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DJI-Längsschnittstudien liefern Kommunen empirische Grundlagen für effektive Übergangssteuerung an der Schwelle Schule-Beruf

19.01.2010
Das neue Forschungsprofil der Außenstelle des Deutschen Jugendinstituts in Halle rückt die Bereitstellung wissenschaftlicher Grundlagen für eine nachhaltige Kinder- und Jugendsozialpolitik in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

Die auf drei Jahre angelegten Längsschnittstudien für regionales Übergangsmanagement, die das DJI derzeit u.a. in Leipzig und Stuttgart durchführt, sind erfolgreiche Beispiele dafür, wie das DJI an der Schnittstelle von Forschung, Politik und Praxis hilft, in kurzer Zeit, aber nachhaltig durch maßgeschneiderte Diagnosetools den Weg in das Berufsleben für viele, insbesondere benachteiligte, Jugendliche zu ebnen.

Der Abschluss einer Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf gilt in Deutschland als Mindestausstattung für den Eintritt in die Erwerbsarbeit. Chancen und Risiken, dieses erste große Ziel in der beruflichen Karriere zu erreichen bzw. zu verfehlen, sind laut dem 2. Nationalen Bildungsbericht ungleich verteilt: "Nach Schulende haben die Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss die weitaus niedrigsten Übergangsquoten in eine vollqualifizierende Ausbildung".

Genauere Hinweise auf unterschiedliche Verläufe beim Übergang von der Hauptschule in eine Ausbildung liefert das DJI-Übergangspanel, eine mit Unterstützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durchgeführte bundesweite Längsschnittuntersuchung des Deutschen Jugendinstituts. Aufgrund der Auswertungen von neun Befragungswellen konnte das DJI-Übergangspanel abschließend fünf beispielhafte Verlaufstypen sowohl für gelingende als auch problematische Übergänge ausmachen.

· Typ 1: Direkteinstieg in die Ausbildung
Nur ein Viertel der Jugendlichen mündet in der Regel unmittelbar nach Ende der Pflichtschulzeit ohne weitere Zwischenschritte in eine Ausbildung ein. In dieser Kategorie finden sich mehr Jungen als Mädchen und mehr Jugendliche deutscher Herkunft als Jugendliche mit Migrationshintergrund.
· Typ 2: Über den weiteren Schulbesuch in die Ausbildung
Jeder fünfte Jugendliche der Stichprobe versucht, die Chancen auf einen Ausbildungsplatz ihrer/seiner Wahl durch den Erwerb eines mittleren Bildungsabschlusses zu erhöhen. Meist waren dies Jugendliche mit besseren Schulnoten und insgesamt mehr Mädchen als Jungen.
· Typ 3: Über die Berufsvorbereitung in die Ausbildung
Ein Fünftel der Jugendlichen hat im Durchschnitt 13 Monate während des Untersuchungszeitraums in berufsvorbereitenden Lernangeboten verbracht, bevor der Einstieg in eine Ausbildung gelungen ist. Dieser Weg ist kennzeichnend für Jugendliche mit Migrationshintergrund und Jugendliche mit schlechten Schulnoten.
· Typ 4: Weiter zur Schule
Jede/r zehnte Jugendliche verfolgte eine schulische Höherqualifizierung. Es sind eher Mädchen und Jugendliche mit guten Schulnoten, die bereits bei der ersten Befragung im letzten Hauptschuljahr eine klare Präferenz für den weiteren Schulbesuch und den Erwerb höherer allgemeinbildender Abschlüsse geäußert haben.
· Typ 5: Ausbildungslosigkeit
Einem Viertel der Jugendlichen ist 54 Monate nach dem Ende der Pflichtschulzeit noch immer nicht der Einstieg in eine Ausbildung gelungen. Nur selten befanden sie sich in einer (zumeist nach kurzer Zeit abgebrochenen) Ausbildung. Durchschnittlich 13,5 Monate haben sie als Ungelernte gearbeitet. Etwa genau so lange waren sie im Durchschnitt erwerbslos. Diese Jugendlichen haben im Durchschnitt 27 Monate in Schulen oder berufsvorbereitenden Lernangeboten verbracht - ohne den angestrebten Erfolg.

Dass bundesweite Durchschnittswerte zu Übergangsverläufen jedoch nicht einfach auf die einzelnen Regionen heruntergerechnet werden können, belegen aktuelle regionalspezifische bzw. lokale Diagnosen des Deutschen Jugendinstituts. Eine Gegenüberstellung der Auswertungen von Längsschnitten für Leipzig und Stuttgart zeigt gravierende Unterschiede: Drei Jahre nach Verlassen der Hauptschule haben in Leipzig 79 Prozent eine Lehrstelle, in Stuttgart sind es gerade einmal 37 Prozent. Überraschend sind diese Ergebnisse auch deswegen, weil das regionale Verhältnis von Angebot und Nachfrage bei den Ausbildungsplätzen in den meisten ostdeutschen Arbeitsagenturbezirken einen Überhang bei den Bewerberinnen und Bewerbern verzeichnet, während in vielen westdeutschen Bezirken mehr Lehrstellen angeboten werden als Ausbildungssuchende gemeldet sind.

Birgit Reißig (DJI) erklärt die Hintergründe: "Mit dem zweigliedrigen Schulsystem in Sachsen strebt eine große Anzahl der Jugendlichen einen mittleren Bildungsabschluss an. Diejenigen Jugendlichen, die einen Hauptschulabschluss ablegen, sind weniger an weiterer Schulbildung, sondern an einem schnellen Eintritt in eine Ausbildung interessiert. Dies wird im Osten auch durch eine hohe Anzahl von vollzeitschulischen und auch außerbetrieblichen Ausbildungen unterstützt."

In Leipzig besuchen weniger als 10 Prozent des gesamten Altersjahrgangs den Hauptschulzweig. Fast die Hälfte von ihnen befindet sich nach dem Pflichtschulabschluss bereits in einer Ausbildung. Nur ein knappes Viertel geht weiter zur Schule und nur gut jede/r Zehnte macht einen Zwischenschritt in einem berufsvorbereitenden Lernangebot.

In Stuttgart hingegen, wo rund 30 Prozent eines Altersjahrgangs die Hauptschule besuchen, ist der weitere Schulbesuch die wichtigste Anschlussstation nach dem 9. Schuljahr der Hauptschule. Jeweils ein Viertel der Hauptschulabsolventinnen und -absolventen mündet unmittelbar in eine Ausbildung bzw. in ein berufsvorbereitendes Lernangebot ein. Ein Jahr später geht die größte Gruppe (39 Prozent) noch immer zur Schule, 37 Prozent sind jetzt in einer Ausbildung und 10 Prozent befinden sich noch immer in einer Berufsvorbereitung.

"In Stuttgart haben wir insgesamt eine größere Zahl an Hauptschulabsolvent/innen. Von ihnen haben fast 80 Prozent einen Migrationshintergrund. Der hohe Anteil derer, die weiter zur Schule gehen, ergibt sich zum einen aus fehlenden Zugängen zu direkter Ausbildungsaufnahme, aber auch aus dem Wissen, dass höhere Bildungsabschlusse die Chancen auf die Aufnahme einer gegebenenfalls auch höherwertigen Ausbildung verbessern können", erläutert Nora Gaupp (DJI).

Die detaillierten Längsschnittanalysen des DJI helfen zudem, Risikogruppen zu identifizieren wie diejenigen Jugendlichen, die nach einer oder mehreren berufsvorbereitenden Maßnahmen keine Anschlussperspektive haben. Michael Föll, Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, formuliert im DJI-Gastbeitrag in dem Zusammenhang ein klares Ziel: "Jugendliche sollen nicht in langen Warteschleifen verharren und mehrere berufsvorbereitende Maßnahmen wiederholen, sondern zügig in Ausbildung münden, um Perspektiven entwickeln zu können. In Kooperation mit Trägern der freien Wohlfahrtpflege, Sozialunternehmen, Ausbildungsbetrieben und der Arbeitsagentur/JobCenter werden wir ein Konzept entwickeln, dass jedem Jugendlichen einen Ausbildungsplatz im Anschluss an eine berufsvorbereitende Maßnahme garantiert."

Basierend auf den DJI-Ergebnissen setzte der Leipziger Bürgermeister Prof. Dr. Thomas Fabian in einem ersten Schritt den Fokus auf die Berufsorientierung, insbesondere die Systematisierung schulischer Konzepte, die Qualifizierung von Pädagogen und Pädagoginnen in diesem Bereich sowie die verstärkte Sensibilisierung und Aktivierung der Eltern und die intensivere Einbindung der Jugendhilfe in den schulischen Kontext. Erste Ergebnisse, so die Leiterin der Koordinierungsstelle Jana Voigt in ihrem DJI-Beitrag, seien u.a. eine durchgeführte Elternbefragung und der Versand von Elternbriefen, eine Aktionslandkarte mit Informations- und Beratungsangeboten für Eltern sowie ein Onlineportal, das als Leitfaden und Arbeitshilfe für Akteure im Übergangssystem dient.

Das Interesse der Kommunen und die Bereitschaft, auch mit den herausgearbeiteten Schwachstellen im Übergangssystem konstruktiv umzugehen, wertet Dr. Frank Braun, bisheriger und scheidender Leiter des Forschungsschwerpunktes Übergänge am DJI, im DJI-Gespräch positiv: "Hier wird Forschung genutzt, um fundierte Entscheidungen treffen zu können und nicht, um bereits getroffene Entscheidungen nachträglich legitimieren zu lassen."

Andrea Macion | idw
Weitere Informationen:
http://www.dji.de/thema/1001

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