Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Körperhaarentfernung bei immer mehr jungen Erwachsenen im Trend

18.11.2008
Mehr als 97 Prozent der jungen Frauen und 79 Prozent der Männer entfernen regelmäßig Körperhaar an mindestens einer Körperregion.

Das geht aus einer Untersuchung hervor, die von Professor Elmar Brähler und Dr. Aglaja Stirn mit Hilfe des Diplomanden Tim Kühne an der Universität Leipzig, Selbstständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, an einer studentischen Stichprobe durchgeführt wurde.

Der Studie zufolge befand sich der Anteil der Teilnehmerinnen, die überhaupt kein Körperhaar entfernen, auf interferenzstatistisch nicht verwertbarem Niveau. In der Untersuchung wurde bei Männern die Bartrasur nicht mit einbezogen.

Beachtlich auch die Anzahl gleichzeitig enthaarter Körperpartien: 89 Prozent der Frauen, die sich regelmäßig rasieren/epilieren/trimmen, tun dies an drei oder mehr Körperpartien. Fast die Hälfte der Frauen (48 Prozent) enthaaren sich vier Körperpartien gleichzeitig. Das sind vor allem Beine, Achselhöhlen, der Genitalbereich und die Augenbrauen. Bei Männern, die sich abgesehen vom Bart Körperhaar entfernen, werden zu mehr als 50 Prozent zwei oder drei Körperpartien einbezogen. Männer rasieren sich vor allem die Achselhöhlen, Genitalbereich oder Oberkörper.

Insgesamt wurden 314 Studentinnen und Studenten befragt, davon 219 Frauen und 95 Männer. Der Altersdurchschnitt der Stichprobe lag bei rund 23 Jahren. Mehr als drei Viertel der Befragten studierten zum Zeitpunkt der Befragung Humanmedizin (45 %) oder Psychologie (34 %). Auch wenn die Anzahl vergleichbarer Studien sehr gering ist, lässt sich eine deutliche Zunahme der Personen beobachten, die Körperhaar entfernen, und eine Zunahme der Körperregionen, die dieser Modifikation unterzogen werden.

Warum unterziehen sich junge Menschen einer solch aufwändigen Prozedur? Bei der Frage nach den Gründen wird bei Befragungen immer wieder das Wechselspiel zwischen individueller Attraktivität und gesellschaftlicher Normativität angegeben.

Untersuchung unterstützt entpathologisierte Sichtweise

Die hier zitierte Untersuchung an der Universität Leipzig, Selbstständige Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, unterstützt eine entpathologisierte Sichtweise auf das Phänomen "Körperhaarentfernung". So leiden Personen, die sich die Arbeit einer aufwändigen Haarentfernung machen, nicht an einer Störung ihres Selbstwertes. Ebenfalls nicht zu beobachten ist ein besonders ausgeprägtes Persönlichkeitsmerkmal "Sensation Seeking" - also das Bedürfnis nach ständig neuer Stimulation und hoher Erregung.

Männer: Höhere Extraversionswerte

Mittels des eingesetzten Persönlichkeitstests (Kurzversion des NEO-FFI) konnte auf den fünf Persönlichkeitsdimensionen Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nur auf einer Dimension eine Abweichung beobachtet werden. So weisen Männer, die regelmäßig zwei oder mehr Körperregionen enthaaren, erhöhte Extraversions-Werte auf. Männer, die sich mehrere Körperpartien rasieren, sind also sozial aktiv, geselliger, beschreiben sich als selbstsicherer und optimistischer.

Gründe für hohe Anzahl von Intimrasuren

Zusätzlich interessant erscheint die Frage nach den Gründen einer Intimrasur. Unserer Untersuchung zufolge, nehmen eine ausgesprochen große Zahl von 88 Prozent der Frauen (und 67 Prozent der Männer) diese Form der Körpermodifikation vor. Speziell bei der Frage der hohen Zahl der (Genital-)-Haarentfernung bei Frauen können aus unserer Sicht zwei Ansätze zur Erklärung beitragen:

Der Infantilisierungsansatz diskutiert vorpubertäres Aussehen als Zeichen der Sexualabwehr. Durch die umfängliche Rasur wird sexuelle Unreife und damit Ungefährlichkeit signalisiert. Die Frau macht sich durch Epilation zu einem verletzlichen, unbedrohlichen Kind. Sie schützt sich aus Sexualangst vor reifer, genitaler Sexualität. Durch die Verwandlung der Frau in ein ungefährliches Kind wird beim Mann das Überlegenheitsgefühl bestärkt.

