Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hausaufgaben am Wohnzimmertisch

25.11.2013
Hausaufgaben gehören als Schulaufgaben an ihren Entstehungsort zurück, nämlich in die Schule. Das ist das Fazit einer Studie der Kasseler Erziehungswissenschaftlerin Dr. Martina Nieswandt, die die Hausaufgabensituation in Migranten-Haushalten untersuchte.

Begonnen hat alles mit einem erziehungswissenschaftliches Seminar zum Thema Hausaufgaben an Grundschulen. Martina Nieswandt stellte fest, dass es zum gegebenen Zeitpunkt fast ausschließlich quantitative Studien zu diesem Thema gab, welche die Effektivität von Hausaufgaben unter bestimmten Voraussetzungen betonten (z. B. qualitativ gute Aufgaben, qualitativ gute elterliche Betreuung und Integration der Aufgaben in den Unterricht).

Die Hausaufgabensituationen selbst aber hatte sich noch nie jemand so richtig angesehen. Schnell stand fest, dass genau hierauf der Forscherblick fallen sollte unter der Fragestellung, was genau in den Situationen passiert, die als notwendige Übungssituationen deklariert werden. Nach dem Erscheinen der PISA-Studien und dem festgestellten Zusammenhang von Bildungserfolg und Elternhaus sollten zudem Familien mit Migrationshintergrund im Fokus der Studie stehen, weil Hausaufgaben, so die Annahme, durchaus zur Bildungsungleichheit beitragen könnten, da Eltern ihre Kinder mitunter weniger dabei unterstützen könnten. Insbesondere die Benachteiligung der zahlreichen Kinder und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund ist bislang noch nicht hinreichend erklärt, deshalb ist die Studie auf diese Migrantengruppe begrenzt.

Zu Beginn dieser ethnographisch angelegten Studie bestand zunächst einmal die Schwierigkeit, als Deutsche Zugang zu Familien mit türkischem Migrationshintergrund zu bekommen, die dann ihr Einverständnis geben sollten, sich beim Erledigen der Hausaufgaben beobachten zu lassen. Allein dieser sogenannte Zugang zum Forschungsfeld war schon ein kleines Abenteuer. Über eine Bekannte mit türkischen Wurzeln, eine Zufallsbekanntschaft aus einem Spielkreis für Kleinkinder, entstanden erste Kontakt, über Lehrerinnen an Schulen weitere und im Schneeballverfahren erschloss sich wiederum ein Forscherfeld. Gerade aber an Familien, in denen die Frauen über wenige Sprachkenntnisse verfügen und die wenige Kontakte zu Nachbaren etc. haben, war schwierig heranzukommen- aber nicht unmöglich.

Drei Mal je eine Woche lang (mit halbjährigen Unterbrechungen) war die Forscherin in der Zeit anwesend, in der Hausaufgaben angefertigt wurden und hat die Situationen beobachtet. Ein Sprachaufzeichnungsgerät hat die Dialoge zwischen Kindern und Eltern aufgezeichnet, sofern welche stattfanden, und die ausgefüllten Arbeitsblätter und die vollgeschriebenen Schulseiten wurden fotografiert.

In diversen Kolloquien (Promotionskolleg, ethnographisches Kolloquium) sowie auf Methodenworkshops und Tagungen wurden einzelne Sequenzen line by line analysiert und so versucht, einen anderen, fremden Blick auf die vertraute Kultur des Hausaufgaben Machens zu erhalten. Eine kurze Reise in die Türkei diente dem Einblick in die türkische Sprache und in die türkische Kultur. Zudem konnten aus Hospitationen an türkischen Schulen wichtige Impulse für die Verfremdung der Hausaufgabenstellungen gewonnen werden, da in der Türkei z. B. das Multiple Choice System als Aufgabenkultur vorherrscht, in Deutschland aber eine andere Aufgabendidaktik favorisiert wird. Diese unterschiedliche Aufgabenauffassung wird z. T. auch in den Daten deutlich.

Am Ende der Dateninterpretation steht das Ergebnis, dass es sich bei Hausaufgabensituationen um intergenerationale Tischgespräche zwischen Eltern und Kindern handelt. Dabei stehen Fehler im Mittelpunkt der Diskussionen und die Aktivitäten zielen zumeist darauf ab, ein möglichst fehlerfreies Produkt anzufertigen, je nachdem wie gut die elterliche Kontrolle ist.

Solche „Bewältigungssituationen“ haben oft wenig mit den ursprünglich intendierten Übungssituationen zu tun. Und für Kinder mit Migrationshintergrund und deren Eltern kann, je nach Bildungsabschluss der Eltern und Sprachfähigkeit, sehr wohl noch ein sprachliches Hindernis hinzu kommen. Denn die Aufgaben sind zum einen in der Bildungssprache Deutsch verfasst, also einer spezifischen elaborierten und an der Schriftsprache orientierten Sprache. Zudem werden Fachtermini benutzt und die Frage, was mit Bausteinen gemeint ist, hält mitunter länger auf als die Bearbeitung eines Arbeitsblattes zu Morphemen (als kleinste sinnunterlegte Worteinheit).

Fazit: Hausaufgaben gehören als Schulaufgaben an ihren Entstehungsort zurück, nämlich in die Schule. Und die Art der Aufgabenstellungen für unterschiedlich motivierte Schülerinnen und Schüler wäre dann noch einmal gesondert zu thematisieren.

Publikation: Nieswandt, Martina: Hausaufgaben yapmak. Ein Ethnographischer Blick auf den Familienalltag. Klinkhardt. Kempten. Erscheint im Januar 2014

Sebastian Mense | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-kassel.de/uni/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Studie zu Bildungsangeboten für die Industrie 4.0 in Österreich
05.02.2018 | Fachhochschule St. Pölten

nachricht Schildkrötengehirne sind komplexer als gedacht
05.02.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Eine Frage der Dynamik

Die meisten Ionenkanäle lassen nur eine ganz bestimmte Sorte von Ionen passieren, zum Beispiel Natrium- oder Kaliumionen. Daneben gibt es jedoch eine Reihe von Kanälen, die für beide Ionensorten durchlässig sind. Wie den Eiweißmolekülen das gelingt, hat jetzt ein Team um die Wissenschaftlerin Han Sun (FMP) und die Arbeitsgruppe von Adam Lange (FMP) herausgefunden. Solche nicht-selektiven Kanäle besäßen anders als die selektiven eine dynamische Struktur ihres Selektivitätsfilters, berichten die FMP-Forscher im Fachblatt Nature Communications. Dieser Filter könne zwei unterschiedliche Formen ausbilden, die jeweils nur eine der beiden Ionensorten passieren lassen.

Ionenkanäle sind für den Organismus von herausragender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Sinnesreize wahrgenommen, ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet...

Im Focus: In best circles: First integrated circuit from self-assembled polymer

For the first time, a team of researchers at the Max-Planck Institute (MPI) for Polymer Research in Mainz, Germany, has succeeded in making an integrated circuit (IC) from just a monolayer of a semiconducting polymer via a bottom-up, self-assembly approach.

In the self-assembly process, the semiconducting polymer arranges itself into an ordered monolayer in a transistor. The transistors are binary switches used...

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Aachener Optiktage: Expertenwissen in zwei Konferenzen für die Glas- und Kunststoffoptikfertigung

19.02.2018 | Veranstaltungen

Konferenz "Die Mobilität von morgen gestalten"

19.02.2018 | Veranstaltungen

Von Bitcoins bis zur Genomchirurgie

19.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Die Zukunft wird gedruckt

19.02.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer HHI präsentiert neueste VR- und 5G-Technologien auf dem Mobile World Congress

19.02.2018 | Messenachrichten

Stabile Gashydrate lösen Hangrutschung aus

19.02.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics