Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gefühle richtig erkennen zahlt sich aus

14.11.2014

Die Gefühle der Mitarbeiter und Kollegen klar und richtig erkennen zu wollen – so ein Wunsch ist etwas für Weicheier, nicht aber für taffe Geschäftsleute und effiziente Performer? Irrtum! In einer aufwendigen internationalen Studie wurde jetzt nachgewiesen: Menschliche „Emotions-Erkennungsfähigkeit“ wirkt sich unmittelbar auf das Erwerbseinkommen aus. Korrespondenzautor der Studie ist Professor Dr. Gerhard Blickle vom Psychologischen Institut der Universität Bonn. Die Ergebnisse sind nun im Fachblatt „Journal of Organizational Behavior“ erschienen.

In einer Abteilung Chef zu sein oder sogar ein ganzes Unternehmen zu lenken – beides hat nichts mit Kuscheln zu tun. Objektives Erkennen von Sachlagen, knallhartes Wissen um die Fakten, schnelle Entscheidungen und deutliche Autorität – wer da nach den Gefühlen der Mitarbeiter fragt, gilt rasch als Weichei.

Dabei sind sie ein wichtiger Erfolgsfaktor nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für denjenigen, der sich für sie interessiert: Experten für Arbeits- und Wirtschaftspsychologie haben jetzt nachgewiesen, dass sich die „Emotions-Erkennungsfähigkeit“ von Menschen auf ihr Einkommen auswirkt. Prof. Dr. Gerhard Blickle vom Institut für Psychologie der Universität Bonn ist Mitautor der Studie mit dem prägnanten Titel „It pays to have an eye for emotions“ (etwa: Gefühle erkennen zahlt sich aus).

„Geeichte“ Emotions-Zeugnisse

Dass es zum täglichen Miteinander gehört, die Stimmung des Anderen einzuschätzen, bedeutet nicht, dass es jeder gleich gut kann, sagt Prof. Blickle. „Das ist wie beim Fremdsprachenerwerb oder im Sport: Dem einen fällt es leicht, dem anderen schwerer. Jeder kann mal einen Liegestütz machen. Aber nicht jeder ist ein Olympiasieger.“

Um vergleichen und messen zu können, wie gut jemand die Emotionen seiner Mitmenschen erkennt, sammelten die Forscher Bilder und Tondokumente von Kindern und Schauspielern – Menschen also, die ihre Gefühle deutlich auszudrücken gelernt oder noch keine Lust haben, sie auf „erwachsene“ Weise zu verbergen. So dargestellte Emotionen wurden dann berufstätigen Untersuchungsteilnehmern vorgelegt: Die sollten dann zum Beispiel erkennen, ob der gezeigte Mensch etwa wütend oder traurig ist, sich freut oder Angst hat.

Für die Bonner Untersuchung sollten Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 65 Jahren (142 Untersuchungsteilnehmer in der ersten, 156 in der nachfolgenden „Validierungs“-Studie) solche „fachlich geeichten“ Äußerungen beurteilen – jeweils 24 Gesichtsbilder und 24 Stimmaufnahmen galt es der passenden Emotion zuzuordnen. „Durchschnittlich ist das in 77 Prozent der Fälle gelungen“, berichtet Prof. Blickle. „Wenn einer es in 87 Prozent der Fälle schafft, dann ist er gut; bei 90 richtig gut; bei 60 nicht mehr so sehr.“

Anschließend befragten die Forscher die Kollegen und Vorgesetzten der Zielpersonen: Die Kollegen sollten die soziale Kompetenz der Teilnehmer bei der Zusammenarbeit am Arbeitsplatz beurteilen, letztere deren „soziale Leistung“ für die Firma (also zum Beispiel, ob das Team der Zielperson effektiv, weil harmonisch arbeitet). Ergebnis laut Prof. Blickle: Menschen mit guter Emotions-Erkennungsfähigkeit „werden von den Kollegen nachweislich als sozial kompetenter beurteilt. Ihre Vorgesetzten schreiben ihnen eine höhere Leistung in der Zusammenarbeit mit anderen zu. Und nachweislich ist auch ihr Erwerbseinkommen höher.“

Die „besondere Stärke“ der Studie sei, „dass wir Alternativerklärungen ausschließen konnten“, ergänzt Prof. Blickle. Zahlreiche Faktoren wirken auf das Einkommen eines Arbeitnehmers ein: Geschlecht, Alter, Ausbildung, wöchentliche Arbeitszeit und die hierarchische Position im Unternehmen. „All diese Varianten haben wir kontrolliert“, berichtet der Experte. „Dennoch blieb der Effekt der Emotions-Erkennungsfähigkeit auf das Einkommen bestehen.“

Lässt sich das Gefühlserkennungsvermögen nachhaltig steigern?

Die Forscher folgern daraus unter anderem, dass bei der Auswahl von Führungskräften mehr Wert auf die Fähigkeit zur Emotions-Erkennung gelegt werden sollte – vor allem, wenn es im Beruf auf den Umgang mit Menschen ankommt. „Wie oft hört man Führungskräfte von Verständnis und Wertschätzung sprechen“, kritisiert Prof. Blickle – „und wenn man ihr Führungsverhalten sieht, stellt man fest, dass sie beides nicht haben.“

Zwar gibt es diverse Verfahren, mit denen sich die „Emotionale Intelligenz“ erhöhen lässt. Wie Prof. Blickle erläutert, konzentrieren die sich jedoch allesamt darauf, die Emotionen des Gegenübers für sich selbst einzuordnen und anschließend passend zu handeln. Dass man die Gefühle anderer Menschen erst erkennen muss, wird bei diesen Trainings stillschweigend vorausgesetzt. „Ich kenne keine Studie, die zeigen würde, dass sich auch dieser erste Schritt nachhaltig verbessern lässt“, sagt der Bonner Experte. Ob das möglich ist, könnte jetzt Thema einer weiteren Untersuchung werden.

Publikation: Momm, T.D.; Blickle, G.; Yongmei, L. et al.: It pays to have an eye for emotions: Emotion recognition ability indirectly predicts annual income. Journal of Organizational Behavior, DOI: 10.1002/job.1975

Kontakt für die Medien:

Prof. Dr. Gerhard Blickle
Institut für Psychologie
Tel.: 0228/73-4375
E-Mail: gerhard.blickle@uni-bonn.de
Internet: www.aow-bonn.de/www/startseite.html

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Aufräumen? Nicht ohne Helfer

19.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Biotinte für den Druck gewebeähnlicher Strukturen

19.10.2017 | Materialwissenschaften

Forscher studieren molekulare Konversion auf einer Zeitskala von wenigen Femtosekunden

19.10.2017 | Physik Astronomie