Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Kinder von Migranten kaum studieren gehen

21.06.2011
Eine statistische Untersuchung der Ungleichheit der Bildungschancen

Migrantenkinder erbringen im Schnitt keine schlechteren schulischen Leistungen als einheimische Kinder. Trotzdem sind sie auf Gymnasial- und Hochschulstufe unterrepräsentiert. Die Gründe sind nicht Diskriminierung durch die Lehrperson oder die Schule, sondern oftmals die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses.

Dabei bestehen zwischen den einzelnen Nationalitäten grosse Unterschiede. Dies zeigt eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützte bildungssoziologische Studie.

Das Schweizer Bildungssystem steht nicht allen Jugendlichen gleichermassen offen. Kinder von Akademikern und vermögenden Eltern erwerben viel häufiger einen höheren Bildungsabschluss als Kinder von Migranten und aus den Unterschichten. Diese Tatsache verletzt nicht nur die in der Verfassung festgehaltene Chancengleichheit. Sie ist zudem volkswirtschaftlich schädlich, weil sie dazu führt, dass leistungsfähige Individuen aus bildungsfernen Elternhäusern ihr Potenzial nicht entfalten können – was in der Schweiz deutlich häufiger vorkommt als in einigen Nachbarstaaten.

Warum aber sind die Chancen im Bildungssystem gerade für Migrantenkinder schlecht? Unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds, hat der Bildungssoziologe Rolf Becker von der Universität Bern mit seinem Team diese Frage für den Übergang von der Primarstufe auf die Sekundarstufe I statistisch mit Daten des Geburtsjahrgangs 1985 in der Deutschschweiz (2755 Fälle), mit Daten von 1998 für Schulkinder am Ende der Primarstufe im Kanton Zürich (1200 Fälle) sowie mit Daten für Primarschulkinder in den Kantonen Bern und Zürich (1366 Fälle) untersucht.

Das grössere Risiko, in der Sonderschule zu landen
Migrantenkinder sind im Bildungssystem im Nachteil Dabei variieren die Unterschiede zwischen den Nationalitäten stark. Die aus Deutschland, Frankreich und Österreich stammenden Kinder sind aufgrund ihres vorteilhaften sozioökonomischem Hintergrunds oftmals erfolgreicher als einheimische Kinder. Die deutlichen Nachteile der Migrantenkinder aus der Türkei, aus Portugal oder vom Balkan ergeben sich nicht durch Diskriminierung durch die Lehrpersonen. Sie werden von den Lehrern aufgrund ihrer tatsächlichen Leistungen gerecht benotet und nicht von vornherein als «Problemfälle» etikettiert und stigmatisiert. Ebenso wenig finden sich Hinweise dafür, dass sie strukturell durch das Schulsystem benachteiligt würden.

Die Gründe für die Nachteile sind oftmals die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses sowie Sprachprobleme. Dabei besitzen viele der Eltern den deutlich stärkeren Wunsch als einheimische Eltern, dass ihre Kinder die Matura machen – in den Kantonen Bern und Zürich sind dies über 87%. Bei den einheimischen Eltern sind es nur 69%. Trotzdem sind viele Migrantenkinder einem knapp dreimal grösseren Risiko ausgesetzt als einheimische Kinder, in einer Sonderschule unterrichtet zu werden, und einem zwei- bis dreimal höheren Risiko, keine Lehrstelle zu finden oder keine nachobligatorische Berufsausbildung abzuschliessen. Migrantenkinder sind an den Universitäten unterrepräsentiert. Ihr Anteil an den Absolventen liegt schweizweit bei 5%, obschon sie im Schnitt keine schlechteren schulischen Leistungen erbringen als die Einheimischen.

Schulische Selektion erfolgt zu früh
Rolf Becker empfiehlt erstens, die Sprachprobleme der Migranten- und der Unterschichtkinder zu beheben. Diese sollten möglichst vor der Einschulung in der jeweiligen Landessprache gefördert werden. Im Kanton Zürich besuchten 1998 rund 6% der Migrantenkinder das Gymnasium. Hätte man ihre Leistungen in Deutsch verbessert, hätte sich der Anteil, wie die statistischen Berechnungen nahelegen, verdoppelt. Man könnte so auch die Bildungschancen einheimischer Schulkinder aus den Unterschichten deutlich verbessern.

Zweitens sollten laut Becker die Eltern besser über die Möglichkeiten des Bildungssystems informiert werden. Drittens sollte die folgenreiche Selektion für die Sekundarstufe nicht bereits nach der vierten oder sechsten Klasse, sondern später erfolgen oder in der obligatorischen Schulzeit gar aufgehoben werden. Viertens müssten die grossen Bildungs- und Einkommensunterschiede reduziert werden – in der Schweiz eine «utopische Forderung», wie Becker sagt. Doch in Schweden beispielsweise wirkten sich die ausgeglichene Vermögensstruktur, die bessere schulische Qualifizierung der Bevölkerung sowie die hohe Erwerbstätigkeit der Mütter positiv auf die Chancengleichheit beim Bildungszugang und Erwerb von Bildungsabschlüssen aus.

Kontakt
Prof. Dr. Rolf Becker
Universität Bern
Institut für Erziehungswissenschaften
Muesmattstrasse 27
CH-3000 Bern
Tel.: +41 (0)31 631 53 51
E-Mail: rolf.becker@edu.unibe.ch
Eine Präsentation der Ergebnisse («Statistische und institutionelle Diskriminierung von Migranten im Schweizer Schulsystem») sowie der Text dieser Medienmitteilung stehen auf der Website des Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung: www.snf.ch > Medien > Medienmitteilungen

Presse- und Informationsdienst SNF | idw
Weitere Informationen:
http://www.snf.ch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht VDE analysiert Auswirkung der Digitalisierung auf die Arbeitswelt von Elektroingenieuren
29.06.2017 | VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.

nachricht Studie zu sicherem Autofahren bis ins hohe Alter
19.06.2017 | Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Der schärfste Laserstrahl der Welt

Physikalisch-Technische Bundesanstalt entwickelt einen Laser mit nur 10 mHz Linienbreite

So nah an den idealen Laser kam bisher noch keiner: In der Theorie hat ein Laser zwar genau eine einzige Farbe (Frequenz bzw. Wellenlänge). In Wirklichkeit...

Im Focus: Wellen schlagen

Computerwissenschaftler verwenden die Theorie von Wellenpaketen, um realistische und detaillierte Simulationen von Wasserwellen in Echtzeit zu erstellen. Ihre Ergebnisse werden auf der diesjährigen SIGGRAPH Konferenz vorgestellt.

Denkt man an einen See, einen Fluss oder an das Meer, so sieht man vor sich, wie sich das Wasser kräuselt, wie Wellen gegen die Felsen schlagen, wie Bugwellen...

Im Focus: Making Waves

Computer scientists use wave packet theory to develop realistic, detailed water wave simulations in real time. Their results will be presented at this year’s SIGGRAPH conference.

Think about the last time you were at a lake, river, or the ocean. Remember the ripples of the water, the waves crashing against the rocks, the wake following...

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der schärfste Laserstrahl der Welt

29.06.2017 | Physik Astronomie

Maßgeschneiderte Nanopartikel gegen Krebs gesucht

29.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wolken über der Wetterküche: Die Azoren im Fokus eines internationalen Forschungsteams

29.06.2017 | Geowissenschaften