Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hohe Vorstandsbezüge, geringe Transparenz

26.09.2008
Je höher die individuelle Vergütung von Vorständen deutscher Unternehmen ausfällt, desto eher halten sie diese Daten zurück. Sind die Eigentumsanteile auf einen Großaktionär konzentriert, werden die Vorstandsgehälter ebenfalls tendenziell nicht veröffentlicht.

Diese Zusammenhänge sind die zentralen Ergebnisse einer empirischen Studie von Professor Dr. Erik Theissen und Dr. Christian Andres von der Universität Bonn. Die Ökonomen untersuchten auch die Auswirkungen der seit 2007 geltenden gesetzlichen Pflicht, individuelle Vorstandsvergütungen offen zu legen. Diese habe zu mehr Transparenz geführt und so die Interessen von Kleinaktionären gestärkt.

Seit 2002 empfiehlt der Deutsche Corporate Governance Kodex (DCGK) deutschen Unternehmen die individuellen Bezüge ihrer Vorstandsmitglieder öffentlich zu machen - ein Schritt zu mehr Transparenz in der deutschen Wirtschaft. Unternehmen, die sich nicht an diese Richtlinien halten, sollen zumindest erklären, weshalb sie dies nicht tun. An die Stelle der freiwilligen Selbstregulierung, die kaum Wirkung zeigte, setzte der Bundestag das Vorstandsvergütungs¬offenlegungsgesetz. Das Gesetz sieht allerdings eine Ausnahmeregelung vor: der Vorstand kann die Offenlegung für fünf Jahre aussetzen wenn die Hauptversammlung dem mit 75-prozentiger Mehrheit zustimmt.

Die Bonner Wissenschaftler untersuchten nun, ob es einen systematischen Zusammenhang zwischen der Offenlegung der individuellen Vorstandsvergütung und verschiedenen Unternehmens¬charakteristika wie Größe der Unternehmen, Profitabilität und Verteilung der Eigentumsanteile gibt. Untersucht wurden 140 deutsche Unternehmen in den ersten beiden Jahren nach Aussprache der Empfehlung durch den DCGK und im ersten Jahr mit gesetzlicher Offenlegungspflicht. Dadurch konnte auch untersucht werden, ob durch das Gesetz eine größere Transparenz erreicht wurde.

Offenlegung hoher Vorstandsgehälter unterbleibt

Im "Journal of Corporate Finance" haben die Bonner ihre Ergebnisse veröffentlicht. Danach legen Vorstände ihre Gehälter besonders dann ungern individualisiert offen, wenn aufgrund der Summe der Vorstandsbezüge von einer hohen Einzelvergütung der Vorstandsmitglieder ausgegangen werden kann. Dies trifft sowohl unter der alten als auch unter der neuen, gesetzlichen Regelung zu. "Die Offenlegung unterbleibt also tendenziell in den Fällen, in denen die Information besonders relevant ist", resümiert Dr. Andres.

Ebenso fanden die Wissenschaftler heraus, dass Transparenz und Aktionärsstruktur zusammenhängen. Vor Inkrafttreten der gesetzlichen Pflicht wurden die individuellen Vorstandsgehälter eher zurückgehalten, wenn viele Kleinaktionäre an dem Unternehmen beteiligt waren. Die gleiche Tendenz zeigten Unternehmen, die einen dominanten Großaktionär aufwiesen. Diese sind meist im Aufsichtsrat vertreten und dadurch ohnehin über die Bezüge informiert. Deshalb haben sie kein großes Interesse die Veröffentlichung der individuellen Vorstandsbezüge für Außenstehende durchzusetzen. Kleinaktionäre hingegen hatten keine Möglichkeit den Vorstand zur Offenlegung dieser Daten zu drängen. Die Veröffentlichungswahrscheinlichkeit war folglich am größten, wenn neben Kleinaktionären mehrere Aktionäre mit Anteilen über 5% beteiligt waren.

Gesetzliche Pflicht zur Offenlegung stärkt Kleinaktionäre

Aufgrund der gesetzlichen Pflicht können Kleinaktionäre nun darauf bestehen, dass der Vorstand die individuellen Bezüge veröffentlicht. Unternehmen mit einer breit gestreuten Aktionärsstruktur weisen daher auch eine höhere Transparenz auf als noch unter der alten Regelung. Ist ein dominanter Großaktionär vorhanden, werden diese Daten aber weiterhin eher zurückgehalten. Prof. Dr. Theissen und Dr. Andres vermuten, dass sich der Vorstand im Vorfeld der Hauptversammlung mit dem Mehrheitsaktionär abspricht. Signalisiert dieser seine Zustimmung, wird ein Antrag auf Nichtveröffentlichung der individuellen Vorstandsgehälter auf die Tagesordnung gesetzt. Mit der Mehrheit des Großaktionärs kann beschlossen werden, die Daten zurückzuhalten. Eine solche Absprache ist mit einer großen Gruppe von Kleinaktionären nicht möglich. Daher verzichtet der Vorstand bei einer breiten Aktienverteilung von vornherein darauf die gesetzliche Ausnahmeregelung zu beantragen - vermutlich aus Angst vor einer Abstimmungsniederlage. "Insgesamt wurde durch das Gesetz also trotz der Ausnahmeregelung die Position von Kleinaktionären gestärkt und die Transparenz erhöht", fassen die Bonner Ökonomen das positive Ergebnis ihrer Studie zusammen.

Kontakt:
Dr. Christian Andres
Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Bonn
Wirtschaftswissenschaftlicher Fachbereich
Telefon: 0228/73-9205
E-Mail: andres@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit

Antibiotikaresistenz zeigt sich durch Leuchten

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie