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Fairness bei Kindern

28.08.2008
Wissenschaftler der Universitäten Zürich und Erfurt weisen in einer Studie mit 3- bis 8-jährigen Kindern nach, dass in dieser Altersspanne das Wohlergehen der anderen bedeutend wird. Während bei 3- bis 6-jährigen Eigennutz vorherrscht, zeigen 7- bis 8-jährige eine Präferenz für das Wohl der anderen in Form der so genannten Ungleichheitsaversion.

Diese Entwicklung, die bei anderen Spezies bisher nicht nachgewiesen werden konnte, mag eine entscheidende Erklärung für die aussergewöhnliche Kooperationsfähigkeit der Menschen sein, folgern die Wissenschaftler. Die Studie erscheint am 28. August 2008 im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Volume 454, Number 7208).

Menschliche Gesellschaften basieren auf detaillierter Arbeitsteilung und Kooperation in grossen Gruppen zwischen genetisch nicht verwandten Individuen. Die menschliche Kooperation unterscheidet sich spektakulär vom Kooperationsverhalten anderer Arten, gerade auch weil Menschen ausgeprägte Präferenzen für das Wohlergehen der anderen haben. Ein Mensch, dem das Wohl der anderen am Herzen liegt, betätigt sich tendenziell weniger als Trittbrettfahrer in gemeinsamen Aktivitäten und ist eher geneigt, soziale Normverletzungen zu ahnden, damit diese zukünftig weniger häufig auftreten.

Die evolutionären Wurzeln dieser Präferenzen für das Wohlergehen der anderen sind bisher weitgehend unbekannt. Ein besseres Verständnis der Entwicklung dieser Präferenzen über das Lebensalter verspricht tiefere Einsichten in die evolutionären Wurzeln des unterschiedlichen Kooperationsverhaltens der Spezies. Eine an der Universität Zürich von Prof. Ernst Fehr, Helen Bernhard und Prof. Bettina Rockenbach von der Universität Erfurt durchgeführte experimentelle Studie mit 229 Kindern im Alter von 3 bis 8 Jahren geht der Frage der Entwicklung dieser Präferenzen nach. Da bisher unbekannt war, wann Präferenzen für das Wohl der anderen entstehen, wurden bereits die jüngsten Kinder ausgewählt, mit denen ein solches Experiment durchführbar ist.

Die Kinder spielten drei verschiedene Spiele, in denen sie eine wertvolle Ressource (verschiedene Süssigkeiten) zwischen sich und einem anonymen (von Spiel zu Spiel wechselndem) anderen Kind aufteilen mussten. Etwa die Hälfte der Kinder führte diese Entscheidung im Wissen durch, dass das andere Kind aus demselben Kindergarten bzw. derselben Schule ist. Die andere Hälfte der Kinder wusste, dass das andere Kind einem anderen Kindergarten bzw. einer anderen Schule angehört.

Vom Eigennutz zur Ungleichheitsaversion

Bei den 3- bis 4-jährigen Kindern ist Eigennutz die vorherrschende Verhaltensweise. Bei der Aufteilung maximieren sie die eigene Auszahlung und zeigen kaum eine Präferenz für das Wohlergehen der anderen. 5- bis 6-jährige Kinder zeigen zwar ein gegenüber den jüngeren gesteigertes Interesse am Wohle der anderen, dennoch ist auch hier Eigennutz das vorherrschende Verhalten. Betrachtet man hingegen die 7- bis 8-Jährigen, so ergibt sich ein deutlich anderes Bild: fast die Hälfte der Kinder diesen Alters teilt mit dem anderen, und die deutliche Mehrheit zeigt eine Präferenz für das Wohlergehen des anderen. Dabei geht es jedoch weder um die Maximierung der Auszahlung des anderen noch um die Maximierung der gemeinsamen Auszahlung, sondern um die Herstellung von Auszahlungsgleichheit: das andere Kind soll weder mehr noch weniger als das aufteilende erhalten.

Von Schimpansen wurde unlängst gezeigt, dass sie eine geringe Bereitschaft aufweisen, Futter mit einem Bekannten zu teilen und eigennütziges Verhalten ähnlich dem der sehr jungen Kinder aufweisen. Bereits das Verhalten der 7- bis 8-Jährigen unterscheidet sich deutlich von dem der erwachsenen Schimpansen.

Eigene Gruppe wird bevorzugt

Kinder der eigenen Gruppe (Kindergarten bzw. Schule) erhalten mehr Ressourcen zugeteilt als die einer fremden Gruppe und diese Bevorzugung steigt sogar mit dem Alter an. Das heisst, dass die Wissenschaftler nicht nur eine Entwicklung vom Eigennutz zur Ungleichheitsaversion im Alter zwischen 3 und 8 Jahren beobachten, sondern sich im gleichen Alter auch eine starke Bevorzugung der eigenen Gruppenmitglieder entwickelt.

"Die simultane Entwicklung von altruistischem Verhalten und Gruppenbevorzugung gibt interessante neue Impulse für die Vermutung, dass diese beiden Prozesse durch denselben evolutionären Prozess getrieben werden", betont Ernst Fehr, Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Zürich, und verweist darauf hin, dass dies keinesfalls die Bedeutung der zeitgleich stattfindenden kulturellen und sozialen Entwicklung der Kinder schmälert. "Im Gegenteil: die kulturelle Bedeutung des Teilens mag ein entscheidender Faktor für die Evolution der Ungleichheitsaversion sein", so Fehr.

Bettina Rockenbach, Wirtschaftswissenschaftlerin von der Universität Erfurt weist auf die Unterschiede zum Verhalten von Schimpansen hin: "Erwachsene Schimpansen zeigen in einer Aufteilung mit einem identifizierbaren Bekannten keine Präferenz für Teilen auf. Fast die Hälfte der 7- bis 8-jährigen Kinder hingegen teilt sogar mit einem anonymen anderen." Dass uns Menschen - im Gegensatz zu anderen Spezies - das Wohle der anderen am Herzen liegt, mag eine entscheidende Erklärung für die aussergewöhnliche Kooperationsfähigkeit der Menschen sein, folgern die Wissenschaftler.

Originalbeitrag:
Ernst Fehr, Helen Bernhard, Bettina Rockenbach
Egalitarianism in young children
Nature, Volume 454, Number 7208, doi: 10.1038/nature07155
Kontakte:
Prof. Ernst Fehr,
Direktor des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung, Universität Zürich
Tel. ++41 44 634 3709
E-Mail: efehr@iew.uzh.ch
Prof. Bettina Rockenbach, Microeconomics,
Universität Erfurt
Tel. ++49 361 737 4521
E-Mail: bettina.rockenbach@uni-erfurt.de

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch/

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