Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erschöpfte Arbeitnehmer

04.04.2012
Soziologen der TU Chemnitz und des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/Main stellen eine steigende Belastung sowie zunehmende Probleme bei der Realisierung professioneller Standards bei Arbeitnehmern fest

Dauerhafter Zeit- und Leistungsdruck, regelmäßige Überstunden, geringe Entscheidungsspielräume bei gleichzeitig fehlender Anerkennung und Unterstützung durch Führungskräfte, zunehmend prekäre Berufsbedingungen selbst bei qualifizierten Arbeitskräfte - nicht wenige Arbeitnehmer in Deutschland sind erheblich belastet und nicht selten auch überfordert.

Neben steigenden psychischen Problemen ist als Folge eine ernsthafte Gefährdung von Arbeitsqualität und Professionalität zu registrieren. Zu diesem Ergebnis kommen Soziologen der Technischen Universität Chemnitz und des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt/Main nach einer Befragung der Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Supervision e. V. (DGSv). Supervisoren beraten Organisationen und Unternehmen. In der Untersuchung ging es darum, wie die befragten Experten die Arbeitsbedingungen in den von ihnen betreuten Organisationen im Profit- und Non-Profit-Bereich wahrnehmen.

Die Daten wurden 2011 als zweite Welle einer erstmals 2008 durchgeführten viel beachteten Befragung erhoben. 30 qualitative Intensivinterviews, vier Gruppendiskussionen sowie eine standardisierte E-Mail-Befragung der Mitglieder der DGSv mit einer Beteiligung von 23,6 Prozent (das entspricht 893 Befragten) bildeten in dieser Welle die Grundlage der Erhebung. Die Wissenschaftler werten die Studie aufgrund der Zusammensetzung der Stichprobe als repräsentativ. 44,3 Prozent der Befragten nahmen bereits an der Vorgängerstudie teil. Auch die aktuelle Untersuchung bestand aus einem breiten Spektrum von Fragen zu den Arbeitsbedingungen. Hinzu kamen dieses Mal zwei Schwerpunkte: Die Chemnitzer Forscher befassten sich unter Leitung von Prof. Dr. G. Günter Voß (Professur Industrie- und Techniksoziologie) vor allem mit der Qualität der geleisteten Arbeit. Die Frankfurter Wissenschaftler beschäftigten sich unter Leitung von Prof. Dr. Rolf Haubl insbesondere mit den gesundheitlichen Auswirkungen steigender Arbeitsbelastungen. Die Studie wurde von der DGSv finanziert.

Gaben 2008 fast 80 Prozent der Befragten an, dass Beschäftigte unter dauerhaftem Leistungsdruck stehen, so waren es 2011 bereits mehr als 90 Prozent. Fast alle (97,3 Prozent) erkennen inzwischen steigende psychophysische Belastungen aufgrund hoher Arbeitsbelastungen, die in den Augen von ebenfalls über 90 Prozent eine Zunahme von Erkrankungen zur Folge haben - vor allem als Burnout-Phänomene (94,3 Prozent). "Nimmt man dauerhaften Leistungsdruck als aussagefähigen Indikator für die Belastungen am Arbeitsplatz, dann haben diese von 2008 auf 2011 keineswegs abgenommen. Im Gegenteil: Sie stabilisieren sich auf hohem Niveau", fasst Prof. Voß zusammen.

Fast 70 Prozent der befragten Experten erklären zudem, dass ökonomische Kriterien zunehmend Qualitätsstandards verdrängen und es wachsende Konflikte über Leistungsstandards zwischen Management und Mitarbeitern gibt. "Das Ziel professionellen Handelns liegt aus Sicht der Organisationen insbesondere darin, den eigenen ökonomischen Erfolg zu sichern. Für die Beschäftigten ist professionelles Arbeiten hingegen vor allem mit Sinnhaftigkeit, klar erkennbarer Wirksamkeit und fachlicher Qualität verbunden", erklärt Voß und benennt als ein für ihn besonders wichtiges Ergebnis der Studie: "Den Sinn der geleisteten Arbeit zu erkennen, fällt den Beschäftigten immer schwerer. Das kann zu einer erheblichen Entfremdung von der eigenen Tätigkeit führen, die ein bisher wenig beachteter Grund für die derzeit weithin beobachtete Zunahme psychischer Belastungen sein könnte."

Bei der Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen von hohen Belastungen am Arbeitsplatz registrieren die Wissenschaftler vor allem fünf Problemfelder: Einer deutlichen Überforderung in vielen Bereichen steht eine bestenfalls durchschnittliche oft aber auch fehlende Anerkennung für die geleistete Arbeit und eine nur durchschnittlich realisierte Leistungsgerechtigkeit gegenüber, was wichtige Ursache für eine gravierende Demoralisierung und oft auch Erschöpfung der Arbeitnehmer ist. "Die Daten zeigen generell, dass ein Großteil der Arbeitnehmer unter einer starken bis sehr starken Erschöpfung leidet - was aber nicht sofort mit dem derzeit populären Schlagwort Burnout gleichgesetzt werden darf", so Voß. Diese Erschöpfung folgt laut der Studie vor allem aus zu hoher Arbeitsbelastung aber auch aus den registrierten Konflikten um die Qualität und den Sinn der Arbeit. Solche Probleme können sich jedoch relativieren, wenn die geleistete Arbeit von Führungskräften anerkannt und leistungsgerecht belohnt werde. Auch eine gute Arbeitsatmosphäre und belastungsreduzierende Hilfestellungen durch die Vorgesetzten wirken der Erschöpfung entgegen. Allerdings lässt beides laut der Studie häufig zu wünschen übrig: 62,7 Prozent der Befragten registrieren, dass Führungskräfte nur unzureichend Halt und Orientierung bieten. 53,3 Prozent können nicht erkennen, dass das Betriebsklima in den Organisationen gut ist. Es ist daher wenig verwunderlich, wenn eine große Mehrheit (65,3 Prozent) der folgenden Aussage zustimmt: "Ein erheblicher Teil meiner Supervisanden hat Angst, psychische Belastungen am Arbeitsplatz gegenüber seinem Vorgesetzten zur Sprache zu bringen."

"Wollen Arbeitgeber etwas gegen die Erschöpfung ihrer Belegschaften tun, dann können sie vor allem an folgenden Punkten ansetzen: Ein hoher Arbeitseinsatz sollte deutlich wertgeschätzt und Leistung gerecht belohnt werden. Außerdem braucht es ein Klima, in dem Vorgesetzte die Mitarbeiter vor Überlastungen und nicht zuletzt vor Selbstausbeutung schützen sowie dazu beitragen, dass Probleme angesprochen werden und sich Kollegen solidarisch verhalten", fasst Voß zusammen.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse stellt die DGSv im Internet bereit:
http://www.dgsv.de/wp-content/uploads/2012/02/erste_ergebnisse-grenzen_professioneller_arbeit.pdf

Weitere Informationen erteilt Prof. Dr. G. Günter Voß, Telefon 0371 531-34388, E-Mail guenter.voss@soziologie.tu-chemnitz.de

Katharina Thehos | Technische Universität Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nährstoffhaushalt einer neuentdeckten “Todeszone” im Indischen Ozean auf der Kippe

06.12.2016 | Geowissenschaften

Entschlüsselung von Kommunikationswegen zwischen Tumor- und Immunzellen beim Eierstockkrebs

06.12.2016 | Medizin Gesundheit

Bioabbaubare Polymer-Beschichtung für Implantate

06.12.2016 | Materialwissenschaften