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Klimaschutz: 80 Prozent weniger Treibhausgase sind umsetzbar

01.12.2009
Das Ziel, den globalen Temperaturanstieg durch Strategien gegen den Klimawandel auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, ist laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Europa technisch und wirtschaftlich umsetzbar.

Die Treibhausgas-Emissionen können in Europa bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden. Diese Ergebnisse liefert die ADAM-Europa-Studie, die das Fraunhofer ISI im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt hat. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle Optionen für Emissionsreduktion zügig gestartet und engagiert verfolgt werden.

Das Forschungsprojekt ADAM - "Adaptation and mitigation strategies - supporting European Climate Policy (Anpassungs- und Vermeidungsstrategien zur Unterstützung der europäischen Klimapolitik)" - hat die klimapolitische Weiterentwicklung des Kyoto-Protokolls für die Zeit nach 2012 aufgezeigt und bewertet. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat in seiner Studie die europäischen Strategien für den Klimaschutz evaluiert und für die EU weiterentwickelt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass eine 80-prozentige Reduktion der Treibhausgas-Emissionen bis 2050 gegenüber 1990 möglich ist. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig, einen Preis für die Emissionen festzulegen. Doch diese Maßnahme alleine reicht nicht aus, um im erforderlichen Umfang neue klimafreundlichen Technologien zum Einsatz zu bringen und Verhaltensänderungen in der Gesellschaft zu bewirken, da Märkte meistens kurzfristig funktionieren, während Klimapolitik langfristig effektiv sein muss. Aus diesem Grund sehen die Projektleiter Prof. Eberhard Jochem und Dr. Wolfgang Schade die Politik heute vor einer großen Herausforderung. Es müssen Maßnahmen gegen den Klimawandel beschlossen werden, obwohl dessen negative Effekte jetzt noch wenig zu erkennen sind. Aber zukünftige Generationen werden von den Auswirkungen des Klimawandels viel stärker betroffen sein - nur ist es dann zu spät, etwas dagegen zu tun. "Wir müssen jetzt mit dem Klimaschutz anfangen", betont Schade.

Dabei ist es wichtig, dass alle Sektoren, die Treibhausgase emittieren, einen Beitrag zu den Emissionsreduktionen leisten. Die Sektoren Industrie- und Transport dürfen bis 2050 nur noch rund 40 Prozent der Emissionen von 2005 emittieren. Haushalte, Dienstleistungssektoren und die Stromerzeugung müssen ihre Emissionen in diesem Zeitraum sogar um fast 90 Prozent reduzieren. Damit steigt insbesondere der Anteil des Sektors Verkehr von heute etwa einem Viertel der europäischen Treibhausgasemissionen auf knapp die Hälfte an.

Generell braucht es ein breites Portfolio an politischen Maßnahmen, die sowohl technologische Innovationen als auch Verhaltensänderungen bewirken - auf allen Ebenen, ob in der gesamten EU, auf nationaler oder lokaler Ebene. Das Konzept für dieses Gesamtprogramm wird als Green New Deal bezeichnet, der wirtschaftliche Stimulierung mit "grüner" Technologie kombiniert. "Man erzeugt Wirtschaftswachstum, indem man auf Material- und Energieeffizienz sowie Klimaschutz setzt - eine win-win-Situation", so Schade: Auf wirtschaftlicher Seite entstehen neue Arbeits- und Absatzmärkte, auf ökologischer Seite nützt der Green New Deal dem Klimaschutz.

Schade sieht vor allem den Einsatz von Material- und Energieeffizienz-Technologien und den Ausbau der Erneuerbaren Energien als wichtige Bereiche an, die durch unterschiedliche Maßnahmen - von besser isolierten Gebäuden, CO2-Emissionsstandards für Kraftfahrzeuge bis hin zur Förderung von Erneuerbaren und Elektromobilität - realisiert werden müssen. "Die fossilen Brennstoffe werden so im ADAM-Szenario durch vermiedene Energienachfrage und erneuerbare Energiegewinnung ersetzt, die zum Beispiel bei der Stromerzeugung auf bis zu 75 Prozent ausgebaut werden kann." Ein Ausbau der Kernenergie oder von Carbon-Capture-and-Storage (CCS) im Energiesektor wäre dann nicht erforderlich.

Weitere Optionen zum nachhaltigen Klimaschutz, so die Studie des Fraunhofer ISI, sind politische Maßnahmen für Investitionen in Forschung und Entwicklung von neuen Technologien, die zur Treibhausgasreduktionen beitragen. Nicht zuletzt sind Normen, Standards und Labels für Produkte mit niedrigem CO2-Ausstoß notwendig, damit diese schneller in den Markt kommen und Investitionssicherheit und Anreize für Investoren geschaffen werden.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Strategien zur CO2-Reduktion werden die wirtschaftliche Entwicklung nicht grundlegend ändern, sie manchmal sogar verbessern. Als untere Schätzung gehen die Forscher momentan von einem Minus des Bruttoinlandsprodukts durch klimafreundliche Investitionen und Kosten von 1,7 bis 2,7 Prozent aus - in 40 Jahren zwischen 2010 und 2050. Aber auch positivere Entwicklungen sind möglich. Zum Vergleich: Die Finanzkrise sorgt für ein Minus des Bruttoinlandsproduktes zwischen vier und sechs Prozent - innerhalb von zwei Jahren.

Wird das Geld jetzt nicht investiert, werden sich die Kosten erhöhen: "Die Folgekosten des Klimawandels können viel größer sein als die Investitionen in den Klimaschutz und ein Minus des Bruttoinlandsproduktes von bis zu 20 Prozent zur Folge haben", erklärt Schade mit Hinweis auf Studien von Sir Nicholas Stern.

Der Einfluss des Klimaschutzes auf die Beschäftigung ist sogar noch geringer: Er liegt zwischen -0,3 und +0,2 Prozent, abhängig von Region und Sektor. So können im Energiesektor und Servicebereich wegen der geringeren Energienachfrage und höherer Energiepreise Arbeitsplätze zum Teil verloren gehen, während die Landwirtschaft und die Industrie durch die vermehrte Verwendung von Biomasse und die gesteigerten Investitionen in Energieeffizienz- und Klimaschutztechnologie Arbeitsplätze schaffen.

Die Studie "ADAM 2-degree scenario for Europe - policies and impacts" kann unter http://cms.isi.fraunhofer.de/wDefault_1/OrgEinh-2/beitraege/Presseinfos/2009/pri09-27.php heruntergeladen werden.

Kontakt:
Dr. Kathrin Schwabe
Telefon: 0721/6809-100
E-Mail: presse@isi.fraunhofer.de
Relevant für die Wirtschaft, relevant für die Gesellschaft - das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI untersucht, wie technische und organisatorische Innovationen Wirtschaft und Gesellschaft heute und in Zukunft prägen. Markenzeichen der systemischen Arbeit ist es, Forschungsdisziplinen zu integrieren und mit Auftraggebern und Interessenten ein Netzwerk für Innovationen zu gestalten. Mit seiner Expertise, seiner Erfahrung und seinen Studien leistet das Institut als Teil der praxisorientierten Forschung der Fraunhofer-Gesellschaft einen Beitrag zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb nutzen Politik, Verbände und Unternehmen das Fraunhofer ISI als vorausschauenden und neutralen Vordenker, der Perspektiven für Entscheidungen vermittelt.

Dr. Kathrin Schwabe | idw
Weitere Informationen:
http://www.isi.fraunhofer.de
http://cms.isi.fraunhofer.de/wDefault_1/OrgEinh-2/beitraege/Presseinfos/2009/pri09-27.php

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