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Intelligenz im Wandel

01.06.2015

Steigende IQ-Leistung in den letzten hundert Jahren

Werden die Menschen wirklich intelligenter? Seit über hundert Jahren zeigt sich weltweit in zahlreichen Studien eine Zunahme beim Intelligenzquotient der Allgemeinbevölkerung. Die Psychologen Jakob Pietschnig und Martin Voracek von der Universität Wien erforschten mögliche Ursachen dafür. In einer aktuellen Publikation in der renommierten Fachzeitschrift "Perspectives on Psychological Science" zeigten sie eine durchschnittliche IQ-Zunahme von drei IQ-Punkten pro Jahrzehnt seit dem frühen 20. Jahrhundert.


Ein Team um Martin Voracek von der Universität Wien hat in einer aktuellen Studie die Intelligenztests über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren analysiert.

Copyright: Universität Wien

Seit der ersten systematischen Beschreibung von IQ-Testleistungszuwächsen der Allgemeinbevölkerung in den USA im Jahr 1984 beschäftigt dieses Phänomen IntelligenzforscherInnen weltweit. Die Ursachen und der Verlauf dieser mittlerweile als "Flynn-Effekt" bekannten Erscheinung sind unter WissenschafterInnen umstritten.

Forscher der Universität Wien liefern nun erste Evidenz für globale IQ-Testleistungszuwächse in der Allgemeinbevölkerung. Anhand der Daten von nahezu vier Millionen Personen aus 31 Ländern beobachteten sie Zuwächse von rund drei IQ-Punkten weltweit pro Jahrzehnt über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren (1909-2013). Diese Zuwächse zeigten sich sowohl für schlussfolgerndes Denken als auch – obwohl in geringerem Ausmaß – für Wissen.

Basierend auf diesem enormen Datensatz machten es eingehende Analysen möglich, die Ursachen für den Flynn-Effekt unter die Lupe zu nehmen: Insbesondere bessere Ernährung, Hygiene, medizinische Versorgung – alles Faktoren, die vor allem der frühkindlichen Entwicklung förderlich sind – sowie verbesserte schulische Ausbildung scheinen Ursachen für die IQ-Steigerungen zu sein.

Normierung von Intelligenztests

Intelligenztests werden auf einen Durchschnitt von 100 IQ-Punkten mit einer Standardabweichung von 15 normiert. Die Testergebnisse folgen einer Glockenkurve. Viele natürlich messbare Variable folgen solch einer glockenförmigen Kurve. Das heißt, dass im Durchschnitt zwei von drei Personen zwischen 85 und 115 Punkte und 96 von 100 Personen zwischen 70 und 130 IQ-Punkte erzielen. "Intelligenztests werden regelmäßig nachnormiert, um die Ergebnisse auf die durchschnittliche Soll-Leistung von 100 zu kalibrieren", erklären die Studienautoren Jakob Pietschnig und Martin Voracek von der Universität Wien.

In der neuen Meta-Analyse der Forscher zeigen sich IQ-Zuwächse von drei Punkten pro Dekade. Sie stellten sich daher die Frage: Bedeutet ein durchschnittliches Testergebnis von 100 IQ-Punkten heute das gleiche wie ein IQ von 130 Punkten vor hundert Jahren? Obwohl ein Zuwachs von 30 IQ-Punkten über ein Jahrhundert diese Vermutung nahelegt, ist diese Interpretation nicht gerechtfertigt: Nicht ein Zuwachs von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, sondern steigende Leistungen in spezifischen Fähigkeiten erklären den Zuwachs bei IQ-Testleistungen. "Eine Person mit einer durchschnittlichen IQ-Testleistung von 100 Punkten im frühen 20. Jahrhundert hatte mit großer Wahrscheinlichkeit andere kognitive Fähigkeiten als eine Person mit einer scheinbar 'äquivalenten' Leistung von 70 Punkten heutzutage", meinen Jakob Pietschnig und Martin Voracek. Die beobachteten IQ-Zuwächse scheinen nicht globale Zunahmen der kognitiven Leistungsfähigkeit darzustellen, sondern dürften Ausdruck von höherer Fähigkeitsspezialisierung und besseren Testbearbeitungsstrategien von TeilnehmerInnen sein.

Mögliche Stagnation

Interessanterweise scheinen sich die Zuwächse nicht linear zu verhalten. Zeiträume relativ starker Zuwächse wechseln mit Zeiträumen schwächerer Zuwächse: Während höherer umgebungsbedingter Belastungen, wie zum Beispiel in Europa zur Zeit des 2. Weltkriegs, vermerken die Forscher schwächere Zuwächse.

Obwohl die Zuwächse momentan noch anhalten, zeigen die Studienergebnisse eine massive Abnahme der IQ-Steigerungen in den letzten Jahrzehnten. Dies könnte eine Folge von nachlassenden Effekten IQ-steigernder Faktoren, die ihren Höhepunkt erreicht haben könnten, sein und damit ein Vorzeichen für ein bevorstehendes Stagnieren von IQ-Zuwächsen. "Zukünftige Forschung wird zeigen, ob wir ein Ende und vielleicht sogar eine Umkehr des Flynn-Effekts beobachten werden", so Pietschnig und Voracek abschließend.

Publikation in " Perspectives on Psychological Science":
Pietschnig, J., & Voracek, M. (2015). One century of global IQ gains: A formal meta-analysis of the Flynn effect. In: Perspectives on Psychological Science 2015, Vol. 10(3) 282–306
DOI: 10.1177/1745691615577701
http://pps.sagepub.com/content/10/3/282.abstract

Wissenschaftlicher Kontakt
Mag. Dr. Jakob Pietschnig, FHEA
Institut für Angewandte Psychologie: Gesundheit, Entwicklung und Förderung
Universität Wien
1010 - Wien, Liebiggasse 5
+43-1-4277-47237
jakob.pietschnig@univie.ac.at

Assoz. Prof. MMag. DDDr. Martin Voracek, Privatdoz
Institut für Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden
Universität Wien
1010 - Wien, Liebiggasse 5
martin.voracek@univie.ac.at

Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
Universität Wien
1010 - Wien, Universitätsring 1
+43-1-4277-175 33
+43-664-60277-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 19 Fakultäten und Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.900 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. http://www.univie.ac.at

1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum mit einem vielfältigen Jahresprogramm – unterstützt von zahlreichen Sponsoren und Kooperationspartnern. Die Universität Wien bedankt sich dafür bei ihren KooperationspartnerInnen, insbesondere bei: Österreichische Post AG, Raiffeisen NÖ-Wien, Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Stadt Wien, Industriellenvereinigung, Erste Bank, Vienna Insurance Group, voestalpine, ÖBB-Holding AG, Bundesimmobiliengesellschaft, Mondi. Medienpartner sind: ORF, Die Presse, Der Standard.

Stephan Brodicky | Universität Wien

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