für ihn unkontrollierbar sind, wenn ihnen ein Schleier der Unbekanntheit anhängt und wenn die Ausmaße bei ihrem Eintreten besonders gravierend sind – selbst wenn statistisch gesehen durch andere Gefahrenquellen weitaus mehr Menschen sterben. „Wenn diese Faktoren zusammenkommen, reagieren die meisten Menschen sehr aversiv“, erklärt Britta Renner. Bei Technologien wie der Atomkraft oder der Gentechnik sind jene Merkmale besonders auffällig. Daher werden solche Technologien häufig im persönlichen Empfinden als höhere Risiken eingeschätzt als verhaltensabhängige Gefahrenquellen, die statistisch gesehen jährlich mehr Todesopfer fordern: beispielsweise die Einnahme gesundheitsschädigender Genussmittel oder Autofahren.

„Uns geht es darum, die dynamischen Veränderungen sichtbar zu machen, die sich in der Einschätzung von Risiken und Chancen unter dem Einfluss aktueller Ereignisse wie der Reaktorkatastrophe in Japan zeigen“, erklärt Dr. Verena Klusmann. Gemeinsam mit Dr. Tabea Reuter und Prof. Dr. Britta Renner führt sie die Studie „Risiken und Chancen für die Gesundheit“ durch. Ziel der Forscherinnen ist es, die Risikowahrnehmung im zeitlichen Prozess zu untersuchen, um zu ergründen, ob aktuelle Ereignisse und Mediendebatten nur einen temporären Einfluss auf die Risikowahrnehmung haben oder sich dauerhaft im Gefahrenbewusstsein der Menschen verankern. Die Studie steht somit im Zusammenhang mit Folgestudien, die zusammen ein Bild der Varianz menschlicher Risikowahrnehmung ergeben.

Hinweis an die Redaktionen:
Interessenten können auf der Website http://www.uni-konstanz.de/risiken-chancen an der Umfrage teilnehmen und zur Klärung dieser Fragestellungen beitragen. Alle Angaben bleiben anonym und werden ausschließlich zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet.
Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: 07531 / 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de
Prof. Dr. Britta Renner
Universität Konstanz
Psychologische Diagnostik und Gesundheitspsychologie
Universitätsstraße 10
78464 Konstanz
Telefon: 07531 / 88-4679
E-Mail: Britta.Renner@uni-konstanz.de

Julia Wandt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-konstanz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

nachricht Verstädterung wird 300.000 km2 fruchtbarsten Ackerlands verschlingen
27.12.2016 | Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie