Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wird mein Kind Probleme beim Lesenlernen haben?

11.01.2011
Welches Kind wird später in der Schule Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben?

Um das voraussagen zu können, wurde seit den 90er Jahren ein bestimmtes Testverfahren angewendet, das auch Grundlage von Förderzuweisungen für Kindergarten- und Schulkinder war. Das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) an der Universität Ulm hat dieses Testverfahren, genannt Differenzierungsprobe, in einer Studie mit 1.441 Grundschülern überprüft.

Das Ergebnis: Der Test hat kaum Vorhersagekraft. Nach Ansicht von Hirn- und Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer, Leiter des ZNL, ist diese unzureichende wissenschaftliche Fundierung ein Grund für mangelnden Erfolg im Bildungswesen.

„Wir wollten herausfinden, ob ein Test, der so weit verbreitet ist, tatsächlich fundierte Vorhersagen über spätere Lese- und Schreibschwächen macht. Schließlich werden deutschlandweit Kinder nach diesen Testergebnissen gefördert oder auch nicht gefördert“, beschreibt Michael Fritz, Geschäftsführer des ZNL, die Motivation für die von der Baden-Württemberg Stiftung über die Zukunftsoffensive III finanzierte jetzt veröffentlichte Studie (DOI: 10.1026/0049-8637/a00023).

Die Differenzierungsprobe prüft in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, ob Kinder z. B. unterschiedliche grafische Elemente, Wörter, Rhythmen oder Melodien unterscheiden können, da diese Unterscheidungsfähigkeit als eine Voraussetzung für das Lesen- und Schreibenlernen gilt. 1.441 Kinder aus Baden-Württemberg und Bayern wurden vor der Einschulung, zu Beginn und Ende der ersten und am Ende der zweiten Klasse mit dem Verfahren der Differenzierungsprobe und weiteren Begleiterhebungen getestet. Durchgeführt wurden die aufwändigen Testreihen an 53 Schulen mit Unterstützung des Staatlichen Seminars für Didaktik und Lehrerbildung Laupheim.

„Unsere Studie zeigte zu unserer eigenen Überraschung, dass die Differenzierungsproben keine wissenschaftlich ausreichende Vorhersagegüte haben. So entwickelte beispielsweise nur jedes vierte als Risikokind klassifizierte Kind später tatsächlich Probleme beim Lesen. Gleichzeitig waren drei Viertel der Kinder, die am Ende der zweiten Klasse Probleme im Lesen oder Rechtschreiben hatten, nicht als Risikokinder eingestuft worden“, erläutert Fritz.

In Deutschland werden immer noch häufig Verfahren eingesetzt, die nicht nach wissenschaftlichen Standards entwickelt und überprüft wurden, gleiches gilt für Lernmethoden oder Bildungsprogramme.

Der Hirn- und Bildungsforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer fordert daher nach dem Beispiel der Medizin mehr wissenschaftliche Evidenz im Bildungsbereich. „Die Situation ist eigenartig: Wenn es um Medizin geht, vom Zahnweh bis zur Krebstherapie, gelten klare Richtlinien für das, was zu tun ist. Wer eine neue, teure Therapie einführen will, kann dies nur tun, wenn er den wasserdichten Nachweis erbringt, dass sie tatsächlich besser ist als die alte. Wenn es dagegen darum geht, wie wir unsere Kinder unterrichten sollten, dann bemühen wir nicht die wissenschaftliche Methode des systematischen Fragens und Forschens.“ In seinem gerade erschienenen Buch „Medizin für die Bildung“ fordert er, die Bildungslandschaft in Deutschland durch eine evidenz-basierte Pädagogik in eine bessere Zukunft zu führen (Manfred Spitzer: Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise. Spektrum Verlag).

Gerne vermitteln wir Ihnen ein Gespräch. Nehmen Sie Kontakt zu Jörg Portius, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Universitätsklinikum Ulm, unter der Rufnummer 0731 500-43043 auf. Hinsichtlich eines Rezensionsexemplares wenden sich Journalisten bitte an Frau Sigrid Türck (sigrid.tuerck@znl-ulm.de) vom ZNL.

Jörg Portius | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-ulm.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik