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Hilfe für Schüler mit psychischen Problemen

19.05.2011
SEYLE-Studie der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg zeigt vielversprechende Ergebnisse von Präventionsmaßnahmen

Weniger psychische Probleme bei den teilnehmenden Schülern sowie ein deutlicher Rückgang von depressiven Symptomen, selbstschädigenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken besonders bei Mädchen: Die einjährige Studie „Saving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg (Ärztlicher Direktor: Professor Dr. Franz Resch) durchgeführt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse.

Ziel ist es, die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu überprüfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Die Studie lief unter der Federführung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten und Israel.

„Es gibt ein hohes Maß an gefährdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an“, erklärt Studienleiter Professor Dr. Romuald Brunner. „Bei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgeprägte Stigmatisierung.“ Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitschülern ausgelacht zu werden. „Wir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufklärung zu betreiben“, sagt Studienkoordinator Dr. Michael Kaess, „etwa darüber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Schülern und ihre Anonymität gewährleistet sind.“ Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

Vier verschiedene Programme

Über 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zunächst beantworteten die Acht- und Neuntklässler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgefährdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gestörtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschwänzen und Mobbing abhandelte.

Je eines von vier Präventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten über 60 Prozent der Schüler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Präventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen („Gatekeeper-Training“). 450 Schüler wurden im Rahmen von fünf Unterrichtsstunden über riskante und selbstschädigende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgeklärt („Awareness Training“). An anderen Schulen wurden den Klassenräumen Informationsplakate aufgehängt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgehändigt („Minimal Intervention“).

Erfolg vor allem bei Mädchen

Bei etwa 25 Prozent der Schüler sank die Suizidgefährdung im Lauf der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den Mädchen verringerten sich die psychischen Probleme. „Eine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus“, betont Prof. Brunner. „Diese ersten Ergebnisse stellen ausschließlich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar.“ „Es fehlen noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden“, ergänzt Dr. Kaess. Insgesamt hatten über 12.000 Schüler an der Studie teilgenommen.

Kontakt:
Professor Dr. Romuald Brunner
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Universitätsklinikum Heidelberg
Blumenstraße 8
69115 Heidelberg
Tel.: 06221/56-36937
E-Mail: seyle@med.uni-heidelberg.de
Interview mit Studienleiter Professor Romuald Brunner und Studienkoordinator Dr. Michael Kaess

Sind psychische Probleme für Jugendliche ein Tabu-Thema?

Professor Romuald Brunner: Absolut, deshalb wollen wir mit den Präventionsprogrammen zur Ent-Tabuisierung beitragen. Zum Teil kursierten unter den Schülern ganz abstruse Vorstellungen über die Art therapeutischer Hilfe. Die verspätete Inanspruchnahme von Hilfe ist jedoch ein ganz großes Problem bei Jugendlichen. Es gibt aber auch Eltern, die die Probleme ihrer Kinder bagatellisieren und nicht akzeptieren können, dass sie Hilfe brauchen. Wenn ein belastendes familiäres Umfeld an der Entstehung der psychischen Probleme beteiligt zu sein scheint, laden wir den Elternteil zu einem Gespräch ein, zu dem die Jugendlichen am ehesten Vertrauen haben und versuchen dann eine gemeinsame Basis zu finden.

Dr. Michael Kaess: Wo im Rahmen unserer Studie psychische Erkrankungen im Unterricht behandelt wurden, zeigten sich die Schüler sehr offen und engagierten sich. Vor allem der Bereich Mobbing beschäftigte viele. Auf lange Sicht muss das Thema insgesamt ein fester Bestandteil der Lehrpläne werden. Es kommt darauf an, Öffentlichkeit herzustellen und den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind.

Was passiert mit den Jugendlichen, die einen Behandlungsbedarf haben?

Dr. Kaess: Wir haben sie an Therapeuten verwiesen und prüfen nun, ob die Vermittlung erfolgreich war. Allerdings war nur ein gutes Drittel derer, die wir zu einem Interview eingeladen hatten, auch erschienen. Offenbar war für viele der Anfahrtsweg zur Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie einfach zu weit, es scheinen aber auch Vorurteile und Angst vor Stigmatisierung hierbei eine Rolle zu spielen.

Wo haben die Präventionsmaßnahmen nicht gegriffen?

Professor Brunner: Wenig oder keinen Effekt hatten die Maßnahmen auf Jungen und in den Bereichen Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Internetsucht. Sie haben nicht ausgereicht, um den in diesem Alter zunehmenden Trend in dem Bereich entgegenzuwirken. Da hat einfach die Entwicklung in der Pubertät ihren Lauf genommen.

Dr. Kaess: Bei den Mädchen und dort besonders bei der Suizidprävention haben wir jedoch positive Effekte erzielt. Und Selbstmord ist in der Altersgruppe der 10- bis 24-Jährigen weltweit die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen. Bei einer Umfrage vor sechs Jahren unter den 14- bis 16-Jährigen in der Region berichteten elf Prozent der Mädchen und fünf Prozent der Jungen schon von mindestens einem Suizidversuch. Fast jeder vierte Lehrer hat in seiner Klasse schon einen Selbstmordversuch erlebt.

Wie geht es nun weiter?

Professor Brunner: Erst nach einem Vergleich aller Daten, die bei den europäischen Jugendlichen gesammelt wurden, können wir eine abschließende Aussage über den Erfolg der Präventionsprogramme treffen. In Deutschland läuft bereits die Etablierung einer Maßnahme: Die Lehrer nahmen ihr Training sehr gut an, deshalb haben wir es nach dem Ende der Studie auch an anderen Schulen angeboten. Dort wird es derzeit umgesetzt.

Dr. Kaess: Die Schule ist auch für das Training der Jugendlichen der ideale Ort, weil diese dort einen Großteil ihrer Zeit verbringen und Gleichaltrige für sie die wichtigste Bezugsgruppe darstellen. Schulbasierte Prävention wurde bislang jedoch vor allem in den USA eingesetzt. Die Studie soll dazu führen, dass sie nun auch in Europa vermehrt zum Zuge kommt.

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der größten und renommiertesten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international bedeutsamen biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung neuer Therapien und ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 10.000 Mitarbeiter und sind aktiv in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 Departments, Kliniken und Fachabteilungen mit ca. 2.000 Betten werden jährlich rund 550.000 Patienten ambulant und stationär behandelt. Derzeit studieren ca. 3.600 angehende Ärzte in Heidelberg; das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland.
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

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