Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kassensturz in der Savanne

25.10.2011
Kostenloser Supermarkt, Baumarkt und Apotheke – die biologische Vielfalt der westafrikanischen Savanne liefert der Bevölkerung vor Ort Nahrungsmittel, Werkstoffe, Feuerholz und Medizin.

Wie viel ist etwas wert, was nichts kostet? Forschern des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) zufolge muss die Antwort lauten: 39 % des durchschnittlichen Jahreseinkommens eines ländlichen Haushaltes in Nordbenin. Besonders die sehr arme Bevölkerung sei auf die Natur als Einkommensquelle angewiesen. Die sozioökonomische Studie zu biologischer Vielfalt ist vor kurzem im Fachblatt "Ecological Economics" erschienen.

Das „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“ der Vereinten Nationen und zuletzt die aktuelle „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“-Studie (TEEB) haben das Thema ins Scheinwerferlicht gerückt: Der wirtschaftliche Beitrag, den Natur und Umwelt für die Wohlfahrt der Gesellschaft leisten, lässt sich berechnen. Wissenschaftler des BiK-F haben dies nun beispielhaft für die Savannenlandschaft in Norden Benins getan und ermittelt, wie viel Einkommen durch sogenannte Waldnebenprodukte (Non-Timber Forest Products) erwirtschaftet wird. Dazu gehören Früchte, Samen, essbare Pflanzenteile, Heilpflanzen, Blätter und Fasern. Am bekanntesten sind die Samen des Sheabutter-Baums, deren Fett in Hautpflegeprodukten und in der Küche verwendet wird, und die Früchte des Affenbrotbaumes, die zu Süßigkeiten und Säften verarbeitet werden. Beide Produkte sind mittlerweile auch im europäischen Handel erhältlich. In Nordbenin decken Waldnebenprodukte den Eigenbedarf der Landbevölkerung, werden gehandelt und sind Rücklage für Notzeiten.

Großteil des Einkommens kommt aus der Savanne
Die Bevölkerung weiß um diesen Wert. Alle 230 befragten Haushalte gewinnen Waldnebenprodukte aus der Savanne, 80 % dieser Haushalte handeln auch damit. Wenngleich die Ausbeute im Vergleich zum Aufwand gering scheint, sind Waldnebenprodukte eine weit genutzte Einkommensmöglichkeit, da sie – mit lokalen Einschränkungen – für jeden, auch die ärmere Bevölkerung, zugänglich sind und keine speziellen Fertigkeiten für die Ernte notwendig sind. BiK-F-Wissenschaftlerin Katja Heubach, die Leitautorin der Studie: „Der Anteil von Waldnebenprodukten am Jahreseinkommen liegt mit durchschnittlich 39 % an zweiter Stelle hinter den Erträgen aus der Landwirtschaft. In Euro umgerechnet heißt das: 80 Cent der zwei Euro, die ein Bewohner Benins im Durchschnitt täglich zur Verfügung hat, werden durch Waldnebenprodukte erwirtschaftet.“
Reichere Haushalte sind am wenigsten abhängig, profitieren aber am meisten
Je nach Einkommensgruppe variiert die wirtschaftliche Bedeutung von Waldnebenprodukten jedoch stark. Je geringer das Haushaltseinkommen ist, desto höher ist der Anteil von Waldnebenprodukten am Jahreseinkommen, d.h. die Abhängigkeit von diesen, von der Natur kostenlos zur Verfügung gestellten, Ressourcen ist bei ärmeren Haushalten höher als bei wohlhabenderen. Letztere allerdings gewinnen mengenmäßig mehr Waldnebenprodukte als ärmere Haushalte. Reichere Haushalte profitieren daher mehr von Waldnebenprodukten und erwirtschaften durch sie höhere Erträge als ärmere Haushalte. Erklären lässt sich das dadurch, dass ärmere Haushalte ohne Landbesitz für die Beschaffung von Waldnebenprodukten weitere Wege auf sich nehmen müssen.
Weitere Beschränkungen für bislang frei zugängliche Savannengebiete würden Armut verstärken

