Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kurzarbeit – eine Patentlösung für Wirtschaftskrisen?

28.05.2013
Wunder, Höhenflug, Boom – das sind nur einige Schlagworte, die auftauchen, wenn vom deutschen Arbeitsmarkt während und nach der Finanzkrise 2008 die Rede ist.

Zu den wichtigsten Instrumenten der Bundesregierung zählte damals die Kurzarbeit. Was sie der Konjunktur wirklich gebracht hat und welche Wechselwirkungen mit anderen Instrumenten der Arbeitsmarktpolitik bestehen, diesen Fragen gehen Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) nach.

In der Rezession in den Jahren 2008 und 2009 ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in allen Industrieländern stark zurück. Daraufhin schnürten viele Staaten Konjunkturpakete, um die Folgen abzufedern – ein wichtiger Bestandteil war oftmals die Kurzarbeit: Firmen sollen bei schwacher Auftragslage flexibel sein und eine Alternative zu Entlassungen haben.

Erfüllt hierzulande ein Unternehmen die geforderten Kriterien, so reduziert es die Arbeitsstunden und damit auch die Ausgaben für den Lohn seiner Beschäftigten. Diese bekommen von der Bundesagentur für Arbeit dann zwischen 60 und 67 Prozent des Lohnausfalls in Form von Kurzarbeitergeld. Laufen die Geschäfte wieder besser, kann das Unternehmen sofort wieder durchstarten und muss nicht erst neue Arbeitskräfte suchen. Eine andere Möglichkeit für Firmen, flexibel auf Aufträge zu reagieren, sind Arbeitszeitkonten, die vor allem in den vergangenen Jahren in Deutschland an Bedeutung gewonnen haben.

Die FAU-Wissenschaftler um Prof. Dr. Christian Merkl, Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, wollen nun herausfinden, welche Effekte Kurzarbeit auf Beschäftigung und Konjunktur hat, wie sich das Instrument auf das Einstellungs- und Entlassungsverhalten der Unternehmen auswirkt, wie kosteneffizient es ist, in welchem Ausmaß Firmen es ausnutzen und wie Kurzarbeit mit Instrumenten wie Arbeitszeitkonten interagiert.

Gefördert wird das Projekt in den kommenden zwei Jahren von der Fritz Thyssen-Stiftung mit knapp 80.000 Euro. Zwar gibt es bereits wissenschaftliche Studien, die das Thema Kurzarbeit unter die Lupe nehmen, allerdings betreten die FAU-Forscher in verschiedenen Bereichen Neuland. Die bisherigen Studien fokussierten sich sehr stark auf mikroökonomische Effekte wie den Unterschieden zwischen verarbeitenden Gewerbe und Dienstleistungssektor.

Erstmals soll in einem Projekt getrennt werden zwischen den stabilisierenden Effekten, die allein schon dadurch eintreten, dass es das Instrument Kurzarbeit gibt, und Effekten, die sich durch zusätzliches politisches Eingreifen ergeben.

Im Zuge der Finanzkrise kam es in Deutschland zu neuen gesetzlichen Vorgaben: So wurde zum Beispiel die maximale Bezugsdauer auf 24 Monate verlängert, die Zugangskriterien wurden gelockert, die Sozialversicherungsbeiträge der betroffenen Mitarbeiter übernahm die Arbeitsagentur und auch Zeitarbeitsfirmen konnten Kurzarbeit beantragen. Außerdem startete die Arbeitsagentur eine massive Werbekampagne für die Kurzarbeit. Die Gesamtkosten auf Seiten des Staates waren hoch. Doch ob diese Maßnahmen wirklich den gewünschten makroökonomischen Nutzen brachten, wurde bisher noch nicht eingehend analysiert. Zudem sollen Mitnahme- und Erwartungseffekte erfasst werden: Damit sind zum einen Unternehmen gemeint, die Kurzarbeit ausnutzen, obwohl sie keinen Bedarf haben, sowie zum anderen Unternehmen, die den Rettungsanker Kurzarbeit vor Augen haben und deshalb ihre Personalpolitik ändern.

Zudem beziehen die Wissenschaftler weitere betriebliche Instrumente, mit denen Unternehmen ebenfalls flexibel und schnell auf fehlende Aufträge reagieren können, in ihre Analysen ein: Welche wirtschaftlichen Effekte haben Modelle wie Arbeitszeitkonten? Damit wollen die FAU-Wissenschaftler eine fundierte Einschätzung liefern, inwieweit sich Kurzarbeit und Arbeitszeitkonten in ihrer Wirkung ergänzen oder gegenseitig ersetzen. Um diese verschiedenen Faktoren trennen zu können, wenden sie unterschiedlichste Methoden an: Sie kombinieren Zeitreihen, die bis in die 70er Jahre zurückreichen, mit Unternehmensbefragungen sowie einer dynamischen Modellsimulation.

Anhand ihrer Ergebnisse wollen die Forscher nicht nur beurteilen, wann Kurzarbeit überhaupt sinnvoll ist, sondern auch wie sich verschiedene Maßnahmen konkret auf den Arbeitsmarkt auswirken. Ihr Ziel ist es, der Politik Vorschläge an die Hand zu geben, wie das Instrument Kurzarbeit in Zukunft möglichst gezielt und effektiv genutzt werden kann. Außerdem analysieren sie, ob Länder wie Deutschland, die im Gegensatz zu angelsächsischen Ländern durch hohen Kündigungsschutz und starke Arbeitnehmervertretungen gekennzeichnet sind, besonders von Kurzarbeit profitieren.

Informationen für die Medien:
Prof. Dr. Christian Merkl
Tel.: 0911/5302-337
christian.merkl@wiso.uni-erlangen.de

Blandina Mangelkramer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-erlangen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise