Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Internationale Studie zeigt reversible Gehirnveränderungen durch Antipsychotika

07.06.2010
Schon Stunden nach der Gabe von Antipsychotika zeigen sich rasch reversible Veränderungen des Volumens einer wichtigen Hirnregion, berichtet eine Studie aus dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und dem National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, die in Nature Neuroscience online am 6. Juni 2010 veröffentlicht wurde.

Außerdem kam die Studie zu dem Ergebnis, dass diese rasche vorübergehende Volumenverminderung des Gehirns mit dem Grad der Bewegungsstörung korreliert, die eine wichtige Nebenwirkung antipsychotischer Medikamente darstellt.

Antipsychotika, die bei der Behandlung von Schizophrenie und anderen schweren seelischen Störungen eingesetzt werden, blockieren einen Rezeptor des Botenstoffs Dopamin im Gehirn. Leider verursachen diese Medikamente oft unerwünschte Bewegungsstörungen - die sogenannten extrapyramidalmotorischen Symptome (EPS) - zu denen Ruhelosigkeit sowie unfreiwillige Bewegungen der Gliedmaßen und des Gesichts zählen. EPS können innerhalb von Minuten nach einer antipsychotischen Behandlung einsetzen.

Heike Tost und Kollegen aus dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und dem National Institute of Mental Health, Bethesda, USA, gingen der Frage nach, ob ein Zusammenhang von EPS mit strukturellen Gehirnveränderungen bestehen könnte. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das Medikament Haloperidol bei jungen gesunden Männern innerhalb von Stunden nach einer einzigen Gabe das Volumen der grauen Substanz des Gehirns in einer für die Motorik wichtigen Gehirnregion, dem Putamen, reduzierte. Dieser Volumenverlust war reversibel, innerhalb von 24 Stunden erreichte das Gehirnvolumen wieder sein normales Maß. Eine so schnelle Veränderung der Hirnstruktur war zuvor noch nie beobachtet worden, was nahelegt, dass Dopamin für plastische Veränderungen des menschlichen Gehirns wichtig ist.

Das internationale Forscherteam fand weiterhin, dass die Schwere von EPS bei gesunden Probanden stark mit dem Ausmaß an Gehirnvolumenreduktion korrelierte. Der Zeitverlauf der motorischen Störung spiegelt deutlich die raschen Veränderungen der Gehirnstruktur und der Konnektivität wieder. Diese Studie legt nahe, dass kurzfristige strukturelle Veränderungen für einige der Nebenwirkungen von Antipsychotika beim Menschen verantwortlich sein können.

Professor Meyer-Lindenberg sieht hier einen ersten möglichen Schritt zur Reduzierung von unerwünschten Nebenwirkungen von antipsychotischen Medikamenten und damit auch einer Verbesserung der Lebensqualität von Patienten, die langfristig auf die Medikamenteneinnahme angewiesen sind.

Publikation:
Tost, Heike1,2; Braus, Dieter F1,3; Hakimi, Shabnam2; Ruf, Matthias1; Vollmert Christian1; Hohn, Fabian1 & Meyer-Lindenberg, Andreas1
“Acute D2 receptor blockade induces rapid, reversible remodeling in human cortical-striatal circuits” Nature Neuroscience, Vol 13 No 6, online 6. Juni 2010.

1Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, Deutschland; 2National Institute of Mental Health, Bethesda, MD, USA; 3Dr. Horst Schmidt Klinik, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wiesbaden.

Kontakt:
Professor Andreas Meyer-Lindenberg
Institutsdirektor und Ärztlicher Direktor
der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
J5, 68159 Mannheim
Tel.: 0621 / 1703-2002
E-Mail: a.meyer-lindenberg@zi-mannheim.de

Sigrid Wolff | idw
Weitere Informationen:
http://www.zi-mannheim.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Gene für das Risiko von allergischen Erkrankungen entdeckt
21.11.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

Neues Elektro-Forschungsfahrzeug am Institut für Mikroelektronische Systeme

21.11.2017 | Veranstaltungen

Raumfahrtkolloquium: Technologien für die Raumfahrt von morgen

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Gene für das Risiko von allergischen Erkrankungen entdeckt

21.11.2017 | Studien Analysen

Wafer zu Chip: Röntgenblick für weniger Ausschuss

21.11.2017 | Informationstechnologie

Nanopartikel helfen bei Malariadiagnose – neuer Schnelltest in der Entwicklung

21.11.2017 | Biowissenschaften Chemie