Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Machen Geld und Zeitdruck bestechlich? Studie zum Einfluss situativer Umstände auf korruptes Handeln

23.05.2011
Weshalb lassen sich Mitarbeiter von Unternehmen oder staatlichen Behörden zur Korruption verleiten? Kommen Fälle von Bestechlichkeit umso häufiger vor, je höher die angebotenen Bestechungsgelder sind? Oder ist korruptes Handeln an der Tagesordnung, weil Mitarbeiter in sehr kurzer Zeit Erfolge erzielen müssen?

Dr. Tanja Rabl, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universität Bayreuth, kommt in ihren Forschungsarbeiten zum gegenteiligen Ergebnis. Situationsbedingte Faktoren wie Zeitdruck oder die Höhe der Bestechungsleistung zeigen keinen signifikanten Einfluss auf die Häufigkeit korrupten Handelns. Darüber berichtet sie in einem neuen Beitrag für die Zeitschrift "Journal of Business Ethics".

Realitätsnahe Simulationen im Planspiel

Auf der Grundlage eines Modells korrupten Handelns, das die in der Forschung diskutierten Erklärungsansätze weiterentwickelt, hat Rabl eine empirische Untersuchung mithilfe eines Planspiels durchgeführt. Dieses Planspiel simuliert realitätsnah die alltägliche Geschäftspraxis in Unternehmen, lässt sich aber ebenso auf öffentliche Verwaltungen oder Non-profit-Organisationen anwenden.

Rund 200 junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer, vorwiegend Studierende aus Fächern mit einem wirtschaftswissenschaftlichen Bezug, nahmen an dem Planspiel teil. Dabei sahen sie sich unter verschiedenen Bedingungen mit der Versuchung konfrontiert, andere Unternehmensmitarbeiter zu bestechen oder aber sich selbst bestechen zu lassen – sei es mit Geld oder anderen Vergünstigungen. In einigen anderen Studien hatte sich gezeigt, dass diese Probandengruppe oftmals ähnlich entscheidet und agiert wie tatsächliche Entscheidungsträger in Unternehmen.

Situationsbedingte Faktoren: Bestechungsgelder – Zeitdruck – Leitbilder

Das zynische Vorurteil, es hänge allein von der Höhe des Preises ab, ob ein Mensch käuflich sei oder nicht, ließ sich nicht bestätigen. Zwar führt ein höheres Bestechungsangebot dazu, dass korruptes Handeln positiv bewertet wird. Es kann den Unternehmensmitarbeiter, der zur Korruption verleitet werden soll, in der Annahme bestärken, das berufliche und familiäre Umfeld würde in diesem Fall korruptes Handeln tolerieren. Doch auch wenn die Versuchung zur Korruption auf diese Weise steigt, bedeutet dies noch nicht, dass ein Impuls zum korrupten Handeln auch tatsächlich ausgelöst wird.

Dies gilt ähnlich für das Handeln unter hohem Zeitdruck. Wer im Unternehmen nur wenig Zeit hat, um wichtige erfolgskritische Entscheidungen zu treffen, ist möglicherweise geneigt, auf korruptes Handeln auszuweichen. Dabei gewinnen Normen und Einstellungen von Bezugspersonen stärkeren Einfluss auf das eigene Denken. Wenn diese Bezugspersonen korruptes Handeln billigen, wächst die Versuchung, andere zu bestechen oder sich selbst bestechen zu lassen. Gleichwohl wird nicht allein aus Zeitdruck heraus die Schwelle zur Korruption überschritten.

Unternehmensleitbilder, die nicht sehr konkret auf die Abwehr von Korruption ausgerichtet sind, können – dies ist ein weiteres Ergebnis der Studie – ebenfalls dazu beitragen, dass korrupte Handlungsweisen reizvoll erscheinen. Denn solange eine Organisation sich darauf beschränkt, von ihren Mitarbeitern nur ganz allgemein Integrität einzufordern, ist die abschreckende Wirkung schwach. Erst wenn das Leitbild mit Nachdruck darauf hinweist, dass Bestechung keineswegs toleriert wird, steigt bei den Mitarbeitern das Risikobewusstsein; Sanktionen werden als umso wahrscheinlicher eingeschätzt. Das erwartete Risiko kann dann abschreckend wirken. Doch auch das Unternehmensleitbild beeinflusst, für sich genommen, die Häufigkeit korrupten Handelns nicht signifikant.

Konsequenzen für eine wirksame Korruptionsbekämpfung

"Das Auftreten von Korruption in Unternehmen hängt somit nicht allein von den situativen Umständen ab," erläutert Rabl. "Eine wichtige Rolle kommt vor allem personbezogenen Faktoren zu. Ob jemand in Situationen, in denen eine hohe Versuchung zu Korruption besteht, tatsächlich korrupt handelt, wird im Wesentlichen bestimmt von drei Faktoren: Wie ist die Einstellung der Person zu Korruption? Wie schätzt die Person die in ihrem Umfeld verbreitete Einstellung zu Korruption ein? Und wie bewertet sie das Risiko, korruptes Handeln erfolgreich auszuführen?"

Unternehmen können daher Korruption in den eigenen Reihen am wirksamsten bekämpfen, indem sie genau an diesen Faktoren ansetzen. "Eine Unternehmenskultur, die Korruption strikt ablehnt und erfolgreich auf die Einstellungen der Mitarbeiter einwirkt, erweist sich durchaus als robust, wenn Umstände eintreten, in denen die Versuchung zu korruptem Handeln steigt," erklärt Rabl. Die Bayreuther Wirtschaftswissenschaftlerin ist Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Personalwesen und Führungslehre und hat sich bereits in ihrer Dissertation mit Ursachen und Wirkungen von Korruption in Unternehmen auseinandergesetzt. 2009 ist sie dafür mit dem Fürther Ludwig-Erhard-Preis ausgezeichnet worden.

Veröffentlichung:

Tanja Rabl, The Impact of Situational Influences on Corruption in Organizations,

in: Journal of Business Ethics, Volume 100, Number 1, pp. 85-101.

DOI-Bookmark: 10.1007/s10551-011-0768-2

Kontakt für weitere Informationen:

Dr. Tanja Rabl
Universität Bayreuth
95440 Bayreuth
Tel.: +49 (0) 921 55 2953
E-Mail: tanja.rabl@uni-bayreuth.de

Christian Wißler | Universität Bayreuth
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Wiederverwendung von IT- und Kommunikationsgeräten schont Klima und Ressourcen
23.02.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Klimawandel verstärkt Selenmangel
21.02.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik