Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kinder mit Migrationshintergrund: Geringe Kenntnisse in Politik und Demokratie

22.09.2010
Migrantenkinder in bayerischen Grundschulen wissen deutlich weniger über Politik und Demokratie als Kinder deutscher Herkunft.

Zeigen die Migrantenkinder zudem eine geringe Sprachkompetenz, wirkt sich das zusätzlich negativ auf das politische Wissen aus. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer neuen Studie von Bildungsforschern der Universität Würzburg.

539 Grundschulkinder der zweiten Klassen haben die Würzburger Bildungsforscher im Rahmen des Bayerischen Forschungsverbunds „Migration und Wissen“ zu ihrem Wissen über Politik und Demokratie, ihrem Medienverhalten und den Sprachkompetenzen befragt. Die Ergebnisse werfen nach Meinung des Projektleiters, Professor Heinz Reinders, ein neues Licht auf die Integrationsdebatte: „Die Studie macht deutlich, dass die Integration von Migranten nicht mit Sanktionen zu bewerkstelligen ist. Da müssen ganz konkrete Fördermaßnahmen in politischer Bildung entwickelt werden“, so Reinders, der an der Universität Würzburg den Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung inne hat.

Nur knapp die Hälfte erkennt Angela Merkel

So erkannten knapp 85 Prozent der deutschen Kinder Angela Merkel auf einem Bild, aber nur etwa 58 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund. Auf die Frage, ob in Deutschland ein Bundeskanzler, ein Bürgermeister oder ein König am meisten bestimmt, antworteten 41 Prozent der deutschen und 27 Prozent der nicht-deutschen Kinder korrekt. Was Politiker hauptsächlich machen, wusste immerhin knapp die Hälfte der Migrantenkinder. Aber auch hier wurden sie von den Kindern deutscher Herkunft mit knapp 70 Prozent deutlich überflügelt. Grund hierfür ist unter anderem, dass weniger als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund überhaupt schon einmal den Begriff „Politiker“ gehört haben. In der Vergleichsgruppe deutscher Herkunft lag der Anteil mit 68 Prozent deutlich höher.

Deutliche Wissenslücken über Demokratie

Ebenfalls stark ausgeprägt sind die Unterschiede beim Wissen über Demokratie. Etwas darüber gehört haben Kinder mit Migrationshintergrund zwar ebenso selten wie deutsche Kinder (31 im Vergleich zu 38 Prozent). Auch die Frage, was Demokratie im Kern bedeutet, konnten Migrantenkinder genauso selten richtig beantworten wie deutsche Kinder. Jeweils etwa ein Viertel lag hier mit ihrer Antwort richtig.

Deutliche Wissenslücken offenbaren sich allerdings hinsichtlich der Funktionsmechanismen von Demokratie. Wie man ein „Bestimmer“ wird, wussten fast doppelt so viele deutsche im Vergleich zu nicht-deutschen Kindern. 72 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund konnten hier die richtige Antwort geben, aber nur 38 Prozent der Grundschüler nicht-deutscher Herkunft. Auch glaubte nur ein Viertel der Migrantenkinder, dass man in Deutschland die „Bestimmer“ wählen kann, gegenüber 40 Prozent in der Stichprobe deutscher Kinder.

Der Einfluss der Eltern ist wichtig

„Besonders deutlich ist die Systematik der Unterschiede“, fasst Reinders die Ergebnisse zusammen. „In allen Bereichen wissen Migrantenkinder weniger als Kinder deutscher Herkunft. Etwas geringer werden die Unterschiede nur, wenn ein Elternteil deutscher Herkunftssprache ist“.

Die Studie zeigt dabei auf, dass vor allem Kinder, bei denen beide Elternteile nicht-deutscher Herkunft sind, besonders wenig wissen. „Das ist auch eine Frage der Sprachkompetenz“, ergänzt Reinders. „Selbst wenn man Kinder mit und ohne Migrationshintergrund betrachtet, die über vergleichbare Sprachkompetenzen verfügen, ist das Wissen der Migrantenkinder immer noch geringer vorhanden“.

Grundschüler, die bei einem Sprachkompetenztest gut abschneiden, wissen häufiger, was Politiker machen, was eine Demokratie ausmacht und wie Entscheidungsträger gewählt werden. Interessant sei dabei, so Reinders, dass die befragten bayerischen Kinder unabhängig von Herkunft oder Sprachkompetenz je zur Hälfte Kindernachrichten schauen würden.

Ursachen für die Unterschiede sieht der Projektleiter im familialen und schulischen Umfeld. Wenn Eltern die deutsche Staatsbürgerschaft nicht haben, interessieren sie sich vermutlich auch weniger für deutsche Tagespolitik, was sich auch auf das Wissen der Kinder niederschlagen dürfte, vermutet Reinders.

Mehr politische Themen in der Schule

Und die Schule sieht Reinders in der Pflicht, bereits in der Primarstufe mehr politische Bildungsinhalte zu vermitteln, um auch Migrantenkinder frühzeitig mit politischen Themen vertraut zu machen. „Der Lehrplan in Bayern sieht so etwas nicht direkt vor“, kritisiert Reinders. Die Befunde der Studie seien deshalb Anlass genug, über einen möglichen Einbezug demokratischer Bildung nachzudenken. Es sei durchaus pädagogisch sinnvoll und didaktisch möglich, mit Kinder die Prinzipien einer Demokratie zu erarbeiten. Ansonsten bestünde laut Reinders die Gefahr, Migrantenkinder nicht nur bei schulischen Leistungen und Arbeitsmarktchancen, sondern auch als Mitglieder eines demokratischen Systems abzuhängen.

Kontakt: Prof. Dr. Heinz Reinders, T: (0931) 31-85566 /-63, heinz.reinders@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.bildungsforschung.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie