Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mangelware Vitamin D

05.10.2011
Gießener Studie zeigt gravierende Unterversorgung von Schwangeren und Neugeborenen – Ernährungswissenschaftler plädiert für höhere Vitamin D-Zufuhrempfehlungen

Schwangere und Neugeborene sind dramatisch unterversorgt mit Vitamin D. Das ist das Ergebnis einer Studie von Prof. Dr. Clemens Kunz vom Institut für Ernährungswissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) zusammen mit Dr. Peter Gilbert, Chefarzt des St. Josef-Krankenhauses in Gießen.

Es ist die erste Studie in Deutschland, die die tatsächliche Vitamin D-Versorgung dieser Gruppe anhand von Blutuntersuchungen überprüft. Kunz und Gilbert schließen aus den Ergebnissen, dass eine wesentlich höhere Vitamin D-Zufuhr für schwangere Frauen wie auch für viele andere Bevölkerungsgruppen dringend erforderlich ist, um gesundheitliche Folgen wie Störungen des Knochenaufbaus zu vermeiden. Eine höhere Aufnahme von Vitamin D könnte über Nahrungsergänzungsmittel, angereicherte Lebensmittel oder Arzneimittel erfolgen. „Zunächst sind jedoch die Behörden gefordert, die Zufuhrempfehlungen zu erhöhen“, so Kunz. Zurzeit empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) für Erwachsene – darunter auch schwangere und stillende Frauen – die Aufnahme von fünf Mikrogramm (µg) Vitamin D (200 IE) pro Tag. In Kanada beispielsweise liegt die Empfehlung für die tägliche Vitamin D-Zufuhr zehnmal höher.

In seiner Studie hat Kunz in Zusammenarbeit mit dem St. Josefs-Krankenaus in Gießen von Oktober bis Dezember 2010 bei 84 schwangeren Frauen zum Zeitpunkt der Entbindung Blutproben nehmen lassen. Gleichzeitig wurde eine Probe aus dem Nabelschnurblut des Kindes entnommen. Dann untersuchten die Wissenschaftler die Konzentration von 25 OH D im Blut, das ist die Speicherform von Vitamin D, die sich für die Bestimmung des Vitamin D-Status am besten eignet. Das Ergebnis: Ein Vitamin D-Mangel lag bei 90 Prozent der Frauen und bei 88 Prozent der Säuglinge vor. Nur zwei der 84 Frauen und drei der untersuchten neugeborenen Kinder wiesen 25 OH D-Konzentrationen auf, die mit mehr als 50 Nanomol pro Liter (nmol/L) über den neuesten Empfehlungen des Institute of Medicine (USA) von 2011 liegen.

In mehreren internationalen Studien haben Wissenschaftler bereits den Einfluss des mütterlichen Vitamin D-Status auf die Gesundheit des Neugeborenen untersucht. Dabei konnten sie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen niedrigen 25 OH D-Werten und einer erhöhten Inzidenz an akuten Infektionen des unteren Atmungstrakts, einer abnehmenden Mineralisation des Knochens, einer Rachitis, von Frühgeburten und der Gehirnentwicklung nachweisen. Interventionsstudien der letzten Jahre bestätigen die schlechte Versorgung vieler schwangerer Frauen während dieser sensiblen Phase. Sie verdeutlichen gleichzeitig, dass die bisherigen Zufuhrempfehlungen in Deutschland keinen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung des Vitamin D-Status in dieser kritischen Phase leisten.

Ein Mangel an Vitamin D führt zu Störungen des Knochenaufbaus. Rachitis, Knochenerweichung (Osteomalazie) oder Osteoporose können die Folge sein. Denn ist nicht genügend Vitamin D vorhanden, wird Kalzium vermehrt aus den Knochen mobilisiert – anstatt es aus der Nahrung aufzunehmen –, um die die nötige Kalzium-Konzentration im Blut aufrecht zu erhalten.

Nachweisen lässt sich ein Vitamin-D-Mangel neben der Bestimmung von 25 OH D durch Knochendichtemessungen oder die Bestimmung des Parathormons im Blut. Zu den Risikogruppen für einen Vitamin D-Mangel gehören zum Beispiel schwangere und stillende Frauen sowie deren Säuglinge und ältere Menschen.

Vitamin D
Vitamin D ist die inaktive Vorstufe eines Hormons, das an der Regulation des Kalziumhaushalts und der Mineralisation der Knochen beteiligt ist. Der Körper kann es mithilfe von Sonnenlicht selbst in der Haut herstellen – die Versorgung mit Vitamin D ist im Winter und Frühjahr daher in der Regel schlechter als im Sommer und Herbst. Über die Nahrung, zum Beispiel fettreichen Fisch, wird Vitamin D nur in geringen Mengen aufgenommen, da Fisch nicht täglich verzehrt wird.

Die Daten aus der Nationalen Verzehrsstudie II (NVS II, 2008) zeigen, dass in Deutschland eine Unterversorgung der Bevölkerung mit Vitamin D vorliegt. 82 Prozent der Männer und 91 Prozent der Frauen erreichen selbst die empfohlene tägliche Zufuhrmenge von 5 µg Vitamin D nicht. Diese Daten basieren allerdings auf Zufuhrdaten, nicht auf der Bestimmung des Vitamin D-Status durch die Messung von 25 OH D im Blut. Auch das Robert Koch-Institut schätzt die Versorgung der deutschen Bevölkerung auf Basis des Deutschen Gesundheitssurveys 1998 und des Kinder- und Jugendsurveys mit Vitamin D als unzureichend ein. Stichproben ergaben, dass über 62 Prozent der Jungen und Mädchen und über 57 Prozent der Erwachsenen einen Vitamin-D-Mangel aufweisen.

Kontakt:
Prof. Dr. Clemens Kunz
Institut für Ernährungswissenschaft
Wilhelmstraße 20, 35392 Gießen
Telefon: 0641 99-39041

Caroline Link | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-giessen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik