Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Grundschüler leben Integration vor

14.06.2010
Erstklässler beziehen Kinder aus anderen Kulturen stark ins soziale Miteinander ein. Das zeigt die bundesweit erste Studie zur Integration von Migranten in dieser Altersgruppe.

Federführend bei der Studie war die Uni Würzburg.

Etwa 60 Prozent der Grundschüler aus ersten Klassen geben an, einen Freund anderer ethnischer Herkunft zu haben. Vor allem Kinder mit Migrationshintergrund zeigen sich kulturell sehr offen: Vier von fünf nennen einen Freund, der nicht aus dem gleichen Land stammt wie sie selbst; ein Drittel dieser Freundschaften besteht zu deutschen Kindern. Auch die deutschen Erstklässler nennen zu 40 Prozent einen andersethnischen Freund.

„Das widerlegt das allgemein vorherrschende Bild von einer ethnischen Spaltung“, sagt Projektleiter Professor Heinz Reinders von der Universität Würzburg. „Interethnische Freundschaften sind bei Grundschülern eher die Regel als die Ausnahme.“

Kinder in Bayern und Hamburg befragt

Befragt wurden 979 Grundschulkinder aus ersten Klassen in Bayern und Hamburg. Die Studie erfasst Freundschaftskonstellationen sowie kulturelle Einstellungen und Kompetenzen der Kinder. Durchgeführt wurde sie in einer Kooperation der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim; das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Untersuchung finanziell gefördert.

Positive interkulturelle Erfahrungen

„Überraschend sind die hohe kulturelle Offenheit und die positiven interkulturellen Erfahrungen der Kinder“, sagt Heinz Reinders. Knapp zwei Drittel der Schüler deutscher Herkunft finden es demnach völlig normal, mit Kindern aus anderen Ländern die Schulbank zu drücken. Migrantenkinder weisen bei dieser Frage mit 72 Prozent eine leicht höhere Zustimmung auf. Nur 16 Prozent der deutschen und 13 Prozent der nicht-deutschen Kinder geben an, nie mit Gleichaltrigen anderer Herkunft zu spielen.

Aufgrund dieser Alltagserfahrungen fühlen sich die Erstklässler sicher im Umgang mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern. Nur jeweils etwa 25 Prozent der Kinder mit und ohne Migrationshintergrund fühlen sich unwohl im Umgang mit Kindern anderer Herkunft.

Ethnisch gemischte Schulen fördern Integration

Großen Einfluss auf das Ausmaß interethnischer Freundschaften hat die Zusammensetzung der Klassen: An Schulen mit einem Migrantenanteil von unter 25 Prozent liegt der Anteil interethnischer Freundschaften bei 37 Prozent. An Schulen, in denen Kinder von Migranten mehr als 75 Prozent der Schüler ausmachen, sind dagegen 81 Prozent aller Freundschaften von interethnischer Natur.

„Das ist natürlich erst einmal ein Effekt der Verfügbarkeit. Wenn an einer Schule nur Kinder deutscher Herkunft sind, können sie auch keine interethnischen Freundschaften schließen“, sagt Reinders. Allerdings zeige der Befund auch: Ein hoher Migrationsanteil an einer Schule muss nicht nachteilig sein, sondern bietet Chancen für das soziale Miteinander.

Schulen können kulturelle Offenheit fördern

„Interethnische Freundschaften und kulturelle Offenheit hängen bei den Kindern eng zusammen. Weil sie in diesem Alter noch nicht so sehr in Stereotypen denken, ist das eine gute Möglichkeit für Schulen, das kulturelle Miteinander zu unterstützen“, resümiert Reinders.

So äußern sich Kinder mit einem Freund anderer Herkunft häufiger positiv, wenn es um die Akzeptanz und die Unterstützung andersethnischer Mitschüler geht. Auch fühlen sich Erstklässler, die interethnische Freundschaften pflegen, deutlich sicherer im Umgang mit Gleichaltrigen anderer Herkunft.

Nach Schulschluss enden die interethnischen Freundschaften nicht: Knapp 69 Prozent der Erstklässler mit Freunden anderer Herkunft besuchen sich auch gegenseitig zu Hause. Mit Folgen für die Familien: „Die Kinder tragen ihr interkulturelles Leben in die Wohnzimmer der Eltern“, sagt Reinders.

Kinder als Vorreiter der Integration

Fast ein Drittel aller Kinder an deutschen Grundschulen haben einen Migrationshintergrund. Für Grundschüler vor allem in städtischen Räumen ist es damit ganz selbstverständlich, in der Klasse mit Schülern aus unterschiedlichen Herkunftsländern zu sitzen.

„Diese Erfahrung beim Leben und Erleben von Integration haben die Kinder ihren Eltern voraus“, sagt Reinders. „Die öffentlichen Debatten, die Erwachsene über die ethnische Ghettobildung führen, haben mit dem Alltag der Kinder wenig zu tun.“

Der Studienleiter gibt auch zu bedenken, dass zwar die Sprachförderung wichtig sei, um die Chancen von Migrantenkindern nachhaltig zu erhöhen: „Unsere Studie zeigt aber auch, dass soziale Integration ein fester Baustein für die frühe Förderung am Beginn der Schullaufbahn sein muss, um eine gelungenes Miteinander zu ermöglichen“.

Kontakt

Prof. Dr. Heinz Reinders, Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung, Universität Würzburg, T (0931) 31-85566, heinz.reinders@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Grundschüler Migrant Migrationshintergrund Offenheit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Entrepreneurship-Studie: Großes Potential für Unternehmensgründungen in Deutschland
15.09.2017 | Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie