Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebensraum Ölpalmplantage? Kein Ersatz für Regenwald - Artenvielfalt in Südostasien ist bedroht

22.09.2008
Ölpalmplantagen sind kein Ersatz für tropischen Regenwald als Lebensraum. Das belegt eine aktuelle Studie, die als Titelthema in der diese Woche erscheinenden Oktoberausgabe der Fachzeitschrift "Trends in Ecology und Evolution" veröffentlicht wird (Erscheinungstermin 24. September 2008).

Der Appell der internationalen Forschergruppe an die zuständigen Regierungen in Südostasien: Schnell handeln, um den verbleibenden tropischen Regenwald zu schützen und somit die für die Region typische Artenvielfalt erhalten zu können.

Ölpalmen gehören zu den sich weltweit am schnellsten verbreitenden Kulturpflanzen. Besonders in Südostasien ist die Palmölgewinnung ein stark wachsendes Wirtschaftssegment. Ungeachtet der ökologischen Folgen wird tropischer Regenwald in gewinnbringende Monokulturen umgewandelt. Mit verheerenden Auswirkungen auf Klimawandel und Artenvielfalt.

Palmöl ist das weltweit am meisten verarbeitete Pflanzenöl. Genutzt wird es unter anderem als Nahrungsmittel, in der Kosmetik oder als Biokraftstoff, der in westlichen Industrieländern zunehmend nachgefragt wird. Aufgrund des globalen Bedarfs werden in Malaysia und Indonesien mittlerweile rund 130.000 Quadratkilometer, das entspricht ungefähr einem Drittel der Fläche von Deutschland, bewirtschaftet. Meist handelt es sich bei der landwirtschaftlichen Nutzfläche um ehemaligen tropischen Regenwald, der zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt zählt.

Artenvielfalt durch große Nachfrage nach Pflanzenöl und Bio-Sprit bedroht

Eine internationale Forschergruppe aus sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter Dr. Carsten Brühl vom Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau, werteten erstmals die wenigen bisher publizierten Studien zum Artenreichtum von Vögeln, Fledermäusen, Ameisen und verschiedenen anderen Tiergruppen in Ölpalmplantagen aus und konnten zeigen: Durchschnittlich überleben dort weniger als ein Sechstel der Arten, die aus primären Regenwäldern bekannt sind.

Und: Selbst forstwirtschaftlich genutzte Wälder oder Plantagenkulturen wie Kakao, Gummibaum oder Kaffee sind artenreicher. Dabei, so die Wissenschaftler, dürften die Schätzungen sogar optimistisch sein, da das Arteninventar eines tropischen Regenwaldes schwieriger zu erfassen ist als das einer angelegten Ölpalmenplantage.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Selbst Managementmaßnahmen zur Begrünung in den Plantagen erhöhen das Artenspektrum nicht nennenswert. Die Erhaltung der tropischen Biodiversität ist nur durch den Schutz von Wäldern außerhalb der Plantagen möglich.

"Die negativen Folgen der Biosprit-Nachfrage und der Palmöl-Produktion auf die Artenvielfalt wird in der Öffentlichkeit bereits intensiv diskutiert. Mit der Studie möchten wir die Diskussion mit einem soliden wissenschaftlichen Fundament untermauern", bekräftigt der Landauer Umweltwissenschaftler und Mitautor der Studie Dr. Carsten Brühl.

Seit über 15 Jahren forscht er auf Borneo in Malaysia und konnte die dramatischen landschaftlichen Veränderungen vor Ort verfolgen. Der Großteil der Tieflandregenwälder wurde nach der schrittweisen Degradierung durch die Entnahme von wertvollen Nutzhölzern in eine flächendeckende Ölpalmenmonokultur umgewandelt. In seinen Studien über Ameisengemeinschaften fand Wissenschaftler Brühl in Ölpalmenplantagen nur noch dreizehn der fast 200 Waldarten. Die restlichen vorkommenden 30 Arten sind Kosmopoliten, sprich weltweit verbreitete und nicht für die Region typische Spezies. Einige dieser Arten sind in ihrer Ausbreitung sehr aggressiv und beeinflussen als so genannte invasive Arten auch andere Tiergruppen.

