Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kopenhagen-Vereinbarung verfehlt 2°C-Klimaziel

22.04.2010
Die zur Kopenhagen-Vereinbarung eingereichten Selbstverpflichtungen der Länder, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren, werden die globale Erwärmung nicht auf zwei Grad Celsius begrenzen. Tatsächlich bedeuten sie einen Anstieg der globalen Mitteltemperatur um mehr als drei Grad Celsius in diesem Jahrhundert.

Das berichtet ein Forscherteam um Joeri Rogelj und Malte Meinshausen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in der aktuellen Ausgabe des Journals "Nature".

"Es ist erstaunlich wie wenig ambitioniert die Selbstverpflichtungen sind", schreiben die Autoren in ihrem Meinungsbeitrag. Die Kopenhagen-Vereinbarung ("Copenhagen Accord") enthält das Ziel, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. Nach den bislang erfolgten Absichtserklärungen der Länder, ihren Treibhausgasausstoß zu senken, werden die jährlichen globalen Emissionen jedoch bis zum Jahr 2020 um zehn bis zwanzig Prozent zunehmen.

Sie erreichen dann Werte, die in ihrer Wirkung 47,9 bis 53,6 Gigatonnen Kohlendioxid entsprechen (Gigatonnen CO2-Äquivalente, GtCO2-eq). Das ergibt eine mehr als fünfzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass sich das Erdklima im 21. Jahrhundert um mehr als drei Grad Celsius erwärmt, berechneten die Autoren nun. Um das Zwei-Grad-Limit einhalten zu können, sollten im Jahr 2020 nicht mehr als 40 bis 44 GtCO2-eq emittiert werden.

Viele Länder haben zudem angekündigt, ihre maximalen Reduktionsziele nur im Rahmen eines globalen Abkommens umsetzen zu wollen, das bislang nicht existiert. Es sei daher wahrscheinlich, dass die angegebenen Minimalziele das wahre Ergebnis der Kopenhagen-Vereinbarung sind, stellen die Autoren fest. "Im schlimmsten Fall werden Zertifikate für mehr Emissionen ausgegeben, als wir bei einer Entwicklung ohne Klimaschutz zu erwarten hätten", sagt Joeri Rogelj.

In ihrer Analyse haben die Forscher auch vorhandene Schlupflöcher berücksichtigt, vor allem Überschüsse von Emissionszertifikaten. Wenn ein Land seine Emissionen stärker reduziert als es sich im Rahmen des Kioto-Protokolls zum Ziel gesetzt hat, kann es die überschüssigen Zertifikate später verwenden. "Das Kioto-Protokoll enthält so niedrig angesetzte Ziele einiger Länder, dass zwischen 2008 und 2012 große Überschüsse von Emissionszertifikaten anfallen, sogar ohne jegliche Klimaschutzmaßnahmen", berichten die Autoren. Sie schätzen die Überschüsse auf insgesamt elf GtCO2-eq. "Weil alles, was profitabel ist, auch ausgenutzt werden dürfte", nehmen die Autoren an, dass die Länder bis zum Jahr 2020 zunehmend von diesen Überschüssen zehren werden.

Die Abschätzungen der nationalen Emissionen haben die Forscher aus den Selbstverpflichtungen der Kopenhagen-Vereinbarung oder früheren Erklärungen übernommen. Bei Ländern, die bislang keinerlei Reduktionsziele bekannt gegeben haben, gingen sie von einer "Business-as-usual"-Entwicklung weiterhin zunehmender Emissionen aus. Mit diesen Daten fütterten sie ein gekoppeltes Kohlenstoffkreislauf-Klima-Modell. Die Projektionen zeigen, dass die Temperaturzunahme bis zum Jahr 2100 über drei Grad Celsius liegt. "48 Gigatonnen CO2-Emissionen sind mit dem Zwei-Grad-Ziel nicht vereinbar. Es ist vielmehr so, als rase man auf einen Abgrund zu und hoffe, kurz davor stoppen zu können", sagt Malte Meinshausen. Der Forscher hatte kürzlich in "Nature" über das globale Emissionsbudget berichtet, das noch zur Verfügung steht, um das Zwei-Grad-Limit einzuhalten.

Bis zum 13. April hatten 76 Länder ihre Reduktionsziele zur Kopenhagen-Vereinbarung eingereicht. Diese Länder verursachen rund 80 Prozent der weltweiten Emissionen. Japan und Norwegen sind die einzigen Industrieländer, deren Selbstverpflichtungen mit dem Zwei-Grad-Limit vereinbar sind, berichten die Autoren (siehe http://www.climateactiontracker.org). Die USA haben angegeben, ihre Emissionen bis 2020 um 17 Prozent gegenüber dem Stand von 2005 zu reduzieren, was nur drei Prozent gegenüber dem Stand von 1990 entspricht. Insgesamt müssten sämtliche Industrieländer zusammen ihre Emissionen bis 2020 jedoch um 25 bis 40 Prozent verringern. Das Minimalziel Chinas, seine CO2-Emissionen relativ zum Bruttosozialprodukt um 40 Prozent gegenüber 2005 zu verringern, entspricht ungefähr einer Entwicklung ohne Klimaschutzmaßnahmen. Die Europäische Union hat Reduzierungen von 20 bis 30 Prozent angeboten. Die Emissionen um 20 Prozent zu senken, würde von heute bis 2020 zu geringeren jährlichen Reduzierungen führen, als bereits im Durchschnitt der letzten 30 Jahre erreicht wurden.

Die Analyse entstand in Zusammenarbeit von Forschern des PIK sowie des Unternehmens Ecofys (http://www.ecofys.de) und der Organisation Climate Analytics (http://www.climateanalytics.org).

Artikel: Rogelj, J. et al. (2010). Copenhagen Accord pledges are paltry. Nature 464, 1126-1128, DOI: 10.1038/4641126a

Weitere Informationen:
http://unfccc.int/home/items/5262.php - Selbstverpflichtungen im Rahmen der Kopenhagen-Vereinbarung

http://idw-online.de/pages/de/news312063 - PIK-Pressemitteilung: Auf dem Weg zum Einstellen der Emissionen: 2°C-Ziel erfordert mehr als 50 Prozent Reduzierung bis 2050

Patrick Eickemeier | idw
Weitere Informationen:
http://www.pik-potsdam.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics