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Inklusion: Welcher Weg der beste ist

22.06.2010
Wenn Kinder querschnittsgelähmt, an einer Muskelerkrankung erkrankt oder aus anderen Gründen in ihrer körperlichen und motorischen Entwicklung beeinträchtigt sind: Welche Schule ist dann die beste für sie? Und wie muss ein Unterricht gestaltet werden, der sie optimal fördert? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler der Uni Würzburg im Raum Köln nach.

Eltern, deren Kind eine körperliche Beeinträchtigung hat, müssen bei der Suche nach einer Schule eine schwere Entscheidung treffen: Soll es die Förderschule sein? Dort ist das Angebot in der Regel auf die speziellen Bedürfnisse ihres Kindes ausgerichtet. Oder doch lieber die Allgemeine Schule, in der alle Kinder zusammen unterrichtet werden? Aber wie sieht es dort mit dem Angebot aus: Ist die Schule, sind die Lehrer überhaupt darauf eingestellt, ihrem Kind den Rahmen zu bieten, den es benötigt?

Fragen wie diese beschäftigen in den kommenden zwei Jahren auch Reinhard Lelgemann, den Inhaber des Lehrstuhls für Sonderpädagogik II / Körperbehindertenpädagogik der Universität Würzburg. Im Auftrag des Landschaftsverbands Rheinland wird er im Raum Köln untersuchen, welches Umfeld körper- und mehrfachbehinderte Kinder benötigen, damit sie optimal lernen können. Dabei unterstützen ihn der Diplom-Psychologe Christian Walter-Klose, ein wissenschaftlicher und mehrere studentische Mitarbeiter.

Die UN-Behindertenrechtskonvention

Alle Schüler, auch diejenigen, die von einer Behinderung betroffen sind, haben das Recht auf den Zugang zu einer Schule für alle. Jedes Kind soll entsprechend seiner individuellen Fähigkeiten lernen und den selbstverständlichen Umgang mit Vielfalt im gemeinsamen Unterricht erproben können: So sieht es Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention vor, die in Deutschland am 26. März 2009 in Kraft getreten ist. „Inklusion“ lautet das Schlagwort, unter dem dieses Recht seitdem in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

„Menschen mit Behinderungen sollen inklusiv leben können. Das heißt: Sie sollen nicht selbstverständlich in besonderen Einrichtungen leben und lernen müssen“, erklärt Reinhard Lelgemann die Grundidee der UN-Konvention. Kompliziert wird die Angelegenheit, weil die Konvention gleichzeitig vorsieht, dass jeder Mensch Recht auf ein qualifiziertes, für ihn bestmögliches Bildungsangebot hat. „Was aber ist ‚bestmöglich‘? Ist die soziale Integration wichtiger als das Fachwissen der Lehrer und Betreuer? Oder ist es umgekehrt? Oder zählen beide gleich viel?“, fragt Lelgemann.

Worum es im Projekt geht

Angebote für Kinder mit Körperbehinderungen jenseits der speziellen Förderschulen gibt es in steigender Zahl. „Über die Bedingungen für ein bestmögliches Bildungsangebot existieren allerdings zahlreiche unterschiedliche Meinungen“, sagt Lelgemann. Allein: „Es fehlt das wissenschaftliche Fundament.“

Das soll sich nun ändern: An allen Schularten der Region – von der Förderschule bis zum Gymnasium - werden Lelgemann und seine Mitarbeiter untersuchen, welche Faktoren erfüllt sein müssen, damit Schüler mit einer körperlichen Beeinträchtigung optimal die Schule ihrer Wahl besuchen können.

„Erfüllt eine Schule diese Kriterien bereits, wenn sie über eine Rampe für Rollstuhlfahrer verfügt? Sicherlich nicht“, sagt Lelgemann. Wer hilft, wenn ein behindertes Kind auf die Toilette muss? Bietet die Schule Ergo- und Physiotherapie an oder müssen sich die Eltern selbst darum kümmern? Sind die Lehrer dazu in der Lage, den Unterricht in einer individualisierten, den Unterstützungsbedürfnissen der Schüler angemessenen Version zu halten? Welche Materialien kommen zum Einsatz? Gibt es zusätzliches Personal, das die individuellen Erfordernisse der Kinder erkennt?

Daten und Empfehlungen: Das Ziel der Untersuchung

Im Gespräch mit Lehrern, Eltern und Kindern will Lelgemann einerseits einen Zustandsbericht der momentanen regionalen Situation erarbeiten. Wie viele Kinder mit einer körperlichen Beeinträchtigung gehen in die Förderschulen, wie viele in die Regelschule? Wann und warum wechseln sie möglicherweise? Wie sehen die jeweiligen Angebote aus, welche Formen der Unterstützung gibt es? Wie zufrieden sind die Betroffenen?

„Das ist im Prinzip reine empirische Forschung“, sagt der Wissenschaftler. Auf dem Gebiet hat Lelgemann Erfahrung: Für den Zeitraum von 2004 bis 2008 hat er eine ähnliche Untersuchung in Bayern geleitet. Das war wohl auch der Grund, warum nun der Landschaftsverband Rheinland ihn mit dem Projekt im Kölner Umfeld beauftragt hat.

Der zweite Aspekt seiner Arbeit besteht darin, einen Leitfaden zu verfassen. „Wir haben hier die Chance, ohne konkrete Vorgaben des Ministeriums Empfehlungen zu entwickeln, wie das System Schule, die Lehrer und deren Helfer qualifiziert sein müssen, damit Inklusion gut und dauerhaft gelingen kann“, sagt Lelgemann.

Den allein seligmachenden Weg gibt es nicht

Eines will Lelgemann keinesfalls: Ein Votum für eine bestimmte Schulart abgeben. „Es gibt nicht das einzige, beste Angebot“, sagt er. Wenn Eltern oder deren Kinder Inklusion wünschen, müsse das genauso ernst genommen werden wie der Wunsch nach einer speziellen Förderschule. Entscheidend sei nur ein Kriterium: die Qualität des schulischen Bildungsangebotes. Diese Kriterien zu erforschen – das mache das Projekt so spannend.

Kontakt:
Prof. Dr. Reinhard Lelgemann,
T: (0931) 3184833, E-Mail: lelgemann@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

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