Schnelles Handeln der Regierungen gefordert

Wenn die Artenvielfalt in Indonesien und Malaysia noch eine Zukunft haben soll, muss schnell gehandelt werden, so die Forderung der internationalen Forschergruppe. Die Regierungen in Südostasien müssen entsprechende Richtlinien erlassen, mit denen der noch existierende Regenwald geschützt werden kann und keiner weiteren Rodung mehr zum Opfer fällt. So wurde in Indonesien beispielsweise bereits Satelliten-Technologie getestet, um illegalen Holzschlag zu unterbinden und öffentlich Druck auf Firmen mit solchen Machenschaften auszuüben.

Nur auf Borneo sind noch große, zusammenhängende Regenwaldflächen zu finden, die unbedingt unter Schutz gestellt werden müssen. Dabei ist es besonders wichtig, so Umwelt-Experte Brühl, Regionen mit hoher Artenvielfalt zu identifizieren, um sie dann in ein sinnvolles Konzept einbinden zu können. Ein in diese Richtung weisendes und ambitioniertes Naturschutzprogramm, das "Heart of Borneo", ratifizierten vergangenes Jahr die Anrainerstaaten Borneos.

Bestehende Konzepte, in die die Erkenntnisse der aktuellen Studie einfließen werden, sollen nun umgesetzt werden. Ein wichtiger Schritt wird dabei sein, Plantagenbetreiber, Naturschützer, Wissenschaftler, die lokale Bevölkerung und weitere Interessengruppen an einen Tisch zu bekommen.

Hinweis :
Eine Kopie des Originalartikels zur Studie sowie Bildmaterial (Ölpalmenplantage) bitte anfordern unter theil@uni-koblenz-landau.de oder bruehl@uni-landau.de.

Der Originalartikel "How will oil palm expansion affect biodiversity?" erscheint in der Oktoberausgabe der Fachzeitschrift "Trends in Ecology and Evolution", Erscheinungstermin 24.09.2008.

* Autoren der Studie (alphabetisch): Carsten A. Brühl (Universität Koblenz-Landau); Finn Danielsen (NORDECO, Copenhagen); Paul F. Donald (RSPB); Emily B. Fitzherbert (Zoological Society of London, University of East Anglia); Alexandra Morel (Oxford University Centre for the Environment); Ben Phalan (University of Cambridge); Matthew J. Struebig (Queen Mary, University of London).

Kurzporträt:
Die Universität Koblenz-Landau ist die jüngste Universität in Rheinland-Pfalz. Sie ist 1990 aus der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Rheinland-Pfalz (EWH) hervorgegangen. An zwei Standorten, Koblenz und Landau, werden an je vier Fachbereichen gelehrt und geforscht. Bestehende Forschungsschwerpunkte und Studiengänge wurden ergänzt und weiter differenziert. Heute prägen Informatik, Psychologie und Umweltwissenschaften gemeinsam mit den traditionellen erziehungs-, geistes- und naturwissenschaftlichen Fachbereichen das wissenschaftliche Profil der Universität.

Das Institut für Umweltwissenschaften am Campus Landau wurde 2004 gegründet. Die wesentlichen Schwerpunkte der Umweltwissenschaften in Landau liegen in den Bereichen Ökotoxikologie in Kulturlandschaften, Gemeinschaftsökologie, Biodiversitätsforschung und Ökosystemmanagement sowie Landschaftsökologie und Bodenschutz. Hierbei kommt ein komplexes Methodenspektrum von molekulargenetischen Analysen im Labor über Mikro- und Mesokosmen im Halbfreiland bis hin zu Monitoringstudien, probabilistischen und GIS-basierten Risikobewertungen und Mana-gementkonzeptionen im Freiland zum Einsatz.

Neben den Forschungsaktivitäten betreut das Institut den Studiengang Diplom-Umweltwissenschaften, der seit seiner Gründung zum WS 2001 einen stetigen Zuwachs erfahren hat und mittlerweile ca. 300 Studierende umfasst.

Kontakt:
Dr. Carsten Brühl
Universität Koblenz-Landau, Campus Landau
Institut für Umweltwissenschaften
Fortstraße 7, 76829 Landau
Tel.: 06341/280-310
E-Mail: bruehl@uni-landau.de

Bernd Hegen | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-koblenz-landau.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Industrieproduktion auf Jobs und Umweltschutz?
16.05.2017 | Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.

nachricht Klimawandel: ungeahnte Rolle der Bodenerosion
11.04.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften