Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Diabetes: Männer und Frauen ticken anders

12.07.2011
Studie der Klinik Niederrhein in Bad Neuenahr und der MHH zeigt, dass unterschiedliche Rehamaßnahmen sinnvoll sind

Ist Diabetes gleich Diabetes? Welche Rolle spielen Genderaspekte in der medizinischen Rehabilitation?

Diese Fragen untersuchte Dr. Gundula Ernst, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Medizinischen Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einer Studie mit 411 zuckerkranken Patienten. Gemeinsam mit dem Diabetologen Dr. Peter Hübner, Oberarzt an der Klinik Niederrhein, verglich sie die körperliche, psychische und soziale Situation der Betroffenen, zu 75 Prozent Männer, zu 25 Prozent Frauen.

Alle waren in der Rehaklinik in Bad Neuenahr-Ahrweiler behandelt worden, einem Haus der Deutschen Rentenversicherung, die das Projekt fördert. Untersucht wurden die Patienten bei Rehabeginn, bei Entlassung und ein Jahr später.

Das Ergebnis: In allen Bereichen zeigten sich deutliche Unterschiede. „Danach sollten sich auch Therapien und Trainings in der Rehabilitation richten“, fordert Dr. Ernst. So kämpften die 105 beteiligten Diabetikerinnen etwa deutlich stärker mit krankhaftem Übergewicht, dessen Verringerung die Stoffwechsellage in der Regel verbessert. 40 Prozent der Frauen gaben zudem an, keinen Sport zu treiben. Bei den Männern waren es immerhin „nur“ 34 Prozent. Bei Fragen zur Krankheitsbewältigung, zur Lebensqualität, zu Ängsten und Depressivität zeigten sich die Diabetikerinnen wesentlich stärker belastet als ihre Mitpatienten. Sie fühlten sich durch die nötige Ernährungsumstellung überfordert und mit der Krankheit allein gelassen. „Die Patientinnen beklagten immer wieder die Mehrfachbelastung durch Arbeit, Haushalt und Familie, zum Teil mit pflegebedürftigen Angehörigen“, berichtet Dr. Ernst. Viele Frauen fühlten sich „völlig erschöpft“.

„Beeindruckt hat uns vor allem die soziale Kluft in Ausbildung und Beruf“, erklärt die Wissenschaftlerin. Rund Dreiviertel der Männer waren als Facharbeiter oder für Angestelltentätigkeiten qualifiziert und vollzeitig berufstätig. Etwa der gleiche Anteil bei den Frauen hatte keine Berufsausbildung, sondern war an- oder ungelernt und häufig ihn Teilzeitjobs tätig. Dabei lebt jede dritte Diabetikerin allein. „Eine bedrückende sozialmedizinische Situation“, fasst Dr. Hübner zusammen. „Es leuchtet ein, dass die Diabetikerinnen daher mit großer Besorgnis in ihre berufliche Zukunft blickten“, sagt der Klinikarzt. Reha-Teams sollten sich deshalb nicht dazu verleiten lassen, den ohnehin schwachen Berufsbereich zu vernachlässigen, sondern umso konsequenter sozialmedizinische Beratung und Unterstützung anbieten.

Die psychosozialen Belastungen müssten insgesamt bei den Frauen stärker in den Mittelpunkt der Behandlung rücken, raten die Forscher. Typische geschlechtsspezifische Stressfaktoren sollten in den Seminaren zur Stressbewältigung - vielleicht sogar in gesonderten Gruppen - vermehrt einbezogen werden. Sportabstinente Frauen könnten durch spezifische Themen wie Problemzonen, Osteoporose, Beckenbodentraining oder Entspannung motiviert werden. In der Ernährungsberatung wären vorrangig praktische Angebote wie die Lehrküche sinnvoll, da die Patientinnen meist genügend Grundlagenwissen über Nahrung mitbrächten.

Auch bei Nachsorgeangeboten müsste die geschlechtstypische Lebenssituation einfließen. So befürchteten die befragten Diabetikerinnen häufig, dass Nachsorgetermine sie noch mehr belasten würden. Eine "Intervallrehabilitation“ mit Nachsorgewoche in der Klinik wurde eher als Zusatzbelastung eingestuft. „Besser eignen sich wohnortnahe Angebote zu passenden Zeiten“, betont Dr. Ernst. Auch für nachsorgende Telefongespräche konnten sich Frauen wenig erwärmen. Männer waren dagegen stärker interessiert, Nachsorgeangebote der Klinik zu nutzen und sogar auch bereit, über sensible Themen wie sexuelle Probleme als Folge von Diabetes mit einer Fachkraft am Telefon zu sprechen. „Eine intensivierte Nachsorge mit Zusatzwoche und Telefonaten trifft den Bedarf und das Interesse von Männern mit klassischer Erwerbsbiografie“, hält Dr. Ernst fest. Für Frauen sollten die Nachsorgeangebote abgewandelt werden.

Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.forschung.deutsche-rentenversicherung.de > Rehawissenschaftliches Kolloquium >Tagungsband S. 432-433 und >Präsentationen>Sessions>Gastroentereologische Rehabilitation oder per mail bei ernst.gundula@mh-hannover.de.

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.mh-hannover.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Erste großangelegte Genomstudie prähistorischer Skelette aus Afrika
27.09.2017 | Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte / Max Planck Institute for the Science of Human History

nachricht Wie gesund werden wir alt?
18.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Salmonellen als Medikament gegen Tumore

HZI-Forscher entwickeln Bakterienstamm, der in der Krebstherapie eingesetzt werden kann

Salmonellen sind gefährliche Krankheitserreger, die über verdorbene Lebensmittel in den Körper gelangen und schwere Infektionen verursachen können. Jedoch ist...

Im Focus: Salmonella as a tumour medication

HZI researchers developed a bacterial strain that can be used in cancer therapy

Salmonellae are dangerous pathogens that enter the body via contaminated food and can cause severe infections. But these bacteria are also known to target...

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Konferenz IT-Security Community Xchange (IT-SECX) am 10. November 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

Die Zukunft der Luftfracht

23.10.2017 | Veranstaltungen

Ehrung des Autors Herbert W. Franke mit dem Kurd-Laßwitz-Sonderpreis 2017

23.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Magma sucht sich nach Flankenkollaps neue Wege

23.10.2017 | Geowissenschaften

Neues Sensorsystem sorgt für sichere Ernte

23.10.2017 | Informationstechnologie

Salmonellen als Medikament gegen Tumore

23.10.2017 | Biowissenschaften Chemie