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IMK: Mehr Wachstum durch Balance à la Frankreich

25.03.2010
Eine Stärkung der deutschen Binnennachfrage, wie sie auch die französische Finanzministerin Christine Lagarde gefordert hat, würde das Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik spürbar erhöhen. Zudem fiele eine erhebliche Belastung für die Stabilität der Eurozone weg, weil auf diese Weise die deutschen Exportüberschüsse reduziert würden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, die heute als IMK Policy Brief erschienen ist.* Die in der deutschen Debatte verbreitete Sorge, geringere Außenhandelsüberschüsse seien gleichbedeutend mit schwächerer wirtschaftlicher Dynamik, bezeichnen die Ökonomen des IMK als unbegründet. "Denn Deutschland würde bei kräftigerer Binnenwirtschaft selbst am meisten gewinnen, wie ein Vergleich mit Frankreich zeigt." Im westlichen Nachbarland, dem die Wissenschaftler eine besser zwischen Binnenmarkt und Außenhandel "balancierte" Wachstumsstrategie attestieren, wuchs die Wirtschaft zwischen 1999 und 2009 fast doppelt so schnell.

Das IMK untersucht, wie sich Wachstum und Beschäftigung in Deutschland und Frankreich seit Einführung des Euro verändert haben. Ein Vergleich der Nachbarländer bietet sich an, weil sie bei ähnlichen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterschiedliche Entwicklungsmuster zeigen.

In Frankreich orientierte sich nach der IMK-Analyse die Lohnentwicklung seit Beginn der Währungsunion 1999 weitgehend verteilungsneutral am Inflationsziel der Europäischen Zentralbank und dem durchschnittlichen Produktivitätzuwachs. Zudem gab es keine drastischen Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme. In Deutschland blieb die Lohnentwicklung hingegen deutlich hinter Preissteigerung und Produktivitätszuwachs zurück. Dazu trugen auch verschiedene Arbeitsmarkt- und Sozialreformen bei, insbesondere die Hartz-Gesetze, die die Lohnentwicklung unter Druck setzten.

Entsprechend unterschiedlich entwickelten sich zentrale volkswirtschaftliche Komponenten: Deutschlands Exporte stiegen zwischen 1999 und 2009 im Jahresmittel um 5,2 Prozent, während die französischen Ausfuhren lediglich um zwei Prozent pro Jahr zulegten. Dagegen wuchs der private Konsum in Frankreich um 2,3 Prozent im Jahresdurchschnitt. Die Steigerung war fast dreimal so stark wie in Deutschland, mit lediglich 0,8 Prozent. Deutlich höher fielen im Untersuchungszeitraum auch die französischen Anlageinvestitionen aus: Brutto flossen pro Jahr 2,8 Prozent mehr in den Kapitalstock. Die Deutschen investierten nur 0,4 Prozent in neue Maschinen und Anlagen .

Insgesamt entwickelte sich Frankreichs Wirtschaft deutlich dynamischer als die deutsche: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von 1999 bis 2009 im Jahresdurchschnitt um 1,7 Prozent, während es in Deutschland 0,9 Prozent waren. Lediglich von 2006 bis 2008 lag die Bundesrepublik vorne. Im Rezessionsjahr 2009 war der Einbruch der exportorientierten deutschen Wirtschaft dann aber deutlich tiefer. Rechnet man den Effekt der Krise heraus, fällt der französische Wachstumsvorsprung kleiner aus, er bleibt aber markant: Von 1999 bis 2007 legte das französische BIP im Jahresmittel um 2,2 Prozent zu, das deutsche um 1,7 Prozent. Das höhere französische Wachstum sei um so bemerkenswerter, weil auch die französische Wirtschaft durch die Nachfrageschwäche und die starke Exportkonkurrenz ihres größten Handelspartners - Deutschland - gebremst wurde, betont das IMK.

Auch bei der Beschäftigungsentwicklung schnitt Frankreich besser ab, zeigt die IMK-Analyse: Seit 1999 stieg hier die Zahl der Beschäftigten um zehn Prozent, während es in Deutschland fünf Prozent waren. "Die höhere Dynamik des Binnenmarktes ist im Hinblick auf die Beschäftigung wichtiger als alle Arbeitsmarktreformen", so die Forscher. Lediglich bei der Abfederung der Wirtschaftskrise durch Konjunkturpakete, Kurzarbeit und andere Formen der Arbeitszeitverkürzung habe Deutschland mehr erreicht als Frankreich.

"Deutschland hat mit seinen strukturellen Handelsüberschüssen einen Beitrag zur Instabilität innerhalb Europas geleistet und sich damit zugleich den Risiken der Weltwirtschaft in hohem Maße ausgesetzt", resümieren die Wissenschaftler. Sie empfehlen eine Neuorientierung, welche die "einseitige Ausrichtung auf Exporterfolge", beendet. Dass eine Stärkung der Binnenwirtschaft in Deutschland zu Wachstumsgewinnen führen kann, zeigen auch Simulationsrechnungen mit dem Makroökonomischen Modell des IMK. Dazu spielten die Forscher durch, was passiert wäre, wenn die Löhne zwischen 1999 und 2007 verteilungsneutral in der Größenordnung von rund drei Prozent pro Jahr gewachsen wären. Ergebnis: Die Exporte hätten dann zwar weniger stark zugenommen. Die stärkere Binnenwirtschaft hätte das aber mehr als ausgeglichen. Das deutsche BIP hätte nach neun Jahren real um gut ein Prozent höher gelegen, als es tatsächlich der Fall war.

Die Forscher betonen, dass ein Strategiewechsel Jahre dauern werde. In der gegenwärtigen Krisensituation sei es schwierig, über höhere Lohnabschlüsse ein Umsteuern zu beginnen. "Das Problem des unbalancierten Wachstums kann nicht von den Tarifparteien gelöst werden, sondern ist eine Herausforderung für die Wirtschaftspolitik", schreibt das IMK. Sinnvoll sei eine staatliche Strategie, die unter anderem durch einen gesetzlichen Mindestlohn und die Abschaffung der Subventionen für geringfügige Beschäftigung den Druck auf das Lohngefüge reduziere. Zudem könnten zusätzliche öffentliche Investitionen in Bildung und Infrastruktur das Wachstum stärken. Das IMK empfiehlt, auf absehbare Zeit auf Steuersenkungen zu verzichten. Stattdessen sollten Reformen im Steuer- und Sozialsystem darauf abzielen, die gewachsene soziale Ungleichheit in Deutschland längerfristig wieder einzudämmen.

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/320_103128.html
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_pb_1_2010.pdf

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