Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Körpergröße war schon immer individuell

27.03.2015

Tübinger Wissenschaftler zeigt in internationaler Studie: Auch unsere frühesten Vorfahren waren unterschiedlich gebaut

Schon die frühesten Vertreter unserer Gattung Homo unterschieden sich in Körpergröße und Statur stark voneinander: Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Wissenschaftlern der Universitäten Tübingen und Cambridge.

Bislang war wenig über Gewicht und Körperlänge unserer Vorfahren bekannt, die zwischen 2,5 und 1,5 Millionen Jahren vor heute lebten. Die Ergebnisse zeigen, dass bereits zu dieser Zeit die für heutige Menschen typische große Bandbreite zu finden ist, sagt Manuel Will, Ko-Autor der Studie und Doktorand der Tübinger Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie. „Diese Erkenntnis birgt wichtige Implikationen für die Evolution unserer Gattung.“ Die Studie wurde gestern online im Journal of Human Evolution veröffentlicht.

Manuel Will und Mitautor Jay Stock, Anthropologe an der Universität Cambridge, hatten frühe Vertreter unserer Stammeslinie verglichen: sowohl Fossilien aus den berühmten ostafrikanischen Fundstellen Olduvai Gorge in Tansania und Koobi Fora in Kenia, der „Cradle of Humankind“ in Südafrika, als auch die ältesten menschliche Fossilien außerhalb Afrikas aus Dmanisi in Georgien.

Die Forscher fanden markante Unterschiede im Körperbau, die die Existenz von mindestens zwei unterschiedlich großen Arten von Homo zwischen 2,5 bis 1,5 Millionen Jahren vor heute nahe legen. Während Individuen aus Koobi Fora vor 1,7 bis1,5 Millionen Jahren durchschnittlich 70 Kilogramm schwer und 165 Zentimeter groß waren, wiesen in etwa zeitgleiche Vertreter aus Olduvai Gorge im Mittel 20 Kilogramm sowie 20 Zentimeter weniger auf, obwohl sie in der gleichen Region lebten.

Der Vergleich zwischen Fossilien aus Afrika und Eurasien zeigt außerdem, dass frühe Homo-Vertreter erst vor ca. 1,7 bis 1,5 Millionen Jahren in der Koobi Fora Region einen stark vergrößerten Körperbau entwickelten, also nachdem bereits Auswanderungen nach Eurasien stattgefunden hatten. Auch weisen die Fossilien in Georgien noch auf verhältnismäßig kleine Körper hin. Diese Erkenntnisse stehen im Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung: Bislang war man mehrheitlich davon ausgegangen, dass Steigerungen in der Körpergröße die physische Voraussetzung waren, um die erste Ausbreitung unserer Gattung nach Eurasien zu ermöglichen.

Da sich die Körpergröße nicht direkt an Fossilien ablesen lässt, muss sie mit mathematischen For-meln berechnet werden. Bisherige Untersuchungen früher Homo-Arten basierten auf sehr kleinen Stichproben, da deren fossile Knochen meistens nur als Bruchstücke vorkommen. Anhand solcher Fragmente, wie zum Beispiel dem Teil eines Oberschenkelknochens, lässt sich zwar oftmals die Gattung, nicht aber die Art mit Sicherheit bestimmen.

In der gemeinsamen Studie der Universitäten Tübingen und Cambridge wurde daher eine Klassifi-zierung der Fossilien nach Arten bewusst außer Acht gelassen und ausschließlich geographische und zeitliche Differenzen in der Körpergröße von frühen Homo-Vertretern analysiert. Diese beiden Variablen ließen sich einfacher überprüfen und erlaubten zugleich die Vergrößerung der Stichprobe durch die Einbeziehung aller fragmentarischen Knochenüberreste, erläutert Manuel Will.

„Durch ihren innovativen Ansatz gelingt es den Forschern, neue Erkenntnisse zur Evolution der Körpergröße innerhalb unserer eigenen Gattung ans Licht zu bringen“, sagt Professorin Katerina Harvati-Papatheodorou, Leiterin der Arbeitsgruppe Paläoanthropologie am Institut für Ur- und Frühge-schichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen.

Die Studie ist die bislang umfassendste ihrer Art und stellt die erste statistische Untersuchung von Körpergrößen-Unterschieden innerhalb früher Homo-Formen dar.

Publikation:
Will, M., Stock, J.T., Spatial and temporal variation of body size among early Homo, Journal of Hu-man Evolution (2015), http://dx.doi.org/10.1016/j.jhevol.2015.02.009
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0047248415000287

Kontakt:
Manuel Will, M.Phil.
Universität Tübingen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Arbeitsgruppe Ältere Urgeschichte und Quartärökologie
Telefon +49 7071 29-74993
manuel.will[at]uni-tuebingen.de


Dr. Karl Guido Rijkhoek | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Echtzeit-Feedback hilft Energie und Wasser sparen
08.02.2017 | Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neue Prozesstechnik für effizientes Bohren und Schneiden auf der LASER CHINA

22.02.2017 | Messenachrichten

IHP-Forschungsteam verbessert Zuverlässigkeit beim automatisierten Fahren

22.02.2017 | Automotive