Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Gene Nervenschmerzen beeinflussen

07.04.2011
Blond oder brünett, klein oder groß, mehr oder weniger schmerzempfindlich, …?

Gene haben beträchtlichen Einfluss auf unser Aussehen und auch auf unser Verhalten. Dass sie zudem die Ausprägung von Nervenschmerzen beeinflussen, zeigt nun eine Studie des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz (DFNS). Diese belegt eindeutige Zusammenhänge zwischen typischen Nervenschmerz-Symptomen wie erhöhter Hitze- oder verminderter Kälteschmerzhaftigkeit und genetischen Varianten so genannter TRP (Transient Receptor Potential)-Kanäle.

Die Ergebnisse versprechen auf lange Sicht neue therapeutische Optionen mit noch zu erforschenden Medikamenten, die speziell gegen TRP-Kanäle wirken.

Neuropathische Schmerzen, allgemein als Nervenschmerzen bekannt, entstehen durch eine Schädigung oder Erkrankung von Nervenfasern. Einschießende Schmerzen, Brennen, Kribbeln oder Überempfindlichkeit auf Kälte, Wärme und auf normalerweise nicht-schmerzhafte Reize sind typische Symptome. Häufig treten aber auch sensible Ausfälle wie verminderte Wahrnehmung von Kälte und Wärme oder unangenehme Taubheit auf.

TRP-Kanäle bestimmen Nervenschmerzen

Bei der Verarbeitung von Kälte-, Wärme- und mechanischen Reizen spielen spezielle Ionenkanäle, so genannte TRP (Transient Receptor Potential)-Kanäle, eine wichtige Rolle.

Wie sich genetische Varianten dieser Kanäle auf die Symptomatik neuropathischer Schmerzpatienten auswirken, haben Forscher des DFNS in Zusammenarbeit mit dem Institut für Pharmakologie der Universität zu Kiel untersucht. Im Fokus standen drei TRP-Kanäle und deren Polymorphismen, also Gene, dies sich durch einzelne DNA-Bausteine unterscheiden.

Zuerst wurde bei 371 Patienten mit neuropathischen Schmerzen das genaue Schmerzprofil mit Hilfe der Quantitativ Sensorischen Testung (QST) nach DFNS-Standard erhoben. Diese erfolgt mit einer so genannten Thermode, die sich auf der Haut abkühlen und erwärmen kann, und weiteren Mitteln wie Pinsel oder Wattebausch und erfasst mit insgesamt 13 Parametern die Wahrnehmungs- und Schmerzschwellen für Kälte, Wärme und diverse mechanische Reize auf der Haut. „Dank der QST ist es uns gelungen, die Patienten zu charakterisieren. Zusätzlich konnten wir diese dann in zwei Kategorien einteilen. Eine mit Patienten, die vorwiegend überempfindlich auf Schmerz reagieren, und eine Zweite, für die eine verminderte oder normale Reaktion auf Schmerzen typisch ist. Dabei wies der nachfolgende Vergleich der Symptomatik mit den vorliegenden genetischen Varianten der TRP-Kanäle einen eindeutigen Zusammenhang auf.“, erklärt Dr. Andreas Binder von der Klinik für Neurologie, Kiel, der gemeinsam mit Dr. Denisa May vom Institut für Pharmakologie, Kiel, die Studie durchgeführt hat.

Erstmals konnte gezeigt werden, dass Patienten der ersten Kategorie mit einer bestimmten Variante der TRP-Kanäle feine Berührungen besser wahrnahmen und eine geringere Schmerzhaftigkeit auf Hitze und Nadelreize aufwiesen. Ein anderer Polymorphismus ging wiederum mit einer geringeren Kälteempfindlichkeit einher. Interessant war auch, dass alle Patienten mit einer bestimmten TRP-Variante eindeutig unter paradoxer Hitzeempfindung litten, wobei kalte Reize als heiß empfunden werden.

Zusätzlich wurden 253 gesunde Probanden auf die Häufigkeit derselben Genpolymorphismen untersucht. “Wir konnten im Vergleich mit den Patienten zeigen, dass nicht das Auftreten des Schmerzes, aber dessen Ausprägung durch Genvarianten beeinflusst wird.“, erläutert Dr. Denisa May.

Optimierte Therapie im Blick

Die Erforschung spezieller „Schmerz-Gene“ befindet sich immer noch am Anfang und bedarf weiterer Studien an großen Patientenkollektiven. „Doch schon jetzt zeigen sich neue Perspektiven auf. So befinden sich erste Medikamente, die speziell gegen TRP-Kanäle gerichtet sind, bereits in klinischer Erprobung.“, führt der Pharmakologe Prof. Ingolf Cascorbi, Universität zu Kiel, der den genetischen Teil der Studie betreut hat, aus. Langfristig hoffen die Forscher auf eine Optimierung der Therapie neuropathischer Schmerzen. Mit Capsaicin, das den Wirkstoff der Chilischote enthält, ist das erste Medikament dieser Art bereits auf dem Markt.

Literatur:
Binder A, May D, Baron R, Maier C, Tölle TR, Treede R.-D, Berthele A, Faltraco F, Flor H, Gierthmühlen J, Haenisch S, Huge V, Magerl W, Maihöfner C, Richter H, Rolke R, Scherens A, Sommer C, Ufer M, Wasner G, Zhou J, Cascorbi I (2011) Transient Receptor Potential channel polymorphisms are associated with the somatosensory function in neuropathic pain patients. PLoS ONE 6(3): e17387

(doi: 10.1371/journal.pone.0017387)

Über den Deutschen Forschungsverbund Neuropathischer Schmerz (DFNS)
Ziel des DFNS ist, die medizinische Versorgung von Patienten mit neuropathischen Schmerzen grundlegend zu verbessern. Der Verbund wird seit 2002 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und hat mit der Bewilligung der dritten Förderperiode bis 2012 die normalerweise vorgesehene Förderdauer von sechs Jahren überschritten. Im Netzwerk mit den beiden europäischen Forschungsverbünden Neuropain und Europain widmet sich der DFNS seit 2010 auch international der Erforschung chronischer Schmerzen und der Optimierung der Therapie. Sprecher des DFNS sind Prof. Dr. Ralf Baron (Kiel) und Prof. Dr. Dr. Thomas R. Tölle (München). Geschäftsstelle ist am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

http://www.neuropathischer-schmerz.de

Ansprechpartner:
Dr. med. Andreas Binder
Sektion für Neurologische Schmerzforschung
und -therapie
Klinik für Neurologie
Campus Kiel
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Haus 41, Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
Tel.: 0431-5978822
E-Mail: a.binder@neurologie.uni-kiel.de
Pressekontakt DFNS:
Vedrana Romanovic
Geschäftsstelle Deutscher Forschungsverbund Neuropathischer Schmerz
Neurologische Klinik und Poliklinik
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Ismaninger Str. 22
81675 München
Tel.: 089 - 4140 – 4635
E-Mail: romanovic@lrz.tum.de

Tanja Schmidhofer | idw
Weitere Informationen:
http://www.neuropathischer-schmerz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics