Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was junge Unternehmensgründer antreibt: Internationale Studie zu kulturellen Unterschieden

17.08.2010
Was motiviert Studierende und Hochschulabsolventen zur Existenzgründung? Wird die Entscheidung, sich selbständig zu machen oder in ein internationales Start-up-Unternehmen einzutreten, auch von kulturell bedingten Wertvorstellungen beeinflusst?

Mit dieser Frage befasst sich eine neue vergleichende Studie von Prof. Dr. Ricarda B. Bouncken, die an der Universität Bayreuth den Lehrstuhl für Strategisches Management und Organisation innehat. Das Ergebnis ist eindeutig: Um die Motivation junger Existenzgründer verstehen zu können, muss man auch kulturelle Einflüsse und Prägungen berücksichtigen.

Für die Studie wurden rund 630 Studierende befragt, die an MBA-Programmen teilnehmen, also den Abschluss "Master of Business Administration" anstreben. "Diese Personengruppe verdient in mehrfacher Hinsicht besondere Aufmerksamkeit," erklärt Bouncken. "MBA-Studierende stellen ein hohes Potenzial für Existenzgründungen dar. Und sie sind eine sehr attraktive Zielgruppe für junge internationalisierende Unternehmen, die neue Mitarbeiter suchen."

Die Befragung erstreckte sich auf vier Länder mit deutlichen kulturellen und religiösen Unterschieden: Deutschland, Polen, Syrien und die USA. Das Design und die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der "ZfKE – Zeitschrift für KMU und Entrepreneurship" veröffentlicht.

Freiheit und Unabhängigkeit

Die länderübergreifende Studie zeigt, dass individualistische Lebenseinstellungen in den USA und in Polen besonders tief verwurzelt sind. Freiheit und persönliche Unabhängigkeit genießen hier höchste Anerkennung. Wer sich in diesen Ländern zur Existenzgründung entschließt, teilt den ausgeprägten Individualismus, den er in seinem kulturellen Umfeld erlebt. In diesem Umfeld verhält es sich allerdings so, dass ein sehr starker, überdurchschnittlicher Individualismus den Gründerwillen des Einzelnen nicht zusätzlich verstärkt.

Ganz anders sieht es aus, wenn Studierende in einer Kultur aufgewachsen sind, in der neben der Freiheit des Einzelnen auch Gruppeninteressen und kollektive Werte eine wichtige Rolle spielen. Dies ist – so die Studie – im Vergleich zu den USA, Polen und Syrien vor allem in Deutschland der Fall. Hier gibt es starke Indizien dafür, dass junge Leute umso stärker zur Unternehmensgründung geneigt sind, je mehr sie nach Freiheit und Unabhängigkeit streben. Persönlicher Individualismus verstärkt offenbar den Wunsch, sich durch berufliche Selbständigkeit von einem gesellschaftlichen Umfeld abzusetzen, das eine vergleichsweise starke Rücksichtnahme auf Gruppeninteressen erwartet.

Macht- und Statusunterschiede

Der Gründerwille wird darüber hinaus von intellektuellen und emotionalen Faktoren beeinflusst, die in der Wissenschaft als "Machtdistanz" umschrieben werden. Damit ist keine Kritik an Machtstrukturen, sondern vielmehr eine positive Einstellung zu der Tatsache gemeint, dass es in der Gesellschaft soziale und ökonomische Statusunterschiede gibt. Je stärker junge Leute geneigt sind, derartige Unterschiede als sinnvoll und wichtig anzuerkennen, desto reizvoller kann für sie der Gedanke sein, von Statusunterschieden profitieren zu können. In diesem Fall erscheint ihnen der Weg in die Selbständigkeit, aber auch eine Tätigkeit in international aufgestellten Start-ups hochattraktiv. Sie lassen sich dabei von der Aussicht auf einen nachhaltigen Statusgewinn leiten.

Dieser Zusammenhang ist – der Studie zufolge – vor allem in Ländern wie den USA oder Polen ausgeprägt, wo Freiheit und Autonomie hoch im Kurs stehen. MBA-Studierende sind hier besonders zuversichtlich, aus eigener Kraft die Hindernisse überwinden zu können, die dem Erfolg ihres Unternehmens möglicherweise entgegen stehen.

Selbstüberforderung und Selbstverwirklichung

Lassen sich junge Leute von dem Gedanken entmutigen, eine Existenzgründung könnte sie überfordern? Nicht in den USA, aber in Deutschland, Syrien und Polen kommt es des öfteren vor, dass diese Befürchtung den Gründerwillen erlahmen lässt. Dabei ist es interessant zu beobachten, wie sich die Anerkennung sozialer und ökonomischer Statusunterschiede auswirkt. Statt den Gedanken an Aufstiegschancen und damit den Gründerwillen zu beflügeln, kann ein ausgeprägtes Bewusstsein von Machtstrukturen auch den umgekehrten Effekt haben. Wenn nämlich junge Leute in ihrem gesellschaftlichen Umfeld erleben, dass Freiheit und Unabhängigkeit nicht sehr hochgeschätzt werden, halten sie die Chance, am eigenen Status etwas ändern zu können, für umso geringer. Folglich verliert eine positive Einstellung gegenüber Statusunterschieden ihre motivierende Kraft. Im Gegenteil, sie verschärft die Furcht vor Selbstüberforderung und schwächt den Gründerwillen.

Ein weiterer Faktor, den die Studie ausdrücklich einbezieht, ist das Streben nach Selbstverwirklichung. Vor allem in den USA, weniger stark in Deutschland werden junge Existenzgründer dadurch angetrieben – was wiederum damit zusammenhängt, dass "Individualismus" und "Machtdistanz" in beiden Ländern unterschiedlich ausgeprägt sind.

Schlussfolgerungen für die Praxis

Bouncken fordert, dass die internationale Forschung zum Gründerwesen sich stärker als bisher mit kulturell bedingten Wertvorstellungen auseinandersetzen solle. Denn aus den Ergebnissen ließen sich in vieler Hinsicht praktische Konsequenzen ableiten: "Besonders hilfreich sind solche Untersuchungen auf dem Gebiet der Entrepreneurship Education. Es geht dabei um Unterrichtsprogramme, die darauf abzielen, Hochschulabsolventen an die Gründung eigener Firmen heranzuführen und sie auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten. Je besser wir verstehen, was den Gründerwillen hemmt oder antreibt, desto besser wird es uns gelingen, junge Leute für eine Unternehmensgründung zu motivieren."

Veröffentlichung:

Ricarda Bouncken,
International Entrepreneurship: Eine empirische Untersuchung von
Gründungstreibern, -hemmnissen und -absichten in vier Ländern,
in: ZfKE – Zeitschrift für KMU und Entrepreneurship, 58. Jg., Heft 2 (2010), S. 93 – 119

Kontaktadresse für weitere Informationen:

Prof. Dr. Ricarda B. Bouncken
Lehrstuhl für Strategisches Management und Organisation
Universität Bayreuth
95440 Bayreuth
Telefon: +49 (0)921 / 55-4840 und -4841
E-Mail: bouncken@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik