Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Landwirtschaft: Gefährliche Abhängigkeit von der Honigbiene

21.05.2012
Studien zeigen, dass durch immer weniger naturbelassene Flächen der Anteil anderer Bestäuber sinkt – eine riskante Entwicklung

Naturbelassene Flächen werden nicht nur in Deutschland immer seltener. Gerade für Landwirte ist diese Tendenz riskant, weil sie die Abhängigkeit von der Honigbiene verstärkt. Grund: Mit wachsender Entfernung von naturbelassenen Habitaten verringert sich die Vielfalt anderer Bestäuber dramatisch. Sie fallen dann als Alternative zur Honigbiene zumindest teilweise aus.


Eine Sandbiene (Andrena cerasifolii) beim Besuch einer Mandelblüte. Foto: A. Klein


Kleine, ökologisch bewirtschaftete Mandelplantage mit angrenzendem Naturhabitat und einem Senfacker (in Nordkalifornien) Foto: A. Klein

Das zeigen zwei internationale Studien unter Federführung der Leuphana Universität Lüneburg. In dieser Situation können Krankheitserreger wie die Varroamilbe, die mitunter ganze Bienenvölker dahin raffen, auch die Landwirtschaft empfindlich treffen.

Ackerbohne, Blaubeere, Kirsche, Mandel oder Raps sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Sie bilden sonst weniger Früchte oder sogar gar keine. Je weiter nun der Abstand solcher Pflanzen zu naturbelassenen Flächen in ihrer Umgebung, desto seltener und unregelmäßiger werden sie von Hummeln, Käfern oder Wildbienen besucht. „Mit wachsender Entfernung von naturbelassenen Habitaten verringert sich die Vielfalt der Blütenbesucher dramatisch“, sagt Professorin Dr. Alexandra M. Klein von der Leuphana Universität Lüneburg. „Im Schnitt sinkt die Artenzahl in einer Entfernung von einem Kilometer zur nächsten Naturhabitat um mehr als ein Drittel.“ Auf den heute üblichen großen Ackerflächen fallen diese Insekten also als Bestäuber mehr oder weniger aus.

Ein Grund: Die meisten Bestäuber fühlen sich in blütenartenreichen Biotopen am wohlsten. Außerdem ist der Aktionsradius der meisten wildlebenden Blütenbesucher eingeschränkt; sie entfernen sich selten weiter als einen Kilometer von ihren Nestern. Als direkte Konsequenz erfolgen die Besuche in großen Monokulturen nicht mehr so kontinuierlich, sondern unterliegen deutlichen Schwankungen. Dadurch wird nicht mehr jede Blüte bestäubt und die Pflanze bildet weniger Früchte. Dieser Effekt ist gravierend, wie Klein zusammen mit Kollegen zeigen konnte: Um durchschnittlich 16 Prozent sank der Fruchtansatz in einer Entfernung von einem Kilometer zur nächsten naturbelassenen Fläche.

Honigbiene muss den Ausfall kompensieren

Und diese Abnahme könnte noch deutlich größer sein, wenn es nicht die Honigbiene gäbe. Sie stellt laut Studie im Schnitt immerhin die Hälfte aller Blütenbesucher und ist daher mit großem Abstand der wichtigste Bestäuber. Honigbienen lassen sich zudem leicht in großen Kolonien halten. Daher nutzen manche Landwirte sie, um ihre Erträge zu erhöhen: Sie bitten Imker, ihre Bienenstöcke gezielt in den Feldern zu platzieren. „Honigbienen finden wir daher so gut wie in jeder Landschaft“, sagt Klein. „Sie können den Verlust anderer Blütenbesucher größtenteils kompensieren - allerdings eben nicht komplett.“

Aber auch aus einem anderen Grund sollten Landwirte nicht einseitig auf die Honigbiene setzen. Denn was würde etwa mit einer Obstplantage passieren, wenn diese als Bestäuber ausfiele? Ganz einfach: Die Bäume würden viel weniger Früchte bilden. Ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Beispielsweise sind Honigbienen wasserscheu und fliegen kaum bei Regenwetter. Außerdem machen ihnen Schädlinge wie die Varroamilbe zu schaffen, die ganze Völker dahin raffen kann. „In den letzten fünf Jahren beobachten wir zudem weltweit, dass immer mehr Honigbienen-Völker in den kalten Jahreszeiten nicht überleben“, sagt Klein. Fälle wie diese können theoretisch gerade in großen Monokulturen zu erheblichen Ernteausfällen führen, warnen die Forscher.

„Landwirte, die in ihren Plantagen und Ackerflächen Platz für naturbelassene Inseln lassen, könnten sich von der Honigbiene emanzipieren und dieses Risiko minimieren“, betont Klein. Allerdings dürfen diese Inseln nicht zu klein sein, konnte sie zusammen mit US-Kollegen bei der Untersuchung von Mandelplantagen in Kalifornien zeigen. „Nur wenn viel natürliches Habitat um die Plantagen liegt, konnten wir eine Erhöhung des Fruchtansatzes feststellen“, sagt sie. „Diese fällt noch größer aus, wenn die Plantagen nach ökologischen Richtlinien bewirtschaftet wurden.“

„Wir sollten ökologische Ressourcen auch als einen wichtigen ökonomischen Faktor betrachten“, erläutert sie. In Lüneburg haben sich zu diesem Zweck Umweltökonomen und Ökologen mit internationalen Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammengetan und das Zentrum „FuturEs“ gegründet (die Abkürzung steht für „Futures of Ecosystem Services”; zu deutsch „Zukunft von Ökosystem-Dienstleistungen”). Klein zählt zu den Gründungsmitgliedern. Das Thema Nachhaltigkeitsforschung zählt zu den vier Wissenschaftsinitiativen, denen sich die Leuphana Universität verschrieben hat. Die Universität unterstützt FuturEs daher auch bis zum Jahr 2015 mit einer viertel Million Euro.

Henning Zuehlsdorff | idw
Weitere Informationen:
http://www.leuphana.de/alexandra-klein.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Latest News

UTSA study describes new minimally invasive device to treat cancer and other illnesses

02.12.2016 | Medical Engineering

Plasma-zapping process could yield trans fat-free soybean oil product

02.12.2016 | Agricultural and Forestry Science

What do Netflix, Google and planetary systems have in common?

02.12.2016 | Physics and Astronomy