Im Gegensatz zu diesem Ansatz, der Intimrasur als Ausdruck und Unterstützung patriarchaler Sexualität begreift, kann Haarentfernung im Genitalbereich auch als Zeichen gesteigerter weiblicher Emanzipation begriffen werden. Denn Intimrasur schafft visuelle Anreize. Diesem Ansatz zufolge, der hier als visueller Ansatz diskutiert wird, bietet Schamhaar visuellen Schutz, eine visuelle und taktile Barriere. Durch Entfernung der Haare wird weibliches Genital sichtbarer. Die Frau kann sich durch Sichtbarmachung ihrer Genitalien ihrer Sexualität bewusster werden. Demzufolge wäre Rasur als Zeichen eines gewachsenen weiblichen Selbstbewusstseins zu verstehen.

Zu betonen ist, dass nur die genaue Betrachtung des Einzelfalls klären kann, ob es sich bei der Intimrasur um eine Form der Sexualabwehr oder ein Mittel zur Steigerung der Sexualität handelt. Bedacht werden muss auch, dass in vielen Kulturen die Rasur im Kontext von Initiationsriten vorgenommen wird um Übergänge in neue Lebensphasen zu markieren.

"Über kurz oder lang wird wieder üppig wachsendes Haar als schick gelten"

Zusammenfassend lässt sich hierzu jedoch sagen, dass beiden dargestellten psychosozialen Deutungsansätzen ein allgemeiner kultureller Trend zugrunde liegt. "Dies gilt für Achseln und Beine genauso wie für den Genitalbereich. Knapper werdende Badebekleidung sowie die starke Präsenz von Nacktheit in den Medien tragen dazu bei, dass sich für diese Bereiche ästhetische Normen herausbilden", erklärt Professor Brähler und führt fort: "Speziell für den Bereich der Intimrasuren bei Frauen, lässt sich sagen, dass es die 'neue' Sichtbarkeit der äußeren weiblichen Genitalien ist, die dazu führt, dass sich auch hier Schönheitsnormen herausbilden: Erstmals entwickelt sich eine allgemeingültige - für weite Schichten der Bevölkerung - verbindliche Intimästhetik. Eine bis dato primär zur Privatsphäre zählende Körperregion - die Schamregion - unterliegt fortan einem Gestaltungsimperativ." Frau Dr. Stirn ergänzt: "Und so verwundert nicht, dass sich immer mehr Frauen für die Option interessieren, auch im Intimbereich Korrekturen durch chirurgische Eingriffe vornehmen zu lassen oder es mit einem Piercing zu versehen, da dieser Bereich dem Auge mehr zugänglich geworden ist."

Durch die massenhaft mediale Sichtbarkeit vorrangig der weiblichen Genitalien wird ein Körperbereich medial kolonisiert und gleichsam zu einem öffentlichen Raum. So ist davon auszugehen, dass das aktuelle Modeideal der "glatt rasierten Scham", wie jede andere Mode, auch wieder aus der Mode kommt. "Über kurz oder lang wird wieder üppig wachsendes Haar als schick gelten", so Professor Brähler.

Für weiterführende Informationen sind folgende Publikationen zu empfehlen:

Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar (Hrsg.):
psychosozial 112 - "Intimmodifikationen"
Erschienen im Psychosozial-Verlag (http://www.psychosozial-verlag.de)
ISBN-13: 01713434
Turkof, Edvin, Sonnleitner, Elis:
"Schamlippenkorrektur"
Erscheint im November 2008 im Maudirch-Verlag (http://www.maudrich.com/index.html)

ISBN 3-85175-897-8

weitere Informationen:

Prof. Dr. Elmar Brähler
Telefon: 0341 97-18800
E-Mail: elmar.braehler@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/~medpsy
http://www.psychosozial-verlag.de
http://www.maudrich.com/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Ab ins Ungewisse: Über das Risikoverhalten von Jugendlichen
19.01.2017 | Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

nachricht Der Klang des Ozeans
12.01.2017 | Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

Ein schwedisch-deutsches Forscherteam hat bei DESY einen zentralen Prozess für die künstliche Produktion von Seide entschlüsselt. Mit Hilfe von intensivem Röntgenlicht konnten die Wissenschaftler beobachten, wie sich kleine Proteinstückchen – sogenannte Fibrillen – zu einem Faden verhaken. Dabei zeigte sich, dass die längsten Proteinfibrillen überraschenderweise als Ausgangsmaterial schlechter geeignet sind als Proteinfibrillen minderer Qualität. Das Team um Dr. Christofer Lendel und Dr. Fredrik Lundell von der Königlich-Technischen Hochschule (KTH) Stockholm stellt seine Ergebnisse in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften vor.

Seide ist ein begehrtes Material mit vielen erstaunlichen Eigenschaften: Sie ist ultraleicht, belastbarer als manches Metall und kann extrem elastisch sein....

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Allen Unkenrufen zum Trotz“ Neues Projekt sorgt für Schutz der Gelbbauchunken in Bayern

24.01.2017 | Förderungen Preise

Gehirn und Immunsystem beim Schlaganfall – Neueste Erkenntnisse zur Interaktion zweier Supersysteme

24.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Forscher spinnen künstliche Seide aus Kuhmolke

24.01.2017 | Materialwissenschaften