Obwohl der Wert einer intakten Savanne hiermit bewiesen ist, steht ihr in Nordbenin eine unsichere Zukunft bevor, denn die Bevölkerung in der Region wächst stetig. Dies bringt die Savanne in zweierlei Hinsicht in Bedrängnis. Einerseits intensiviert sich die Landwirtschaft, was den traditionell in Brache-Wechselwirtschaft bestellten Flächen immer kürzere Brachzeiten beschert und dadurch den wildwachsenden Savannenpflanzen immer weniger Raum lässt; andererseits steigt die Gefahr der übermäßigen Nutzung der Waldnebenprodukte. Um diesen Druck zu vermindern, empfehlen die Autoren, die Effizienz der Landwirtschaft zu erhöhen und stabile, alternative Einkommensquellen zu etablieren, damit subsistenzwirtschaftliche und marktorientierte Ansprüche durch sie befriedigt werden können. Der Ansatz, den Zugang zur jetzt offen begehbaren Savanne zu begrenzen, ist hingegen als kontraproduktiv zu bewerten. Wie die Studie zeigt, würde damit besonders die ärmere Bevölkerung benachteiligt.

Studie:
Heubach, K. et al.: The economic importance of non-timber forest products (NTFPs) for livelihood maintenance of rural west African communities: A case study from northern Benin. - Ecological Economics (2011), doi:10.1016/j.ecolecon.2011.05.015

Online unter: http://dx.doi.org/10.1016/j.ecolecon.2011.05.015

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Dipl. Biol. Katja Heubach
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F)
Tel.: 069 7542 1876
E-Mail: katja.heubach@senckenberg.de
oder
Sabine Wendler
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), Pressereferentin
Tel.: 069 7542 1838
E-Mail: sabine.wendler@senckenberg.de
LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum, Frankfurt am Main
Mit dem Ziel, anhand eines breit angelegten Methodenspektrums die komplexen Wechselwirkungen von Biodiversität und Klima zu entschlüsseln, wird das Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) seit 2008 im Rahmen der hessischen Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich ökonomischer Exzellenz (LOEWE) gefördert. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und die Goethe Universität Frankfurt sowie weitere direkt eingebundene Partner kooperieren eng mit regionalen, nationalen und internationalen Institutionen aus Wissenschaft, Ressourcen- und Umweltmanagement, um Projektionen für die Zukunft zu entwickeln und wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen für ein nachhaltiges Handeln zu geben.

Sabine Wendler | idw
Weitere Informationen:
http://www.bik-f.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

nachricht »Zweites Leben« für Smartphones und Tablets
16.03.2018 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Im Focus: Gammastrahlungsblitze aus Plasmafäden

Neuartige hocheffiziente und brillante Quelle für Gammastrahlung: Anhand von Modellrechnungen haben Physiker des Heidelberger MPI für Kernphysik eine neue Methode für eine effiziente und brillante Gammastrahlungsquelle vorgeschlagen. Ein gigantischer Gammastrahlungsblitz wird hier durch die Wechselwirkung eines dichten ultra-relativistischen Elektronenstrahls mit einem dünnen leitenden Festkörper erzeugt. Die reichliche Produktion energetischer Gammastrahlen beruht auf der Aufspaltung des Elektronenstrahls in einzelne Filamente, während dieser den Festkörper durchquert. Die erreichbare Energie und Intensität der Gammastrahlung eröffnet neue und fundamentale Experimente in der Kernphysik.

Die typische Wellenlänge des Lichtes, die mit einem Objekt des Mikrokosmos wechselwirkt, ist umso kürzer, je kleiner dieses Objekt ist. Für Atome reicht dies...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

20.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Digitale Medien für die Aus- und Weiterbildung: Schweißsimulator auf Hannover Messe live erleben

20.04.2018 | HANNOVER MESSE

Neurodegenerative Erkrankungen - Fatale Tröpfchen

20.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics