Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Konkurrenz verdirbt die Qualität

20.06.2011
Kommunikationswissenschaftliche Studie zur Güte von Monopolzeitungen erscheint / Konkurrenz belebt das Geschäft, so heißt es, und auf viele Branchen trifft das auch zu

Der Wettbewerb unter den Telefonanbietern beispielsweise hat für den Kunden nur Vorteile gebracht. Das sollte, so möchte man meinen, auch für Zeitungen gelten. Doch Regionalzeitungen müssen sich immer seltener gegen einen Konkurrenten behaupten.

Konnte der deutsche Leser Mitte des vergangenen Jahrhunderts noch im Schnitt zwischen drei Tageszeitungen auswählen, sind es heute durchschnittlich nur noch 1,5 Zeitungen. Das hat allerdings der Qualität der einzelnen Zeitung nicht geschadet, wie Prof. Dr. Frank Marcinkowski vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster jetzt in der ersten Untersuchung zum Zusammenhang von Marktbedingungen und Berichterstattungsqualität bei deutschen Regionalzeitungen nachgewiesen hat. Sie wird demnächst im Verlang der österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen.

Dazu nahm er insgesamt 66 Regionalzeitungen unter die Lupe, 32 davon in einer Monopolstellung ("Ein-Zeitungs-Kreise"), 34 mit genau einer Konkurrenzzeitung im Kreisgebiet. Damit konnte er rund 60 Prozent der Konstellationen dieser Art in Deutschland abdecken. Die Zeitungsausgaben einer Woche durchforstete er mit seinen Studierenden zwei Semester lang nach bestimmten Qualitätskriterien. "Die mussten wir erst einmal definieren. Die Auflage konnte es nicht sein, denn das würde ja auch bedeuten, dass die Sendung im Fernsehen die beste ist, die die meisten Zuschauer hat. Und das ist unzweifelhaft nicht der Fall", so Frank Marcinkowski.

Vier inhaltliche Merkmale, festgemacht an jeweils drei Einzel-Kriterien, legte Frank Marcinkowski schließlich fest: Die Vielfalt maß er durch die Zahl der "O-Ton"-Geber, die Themenvielfalt und die Vielfalt der behandelten Orte, die Ausgewogenheit beispielsweise durch die Berichterstattung über Parteipolitik. Die Professionalität einer Zeitung untersuchte er, indem er die Eigenständigkeit der Beiträge, die Transparenz der Quellen und die Meinungsbildung berücksichtigte. Die Relevanz der Berichterstattung schließlich wird seiner Meinung nach durch die Politisierung des Blattes, das Verhältnis von "Hard News" und "Soft News" sowie durch "Anti-Provinzialismus" bestimmt. "Über diese Festlegung kann man natürlich streiten, aber ich glaube, wir haben damit einen guten Maßstab gefunden."

Nur in vier der zwölf Merkmale unterschieden sich Monopol- und Konkurrenzblätter überhaupt – und in dreien davon zugunsten der Monopolblätter. In puncto Akteursvielfalt, Politisierung und Anti-Provinzialismus standen sie eindeutig besser da. Frank Marcinkowski berechnete danach die Wettbewerbsintensität, indem er die Auflagenzahlen ins Verhältnis zur Gesamtmarktgröße setzte. Und auch hier zeigte sich: Je weniger intensiv der Wettbewerb war, desto besser schnitten die Zeitungen ab. Wieder waren es Akteursvielfalt, Politisierung und Anti-Provinzialismus, mit denen die Zeitungen unter geringem Wettbewerbsdruck punkten konnten. Dazu kamen bessere Werte in Sachen Themenvielfalt. "Die meisten Merkmale sind vollständig unabhängig davon, ob eine Zeitung im Wettbewerb steht. Aber wenn es einen Zusammenhang gibt, stehen die Monopolisten besser da", so Frank Marcinkowski. Und das gelte für alle untersuchten Zeitungen.

Sollte man nicht annehmen, dass eine Zeitung, die sich gegen eine andere behaupten muss, größere Anstrengungen unternimmt als eine, die konkurrenzlos ist? "Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, vor allem aus der amerikanischen Forschungsliteratur. Ein Grund sind schlicht die Finanzen: Ein Monopolist kann seine Redaktion besser stellen als eine Konkurrenzzeitung, die sich die verkaufte Auflage mit einer anderen Zeitung teilen muss." Das Postulat der neoliberalen Wirtschaftstheorie, Produzenten bemühten sich bei Konkurrenz tatsächlich darum, das bestmögliche Produkt zum bestmöglichen Preis anzubieten, funktioniere nur dann, wenn die Leser tatsächlich Qualität nachfragen. "Das ist nicht unbedingt der Fall. Journalistischen Produkten kann man ihre Qualität nicht direkt ansehen, anders, als es bei Autos der Fall ist. Deswegen richtet sich in Medienmärkten die Nachfrage nicht automatisch auf das qualitativ beste Produkt."

Wenn also für den Leser die journalistische Qualität kein Kriterium ist, dann aber zumindest für die Zeitungsmacher selbst. Der amerikanische Politikwissenschaftler John Zaller hat die These aufgestellt, dass auch Journalisten rational handelnde Menschen sind. Das ist auf den ersten Blick nicht weiter verwunderlich und führt dazu, dass Journalisten, um ihre Karriere zu fördern, um Verleger und Konkurrenten zu beeindrucken, automatisch immer ein nach professionellen Maßstäben gutes Produkt abliefern wollen. "Das funktioniert aber nur, wenn die Verlage mitspielen, sich wenig in redaktionelle Belange einmischen und Spielraum für Qualitätsjournalismus schaffen. Das ist unter Monopolbedingungen offenbar eher der Fall", so Frank Marcinkowski.

Lange Zeit hat die Kommunikationswissenschaft sogenannte Leitmedien wie "Spiegel" oder "Frankfurter Rundschau" im Blick gehabt. "Neben allem anderen war es jetzt interessant, zu sehen, was die Menschen tatsächlich lesen – nämlich die meist nur in ihrer Region bekannte Tageszeitung", erzählt der münstersche Wissenschaftler. Sie mögen im Einzelfall nur Auflagen im niedrigen sechstelligen Bereich haben, doch zusammen prägen sie das Weltbild von Millionen.

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise