Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Intensität der Nutzung sozialer Netzwerke wie Facebook kann durch Aktivität im Belohnungssystem des Gehirns vorausgesagt werden

30.08.2013
Neurowissenschaftler der Freien Universität Berlin zeigen Verbindung von Aktivierungsmuster der mit Belohnung verbundenen Hirnregion Nucleus accumbens und dem Reputationsgewinn durch soziale Medien.

Wie intensiv Internetnutzer im sozialen Netzwerk Facebook aktiv sind, kann einer Studie der Freien Universität Berlin zufolge durch Aktivierungsmuster im Nuclues accumbens, Teil des Belohnungssystems des Gehirns, vorausgesagt werden. Die Wissenschaftler vom Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ setzten dafür erstmals bei Testpersonen Hirnaktivität und die Nutzung sozialer Medien in Beziehung.

Im Zentrum der Untersuchungen von Dr. Dar Meshi und seinen Kollegen stand dabei der Reputationsgewinn, den Nutzer sozialer Medien erfahren. Die Ergebnisse wurden in der neuesten Ausgabe der Open-Access-Fachzeitschrift Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht. An der Studie nahmen 31 Testpersonen teil.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich mit dem Nucleus accumbens auf eine kleine, aber bedeutende Struktur im Zentrum des Gehirns. Diese Struktur wird mit der Verarbeitung von Belohnung – bei der Nahrungsaufnahme, bei Geld, Sex und Reputationsgewinn – assoziiert. „Es gehört zu den Wesensmerkmalen des Menschen, sich um seine Reputation zu sorgen. Heute läuft dieses Reputationsmanagement für viele über soziale Medien wie Facebook“, erklärt Dar Meshi, Erstautor der Studie.

Facebook wurde für die Studie genutzt, da es mit 1,2 Milliarden aktiver Nutzer zurzeit das größte soziale Netzwerk im Internet ist. Soziale Interaktionen werden hier nicht nur in der Öffentlichkeit beziehungsweise einer Teilöffentlichkeit aus Freunden und Bekannten vollzogen, sie hängen auch oftmals mit dem Reputationsgewinn als Person zusammen. Wenn andere Nutzer der Plattform eine neue Nachricht eines Benutzers mit „gefällt mir“ markieren, könne das als positives soziales Feedback für den Urheber gewertet werden, so die Wissenschaftler.

Alle Studienteilnehmer wurden mittels eines standardisierten Verfahrens (der Facebook Intensity Scale) zu ihren Aktivitäten im Netzwerkmedium befragt. Es wurde unter anderem erhoben, wie viele andere Nutzer jeweils als Facebook-Freunde geführt werden und wie viel Zeit täglich für das Online-Medium verwendet wird. Die untersuchte Gruppe sollte ein möglichst großes Spektrum an Nutzungsgewohnheiten abbilden.

Mit sogenannter funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) wurde die Gehirnaktivität der Probanden in verschiedenen Situationen untersucht. Zuvor hatten sie an einem Videointerview teilgenommen, in denen ihnen Fragen zum Wohnort, Lieblingsfilmen oder sonstigen Interessen gestellt wurden. Im MRT-Scanner wurde ihnen im Anschluss zum einen mitgeteilt, wie positiv eine anomyme Gruppe von „Kritikern“ aufgrund dieser Informationen und ihrer Selbstdarstellung im Interview von ihnen dachte. Zum anderen erfuhren sie, wie jeweils ein anderer Studienteilnehmer eingeschätzt wurde. Darüberhinaus nahmen sie an einem Kartenspiel teil, bei dem sie Geld gewinnen konnten.

Die Wissenschaftler konnten bei positivem Feedback zur eigenen Person zeigen, dass der Nucleus accumbens stärker aktiviert wurde, als wenn es um eine gute Einschätzung einer anderen Person ging. Eine große Differenz beider Werte korrelierte mit der einer intensiveren Facebook-Nutzung. Es zeigte sich also, je stärker die Aktivierung bei Lob der eigenen Person war und je weniger der Nucleus accumbens bei Lob für eine andere Person aktiviert wurde, desto eher handelte es sich bei der Testperson um einen intensiven Facebook-Nutzer. Aus Aktivierung dieser Hirnregion beim Geldgewinn im Glückspiel hingegen konnten keine Rückschlüsse auf die Facebook-Nutzung gezogen werden. Die Kritiker-Gruppe und Feedback in Form von beschreibenden Adjektiven wie „ehrlich“, „entspannt“ oder „intelligent“ waren dabei eine für das Experiment fingierte „Cover-Story“ und keine tatsächliche Einschätzung.

„Mit unserer Studie konnten wir zeigen, dass mit der Art der Verarbeitung sozialer Anerkennung im linken Nucleus accumbens die Intensität der Facebook-Nutzung von Individuen vorausgesagt werden kann“, sagt Dar Meshi. „Die Ergebnisse erweitern unser Wissen darüber, ob und in welchem Maße eine spezifische Aktivierung des Nucleus accumbens Rückschlüsse auf komplexe menschliche Verhaltensweisen zulässt.“

Die Studienergebnisse könnten darüber hinaus wichtige Impulse für die klinische Forschung und für die Lern- und Bildungsforschung geben, da eine Facebook-Nutzung und die individuelle Aktivierung im Belohnungssystem des Gehirns miteinander in Verbindung gebracht werden können. Die Autoren betonen jedoch, dass die Studie keine Rückschlüsse darüber zulässt, ob durch das positive soziale Feedback Menschen zu aktiven Facebook-Usern werden oder ob die intensive Nutzung sozialer Medien die Verarbeitung von sozialem Feedback im Gehirn verändert.

Die Studie entstand im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ der Freien Universität Berlin und wurde mit Mitteln der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder unterstützt.

Literatur

Dar Meshi, Carmen Morawetz and Hauke Heekeren: Nucleus accumbens response to gains in reputation for the self relative to gains for others predicts social media use, in: Frontiers in Human Neurosience, DOI: 10.3389/fnhum.2013.00439.

Weitere Informationen

Dr. Dar Meshi, Exzellenzcluster „Languages of Emotion“, Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie, Freie Universität Berlin, Telefon 030 838 / 55749, E-Mail: darmeshi@yahoo.com

Dr. Nina Diezemann, Presse und Kommunikation, Freie Universität Berlin, Telefon 030 838 / 73190, E-Mail: nina.diezemann@fu-berlin.de

Dr. Nina Diezemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de
http://www.frontiersin.org/human%20neuroscience/10.3389/fnhum.2013.00439/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Dialysepatienten besser vor Lungenentzündung schützen
17.01.2018 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

nachricht Neue Studie der Uni Halle: Wie der Klimawandel das Pflanzenwachstum verändert
12.01.2018 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie