Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Einstieg in kapitalgedeckte Alterssicherung hat Wirtschaftsentwicklung merklich gedämpft

16.11.2009
Die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Form der Riester-Rente soll zukünftigen Rentnern eine auskömmliche Rente ermöglichen, obwohl das Niveau der gesetzlichen Rente durch verschiedene Reformen deutlich sinken wird.

Gesamtwirtschaftlich gesehen wäre es jedoch effizienter gewesen, die Stärken der gesetzlichen Rente zu erhalten und das Umlagesystem über weitere Steuertransfers zu unterstützen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung.

"Die zunehmende Überalterung unserer Gesellschaft erzwingt unausweichlich in Zukunft höhere absolute und relative Ausgaben für Renten, Pflege und Gesundheit", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die heute als IMK Report erscheint.* "Die Finanzierung dieser höheren Ausgaben lässt sich durch einen Übergang zu einem kapitalgedeckten Rentensystem, in dem zuvor ein Kapitalstock angespart wird, auch nicht besser bewältigen als im traditionellen Umlagesystem." Längerfristig seien mit der Kapitaldeckung keine höheren Renditen zu erzielen. Zudem sei das Kapitaldeckungsverfahren kurzfristig weitaus anfälliger für weltwirtschaftliche Krisen, wie derzeit die hohen Verluste von privaten Pensionsplänen in den USA zeigen.

Erklärtes Ziel der Rentenreformen der Jahre 2000 bis 2007 war es, die Beitragssätze zur Rentenversicherung auch bei einer wachsenden Zahl von Rentnern nicht über 22 Prozent steigen zu lassen. Das Rentenalter wurde heraufgesetzt, das Rentenniveau gesenkt und die Formel zur Rentenberechnung geändert. Die staatlich geförderte Riester-Rente, die die Beschäftigten ohne die Beteiligung der Arbeitgeber ansparen, soll das in Zukunft niedrigere Rentenniveau ausgleichen.

In ausführlichen Simulationsrechnungen stellen die Wissenschaftler Dr. Camille Logeay, Dr. Volker Meinhardt, Dr. Katja Rietzler und Dr. Rudolf Zwiener die Rentenreformen erstmalig in Bezug zur aktuellen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dabei zeigt sich: Weder für die künftigen Rentner noch für die sozialen Sicherungssysteme rechnet sich der Systemwechsel.

Auf den ersten Blick haben die Reformen zwar für die heute Beschäftigten Vorteile, ebenso wie für ihre Arbeitgeber: Der Beitragsatz zur gesetzlichen Rentenversicherung soll bis zum Jahr 2030 lediglich auf maximal 22 Prozent steigen. Doch weil die Arbeitgeber sich an den Kosten für die nun notwendige zusätzliche Altersvorsorge nicht beteiligen, müssen die Beschäftigten das fehlende Geld vollständig über eigene Ersparnisse ausgleichen.

Einschließlich der Beiträge zur Riester-Rente müssen Arbeitnehmer 15 Prozent ihres Bruttoeinkommens für ihre Altersvorsorge aufwenden - 11 Prozent als hälftiger Beitragssatz zur gesetzlichen Rente und 4 Prozent für die private Vorsorge. Ohne die Rentenreformen würde der Beitragssatz bis zum Jahr 2030 dagegen auf knapp 25 Prozent steigen, zeigen Berechnungen des Sachverständigenrats für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die - hälftige - Belastung für die Beschäftigten wäre mit 12,5 Prozent deutlich geringer.

Die Einführung einer kapitalgedeckten Komponente fordert den privaten Haushalten somit eine höhere Sparleistung ab. Das hat wiederum Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung. Mit Hilfe seines makroökonometrischen Modells kann das IMK diese Konsequenzen für die ersten Jahre seit Einführung der Riester-Rente näherungsweise beziffern. Es spielte dazu die Entwicklung wirtschaftlicher Eckdaten mit und ohne Riester-Rente durch.

Die Ergebnisse: Im Zuge der Rentenreformen stieg die Sparquote der privaten Haushalte zwischen 2002 und 2007 um knapp einen Prozentpunkt. Ihr Konsum schwächte sich um anderthalb Prozent ab. Dieser Verlust an Nachfrage wurde nicht durch höhere Investitionen von Unternehmen ausgeglichen. Das dämpfte die Wirtschaftsleistung innerhalb von sechs Jahren real um fast ein Prozent, das Beschäftigungsniveau um gut ein halbes Prozent.

Im gleichen Zeitraum reduzierten die Reformen die Ausgaben der Rentenversicherung um zwei Prozent. Diesen Einsparerfolg des Staates machte die vergleichsweise schlechtere wirtschaftliche Entwicklung aber wieder zunichte, so die Ökonomen. Weil sich Konjunktur und Beschäftigung im Vergleich schwächer entwickelten, hatten Städte und Gemeinden sowie die anderen Zweige der Sozialversicherung weniger Einnahmen und höhere Ausgaben, etwa für Arbeitslosengeld. "Die Erfolge der Rentenversicherung gingen vollständig zu Lasten der Gebietskörperschaften und der anderen Zweige der Sozialversicherung", resümieren die Forscher.

Auch die Annahme, die kapitalgedeckte Altersvorsorge erziele höhere Renditen als das Umlagesystem, ist aus Sicht der Forscher problematisch. Denn die gemeinhin angenommene durchschnittliche Verzinsung von vier Prozent ist im historischen Vergleich hoch. Um diese Rendite mit Anlagen im Inland zu erzielen, müssten die Kapitaleinkommen dauerhaft stärker wachsen als Löhne und Gehälter. Das ist in den vergangenen Jahren in Deutschland so geschehen. Doch langfristig sei eine derart deutliche Umverteilung nicht durchhaltbar, weil sie die inländische Nachfrage immer weiter schwäche, warnen die Forscher.

Anlagen in wachstumsstärkeren Schwellenländern seien ebenfalls mit Problemen behaftet, die die erwartete Rendite in Fragen stellen: International hoch wettbewerbsfähige Länder wie China exportieren per Saldo selber Kapital. Die Nachfrage nach Kapital aus Europa sei daher zu klein, "um die Probleme der Alterssicherung anderer Länder mit hohen Renditen zu lösen", attestieren die Wissenschaftler. Zudem ergäben sich bei Anlagen in Auslandswährungen erhebliche Wechselkursrisiken. Und schließlich könnten schwere wirtschaftliche Krisen bei kapitalgedeckten Systemen Verluste verursachen, die sich kurz- und mittelfristig kaum mehr ausgleichen lassen. Das zeigt nach der IMK-Analyse die aktuelle Situation in den USA oder Irland. Nach Berechnungen der OECD müssen in den USA alle über 45-Jährigen mit Renteneinbußen zwischen 17 und 25 Prozent rechnen. Sinkende Rentenzahlungen zwingen manche Rentner sogar dazu, wieder einen Job zu suchen. "In der gegenwärtigen Krise mit Massenentlassungen konkurrieren sie so mit Arbeitslosen um die wenigen neuen Arbeitsplätze", schreiben die Forscher.

Ein weiterer Ausbau der Kapitaldeckung und eine Ausweitung beispielsweise auf die Pflegeversicherung berge deutlich mehr Risiken als Chancen, resümiert das IMK. Und die bereits umgesetzten Rentenreformen mit ihrer langfristig wirkenden Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus bedrohten die Legitimität der gesetzlichen Rente. "Viele der heute Erwerbstätigen unterliegen noch dem Irrglauben, dass sie durch die Kombination aus gesetzlicher Rente und Riestersparen auch in Zukunft ein akzeptables Rentenniveau erreichen werden", schreiben die Forscher. Das sei aber nur zu gewährleisten, wenn das gesetzliche Rentenniveau nicht so stark wie vorgesehen abgesenkt werde.

* Camille Logeay, Volker Meinhardt, Katja Rietzler, Rudolf Zwiener: Gesamtwirtschaftliche Folgen des kapitalgedeckten Rentensystems. IMK Report Nr. 43, November 2009. Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_43_2009.pdf

Infografiken im Böckler Impuls 18/2009: http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2009_18_6.pdf

Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Rudolf Zwiener
IMK
Tel.: 0211-7778-333
E-Mail: Rudolf-Zwiener@boeckler.de
Prof. Dr. Gustav A. Horn
Wissenschaftlicher Direktor IMK
Tel.: 0211-7778-331
E-Mail: Gustav-Horn@boeckler.de
Dr. Camille Logeay
Arbeitsmarktexpertin IMK
Tel.: 0211-7778-334
Mail: Camille-Logeay@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Rainer Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2009_18_6.pdf
http://www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_43_2009.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics