Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erfolg mit Kurzarbeit - Auf die Rahmenbedingungen kommt es an

16.07.2012
Studie vergleicht Deutschland und Italien

In Deutschland hat Kurzarbeit dabei geholfen, während der Wirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten. In Italien haben ganz ähnliche Instrumente weitaus weniger gut funktioniert. Eine neue Untersuchung zeigt, woran das lag: Unter anderem sorgten eine aktivere Konjunkturpolitik und durch Mitbestimmung geregelte Arbeitszeitkonten in Deutschland für ein besseres Umfeld.

Nach dem wirtschaftlichen Einbruch 2009 hat sich der deutsche Arbeitsmarkt erstaunlich schnell erholt. Ein Bestandteil des "deutschen Jobwunders" war die Ausweitung der Kurzarbeit. Doch ohne günstige Rahmenbedingungen hätte sie nicht so gut angeschlagen. Dies zeigt der Vergleich mit Italien, den PhD Ulrike Stein vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung zusammen mit Dr. Fabio R. Aricò von der University of East Anglia im englischen Norwich angestellt hat.

Für beide Länder ging die globale Nachfrage 2009 ähnlich stark zurück, skizzieren die Forscher. Deutsche wie Italiener nutzten das Instrument der Kurzarbeit seit geraumer Zeit, um in Phasen der Rezession Beschäftigte im Unternehmen halten zu können. Und beide Länder starteten mit einer identischen Arbeitslosenquote von 7,8 Prozent in die Wirtschaftskrise (siehe auch die Grafik im Böckler Impuls; Link unten). Hier hören die Gemeinsamkeiten allerdings auf: Trotz des kräftigen Einbruchs behielten in Deutschland die meisten Arbeitnehmer ihren Job. Seit Anfang 2010 nahm die Beschäftigung sogar wieder zu, die Wirtschaft erholte sich. In Italien hingegen gingen sowohl die Zahl der Erwerbstätigen als auch das Wachstum erheblich zurück. Eine nachhaltige Erholung ist nicht in Sicht.

Dass Deutschland besser abschnitt, beruht nach der Analyse von Stein und Aricò auf den günstigeren Rahmenbedingungen. Angesichts des großen Ausmaßes der Rezession verließ sich die Bundesregierung nicht allein auf arbeitsmarktpolitische Instrumente. In kurzer Folge legte sie mehrere Konjunkturprogramme auf, die dabei halfen, den starken Nachfragerückgang aufzufangen. Die italienische Regierung unterstützte die Wirtschaft dagegen kaum; Begründung: Der Staat sei zu hoch verschuldet.

Zudem konnten Betriebe in Deutschland auf weitere Möglichkeiten interner Flexibilität zurückgreifen, zum Beispiel auf die in der deutschen Industrie weit verbreiteten Arbeitszeitkonten. Vor der Krise florierte die Wirtschaft, die Konten der Beschäftigten waren gut gefüllt. Als Aufträge fehlten, bauten sie ihre Zeitguthaben ab. Darüber hinaus machten Arbeitnehmer weniger Überstunden und reduzierten ihre Wochenarbeitszeit. Mehr als drei Millionen Jobs ließen sich so erhalten, zitieren Stein und Aricò eine Studie des WSI in der Hans-Böckler-Stiftung.

Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer trug dazu bei, solche betrieblichen Arbeitszeitverkürzungen effektiv einzusetzen: "Die Sozialpartner hatten diese Instrumente innerhalb eines verlässlichen Rahmens entwickelt", erläutern die beiden Wirtschaftsforscher. Arbeitgeber konnten dadurch gemeinsam mit Arbeitnehmervertretern die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten an die Auftragslage anpassen. Entlassungen blieben so aus. In Italien fehlen solche Möglichkeiten.

Die zusätzlichen Flexibilitätspuffer erleichterten es deutschen Betrieben auch, die Kurzarbeit weniger intensiv einzusetzen. In Deutschland waren im Mai 2009 zwar mehr als 1,5 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Die meisten von ihnen reduzierten ihre Wochenarbeitszeit jedoch lediglich um bis zu 25 Prozent. Nicht einmal zehn Prozent aller Kurzarbeiter arbeiteten weniger als die Hälfte ihrer üblichen Arbeitszeit. Im Durchschnitt belief sich die Reduzierung auf 30 Prozent.

Die italienische Regierung hingegen verließ sich fast ausschließlich auf die verschiedenen Regelungen zur Kurzarbeit, um die Auftragseinbrüche der Industrie abzufedern. "Diese Programme haben sicherlich dazu beigetragen, einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern", so Aricò und Stein. Dennoch habe die Zahl der Arbeitslosen bis ins Jahr 2010 zugenommen. Ein Grund für die Verzögerung: In Italien hat nur ein kleiner Kreis von Beschäftigten Anspruch auf Arbeitslosengeld. "Da italienische Beschäftigte weniger davor geschützt sind, im Falle von Arbeitslosigkeit ohne Einkommen dazustehen, wurde die Kurzarbeit während der Krise als Ersatz-Arbeitslosenversicherung genutzt", fassen die Forscher zusammen. Zu Beginn der Krise wechselten viele Arbeitnehmer in Kurzarbeit Null, waren also eigentlich arbeitslos. Gerade sie tauchten später in den Arbeitslosenstatistiken auf, als die Wirtschaftskrise andauerte und ihr Kurzarbeitergeld auslief.

*Fabio R. Aricò, Ulrike Stein: Was Short-Time Work a Miracle Cure During the Great Recession? The Case of Germany and Italy, in: Comparative Economic Studies Nr. 54, 2012

Infografik zum Download im Böckler Impuls 12/2012: http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=40519&chunk=1

Kontakt in der Hans-Böckler-Stiftung

PhD Ulrike Stein
IMK
Tel.: 0211-7778-339
E-Mail: Ulrike-Stein@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=40519&chunk=1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie