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Karrierebewusst oder familienzentriert? Neue Studie untersucht, wie Väter das Elterngeld nutzen

17.11.2009
Ein Drittel nimmt mehr als die zwei Partnermonate

Allmählich steigt die Zahl der Väter, die für ihre Kinder eine berufliche Auszeit nehmen - vor allem seit Einführung des Elterngeldes. Und immerhin ein Drittel der Elterngeldväter bleibt mehr als die obligatorischen zwei Partnermonate zu Hause, zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Untersuchung des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftlichen Transfer (SowiTra).

In Umfragen sind die neuen Väter bereits länger kein Randphänomen mehr. Schon seit einigen Jahren bevorzugen über 70 Prozent der Männer mit kleinen Kindern das Vaterschaftsmodell des Erziehers gegenüber dem des Ernährers -zumindest theoretisch. In der Praxis nahmen 2001 allerdings erst 1,5 Prozent der Väter den so genannten Erziehungsurlaub, 2006 gingen etwa 3 Prozent in Erziehungszeit. Mit dem Elterngeldgesetz, das eine Lohnersatzleistung von bis zu zwei Dritteln vorsieht, sind die Zahlen nun deutlich gestiegen. Mitte 2008 beantragten über 18 Prozent der Väter Elterngeld.

Über die bloßen Verbreitungszahlen hinaus: Wie nutzen Väter die Möglichkeiten des neuen Gesetzes? Um die Frage zu beantworten, führten Svenja Pfahl und Stefan Reuyß vom SowiTra eine Onlinebefragung unter 624 erwerbstätigen Vätern in Elterngeldbezug durch. Darüber hinaus befragten sie zahlreiche Väter sowie Personalverantwortliche und Betriebsräte persönlich.

Eine Erkenntnis: Wenn zunehmend auch Väter die Elterngeldmonate nutzen, steigt in vielen Betrieben die Sensibilität für die Belange von Beschäftigten mit Fürsorgeaufgaben. Väter stellen berufliche Benachteiligungen in Frage, die lange Zeit als Selbstverständlichkeit hingenommen wurden. Dadurch bekommt die Debatte um betriebliche Gleichstellungs- und Vereinbarkeitspolitik zusätzliche Anstöße. Und in etlichen Fällen wird auf Druck der Väter die Arbeitsorganisation geändert, beispielsweise Teleheimarbeit eingeführt. Diese Änderungen nutzen allen Beschäftigten, Männer wie Frauen. Letztlich trage jeder Vater, der seinen Anspruch nutzt, dazu bei, dass aus der Auszeit für Männer ein "normaler" Vorgang wird, so Pfahl und Reuyß.

Die Väter nutzten die Regelung vielfältiger und intensiver als bisher angenommen, analysieren die Forscherin und der Forscher: Rund die Hälfte der Elterngeldväter sind in Großbetrieben beschäftigt, die Mehrheit in Unternehmen mit betrieblicher Interessenvertretung. Die Väter arbeiten vorrangig in der öffentlichen Verwaltung oder bei Dienstleistern, haben mehrheitlich einen Hochschulabschluss und sind vor allem als qualifizierte Angestellte tätig. Sie sind im Durchschnitt 37 Jahre alt, ihre Partnerin ist ebenfalls erwerbstätig. Elterngeldväter leben überraschend oft jenseits der Ballungsgebiete und Großstädte. Und: Ein Drittel nimmt eine längere Auszeit zwischen drei und zwölf Monate.

Insgesamt identifizieren die Experten von SowiTra fünf unterschiedliche Nutzergruppen:

1. Die Vorsichtigen machen 46 Prozent der befragten Väter aus. Sie nehmen nur ein bis zwei Partnermonate, fast immer als echte Auszeit und mehrheitlich direkt im Anschluss an die Geburt. Fast alle haben bisher keine Erfahrungen mit Elternzeit oder familienbedingter Teilzeit für ein früheres Kind. Sie betonen häufiger als andere Väter, dass sie sich auf Wunsch ihrer Partnerinnen an den Elterngeldmonaten beteiligen. Sie wollen nicht ihr berufliches Fortkommen gefährden, halten die Auszeit deshalb möglichst kurz.

2. Die (Semi-)Paritätischen beziehen zwischen drei und acht Monaten Elterngeld und nehmen ihre Auszeit meist versetzt zur ebenfalls erwerbstätigen Partnerin. Eine möglichst kurze berufliche Auszeit für beide Eltern ist ihnen wichtig. Ihre Gruppe umfasst 14 Prozent der Befragten.

3. Die umgekehrten Nutzer. Sie nehmen eine längere Auszeit als ihre Partnerin. Für diese 6 Prozent der befragten Väter ist es überdurchschnittlich wichtig, die Verantwortung für die Familie mit ihrer Partnerin zu teilen, aber auch deren berufliches Fortkommen zu unterstützen. Die eigene berufliche Karriere spielt eine untergeordnete Rolle.

4. Die Familienorientierten. 9 Prozent nehmen zwischen einem und acht Elterngeldmonaten, kombinieren dies aber mit sich anschließender, unbezahlter Elternzeit. Oder sie haben schon früher mit Elternzeit oder Teilzeitarbeit Erfahrungen gesammelt. Ihr Wunsch: Die Kinder sollen möglichst lange von einem Elternteil betreut werden können.

5. Die Familienzentrierten. 5 Prozent nutzen zwischen neun und zwölf Elterngeldmonate. Sie kombinieren diese aber noch mit zusätzlicher, unbezahlter Elternzeit oder haben Erfahrungen mit Elternzeit für ein früheres Kind. Für diese Väter ist es wichtiger als für alle anderen, schon frühzeitig viel Zeit mit dem Kind zu verbringen. Sie betonen, dass ihre Entscheidung nicht nur auf den Wunsch der Partnerin zurückgeht.

Die Väter wollen - so ein weiteres Ergebnis der Studie - Familienaufgaben übernehmen, ohne dieses Engagement mit beruflichen Nachteilen zu bezahlen. Vielmehr erwarten sie im Betrieb die Möglichkeit, familiale Fürsorgeaufgaben parallel zum Beruf übernehmen zu können.

Infografik zum Download im Böckler Impuls 17/2009: http://www.boeckler.de/32014_99821.html#link

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Sebastian Brandl
Abteilung Forschungsförderung
Tel.: 0211-7778-194
E-Mail: Sebastian-Brandl@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
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