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IMK-Europrognose: Arbeitslosigkeit ohne Investitionspolitik erst 2022 wieder auf Vorkrisenniveau

02.12.2015

Neue Prognose von IMK und europäischen Partnern

Trotz positiver Wachstumsraten ist die Krise in Europa nicht ausgestanden. Im Süden droht langanhaltende Massenarbeitslosigkeit, wenn die europäischen Staaten nicht durch nachhaltig verstärkte öffentliche Investitionen neue Impulse setzen.

Zu diesem Ergebnis kommen das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung und seine Partnerinstitute in ihrer neuen Prognose und Analyse der europäischen Wirtschaftspolitik.*

Die Wirtschaft wird danach 2016 im EU-Durchschnitt um 2,1 Prozent wachsen. Im Durchschnitt des Euroraums sind es 2,0 Prozent. In fast allen Ländern wird die Wirtschaftskraft zunehmen, in Deutschland steigt das Bruttoinlandsprodukt ebenfalls um 2,0 Prozent, in Frankreich um 1,8, in Spanien und Irland sogar um 3,4 beziehungsweise 3,7 Prozent.

Lediglich die griechische Wirtschaft wird weiter schrumpfen – um 0,1 Prozent. Das prognostizieren das IMK, das Observatoire Francais des Conjonctures Economiques (OFCE, Paris), der Economic Council of the Labour Movement (ECLM, Kopenhagen) und die Arbeiterkammer Wien (AK Wien) in ihrer „Independent Annual Growth Survey“ (IAGS). Die Studie stellt eine Alternative zur gerade veröffentlichten „Annual Growth Survey“ der EU Kommission dar und erscheint zum vierten Mal.

Doch auch wenn der Trend in den Krisenländern zu positiven Wachstumsraten und Leistungsbilanzüberschüssen geht, heiße das nicht, dass der Euroraum wirtschaftlich nachhaltig gesundet, schreiben die Wissenschaftler. Die große Krise sei längst nicht vorbei.

Vielmehr drohe eine Phase der Stagnation mit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Die Lage könne jederzeit kippen und Europa in eine deflationäre Abwärtsspirale stürzen. Denn anders als in den USA oder Großbritannien fehle dem Aufschwung nach der Finanzkrise auf dem alten Kontinent die Kraft.

Das hat, so die Analyse der vier Institute, vor allem mit dem wirtschaftspolitischen Umfeld zu tun: Während die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich höhere Inflation, defizitäre Leistungsbilanzen und schneller steigende Staatsschulden duldeten, hielten sich die Euroländer lange an konservative Kaufmannstugenden und versuchten zu sparen. Resultat: niedrigere und aktuell weiter rückläufige Investitionsquoten, weniger Wachstum und viel höhere Erwerbslosenquoten.

Der „viel zu langsame Abbau der Arbeitslosigkeit“ – beim jetzigen Tempo würde die Quote erst 2022 wieder auf den Stand von 2007 fallen – werde tiefe Narben hinterlassen, fürchten die Wirtschaftsforscher aus Deutschland, Frankreich, Dänemark und Österreich.

Fast jeder vierte Erwerbswillige und -fähige im Euroraum ist heute arbeitslos gemeldet (11 Prozent), unterbeschäftigt (5,6 Prozent) oder hat die aktive Jobsuche entmutigt eingestellt (6,4 Prozent). Ohne Politikwechsel sehen die Wissenschaftler eine Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit, einen gespaltenen Arbeitsmarkt, schlechtere Arbeits- und Entlohnungsbedingungen, nochmals nachlassende Investitionen und einen schrumpfenden volkswirtschaftlichen Kapitalstock voraus.

Wachsende Armut und eine perspektivlose Jugend schmälerten langfristig das produktive Potenzial vor allem in Südeuropa.

Gegensteuern ließe sich der Analyse zufolge vor allem mit einer Politik, die auf Wachstum durch Investitionen setzt. Dabei dürften die europäischen Regierungen sich nicht scheuen, Ausgaben, denen zukünftige Erträge gegenüberstehen, mit Krediten zu finanzieren. Das gelte besonders für den ökologischen Umbau der Wirtschaft. Flankiert werden müsse die Wachstumspolitik durch Umverteilung von Einkommen zur Bekämpfung der Armut.

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

Andrew Watt
Abteilungsleiter IMK
Tel.: 0211-7778-264
E-Mail: Andrew-Watt@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weitere Informationen:

http://www.iags-project.org/documents/iags_report2016.pdf - *IMK, OFCE, ECLM, AK Wien: Give Recovery a Chance, November 2015

Rainer Jung | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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