Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Krebs bei Kindern: Weniger ist manchmal mehr

22.09.2008
Risikoangepasste Behandlung verringert Langzeitschäden

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 1.800 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren neu an Krebs. Am häufigsten tritt eine spezielle Blutkrebsart auf: die akute lymphoblastische Leukämie (ALL).

In den letzten 30 Jahren sind die Heilungschancen bei dieser Krebsart kontinuierlich gestiegen: Heute können etwa 80 Prozent der Kinder geheilt werden. Der Preis für das Überleben ist jedoch oft hoch. Die kleinen Patienten müssen meist eine sehr aggressive Therapie über sich ergehen lassen und mit Spätschäden auch noch Jahre nach der Behandlung rechnen.

Die so genannte ALL-BFM 95-Therapiestudie hat jetzt gezeigt, dass die Intensität der Therapie in vielen Fällen reduziert werden kann, ohne die Überlebenschancen der Patienten zu verringern. Die Deutsche Krebshilfe hat diese Studie mit über 1,1 Millionen Euro gefördert.

Die akute lymphoblastische Leukämie ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Sie entsteht am Ursprung der Blutbildung, im Knochenmark. Weiße Blutkörperchen reifen dabei nicht mehr zu funktionstüchtigen Zellen heran, sondern vermehren sich rasch und unkontrolliert. Dadurch werden die Zellen der normalen Blutbildung verdrängt. Kinder mit einer ALL werden in Deutschland nach einheitlichen Therapiekonzepten auf höchstem wissenschaftlichem Standard in so genannten Therapieoptimierungsstudien behandelt. Diesen Studien ist es zu verdanken, dass heute etwa 80 Prozent der kleinen Patienten wieder gesund werden. Die Deutsche Krebshilfe fördert fast alle dieser derzeit laufenden Studien bei krebskranken Kindern in Deutschland.

„Seit die Heilung der ALL quasi zur Regel geworden ist, sind akute Risiken sowie potentielle Langzeitschäden durch die Therapie mehr und mehr in den Fokus gerückt“, erklärt Professor Dr. Martin Schrappe. Er ist Leiter der Klinik für Allgemeine Pädiatrie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel und koordiniert die Therapiestudie. Zu den Spätschäden zählen hormonelle Störungen, Herzschäden und sogar Hirntumoren. Letztere können als Folge der Schädelbestrahlung auftreten. „Um die Patienten zwar ausreichend intensiv zu behandeln, sie aber keinen unnötigen Risiken und Nebenwirkungen auszusetzen, soll die Therapie-Intensität an das individuelle Rückfallrisiko angepasst werden – nach dem Motto ’so viel wie nötig, so wenig wie möglich’“, erläutert der Studienleiter.

Dazu wurden die Patienten im Rahmen der ALL-BFM-95-Studie in drei Gruppen mit unterschiedlich hohem Risiko eingeteilt: niedriges, mittleres und hohes Rückfallrisiko. Die Einteilung erfolgte auf der Basis von klinischen und biologischen Faktoren. Ein wichtiges Ziel der Studie war, die Behandlung in den Gruppen mit niedrigem Rückfallrisiko zu reduzieren, sie jedoch bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko zu intensivieren.

„Bei der Patientengruppe mit einer Überlebenswahrscheinlichkeit von 90 Prozent – also niedrigem Rückfallrisiko – konnten wir die Chemotherapie in der Anfangsphase der Behandlung deutlich reduzieren“, sagt Schrappe. „Sie birgt die größte Gefahr schwerer Komplikationen.“ Auch in der Gruppe mit mittlerem Risiko, der die meisten Patienten angehören, konnte die Therapie-Intensität verringert werden, ohne die Heilungschancen von 80 Prozent zu verschlechtern. Dabei wurde bei dem größten Teil der Kinder auf die Bestrahlung des Schädels verzichtet. So wird das Risiko von Hirntumoren vermieden. In der kleinen Gruppe, in der bisher nur ein Drittel der Patienten überlebten, ging es vorrangig um die Verbesserung der Heilungschancen. „Dies ist uns durch die gezielte Intensivierung der Therapie gelungen. Fast jeder zweite Patient aus dieser Gruppe überlebt heute seine Erkrankung“, erklärt Schrappe. „Für diese schwierige Risikogruppe ist dies das bisher beste publizierte Ergebnis der ALL-BFM-Studien“.

Die Therapiestudie ALL-BFM 95 der BFM-Studiengruppe lief von 1995 bis 2000. Sie schloss 2.169 Patienten mit ALL im Alter von unter 18 Jahren ein. An der Studie, in die auch Ergebnisse der Vorgängerstudie einmündeten, nahmen 82 Kliniken aus Deutschland, Österreich und der Schweiz teil. Die Ergebnisse wurden in diesem Jahr publiziert (Möricke et al., Blood 2008; 111:4477-89).

| Deutsche Krebshilfe e. V.
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Personalisierte Medizin – Ein Schlüsselbegriff mit neuer Zukunftsperspektive
14.07.2017 | Institut für Bioprozess- und Analysenmesstechnik e.V.

nachricht Enterprise 2.0 ist weiterhin bedeutendes Thema in Unternehmen
03.07.2017 | Hochschule RheinMain

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten