Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Deutsche Städte und Globalisierung: Der große Umbruch

09.12.2008
Neue Difu-Studie: Stadtpolitik benötigt einen Paradigmenwechsel

Wie wirkt sich der aktuelle Globalisierungsprozess auf deutsche Städte und ihre Strukturen aus? Mit welchen Strategien und Maßnahmen begegnen Städte den neuen Herausforderungen? Wo stoßen diese auf deutliche Grenzen? Fragen wie diesen ging das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) in seiner soeben von Werner Heinz vorgelegten Studie "Der große Umbruch - Deutsche Städte und Globalisierung" nach.

Diese Studie, deren zentrale Grundlage rund 60 Gespräche mit maßgeblichen kommunalen Entscheidungsträgern sowie Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft sind, beschreibt Globalisierung als Prozess, der auf eine lange Geschichte zurückblickt und der in seiner aktuellen Form auf mehrere Triebkräfte zurückgeht: die an den Prinzipien des Neoliberalismus orientierte Erschließung immer neuer Märkte und Sektoren im Sinne der Renditeoptimierung, weit reichende, in den späten 1980er Jahren einsetzende geopolitische Veränderungen sowie ein umfassender technologischer Innovationsschub, der die Entwicklungen und "Entgrenzungen" ermöglichte und beschleunigte.

Maßgebliche Folgen dieser Veränderungen und Strategien sind zunehmend weltweite Vernetzungen, wachsende globale Arbeitsteilung, ein sich verschärfender, immer weitere Räume und Bereiche einbeziehender Wettbewerb, weit reichende Veränderungen im Wirtschafts- und Finanzsektor sowie eine allgemeine Beschleunigung von Austausch- und Veränderungsprozessen. Zu den Auswirkungen des aktuellen Globalisierungsprozesses zählt aber auch eine tiefgreifende, vielfach mit einer zunehmenden ökonomischen, sozialen und räumlichen Spaltung einhergehende Transformation der Städte und ihrer Strukturen. Betroffen von diesen einschneidenden Veränderungen sind alle Städte und Gemeinden, positiv wie negativ, mittel- wie unmittelbar - infolge der besonderen Bedingungen des Einzelfalls unterschiedlich in Intensität, Ausmaß und Zeit.

Städte und Gemeinden begegnen den aktuellen Herausforderungen, dafür liefert die vorliegende Arbeit eine Vielzahl von Beispielen, mit einem breiten Spektrum von Aktivitäten, deren Schwerpunkte und Gestalt von den Strukturen, Handlungsmöglichkeiten und Akteurskonstellationen des Einzelfalles abhängen. "Die" Stadtpolitik als Antwort auf die Auswirkungen des aktuellen Globalisierungsprozesses gibt es daher nicht, dennoch hat sich eine Reihe strategischer Schwerpunkte herausgebildet. Diese reichen von einer fortschreitenden Internationalisierung kommunalen Handelns und veränderten wirtschaftsstrukturellen Schwerpunktsetzungen bis zu einem breiten, durch eine zunehmende Zweiteilung gekennzeichneten Politikspektrum: mit wettbewerbsorientierten Standortpolitiken auf der einen Seite und bewohnerorientierten Innenpolitiken auf der anderen. Ein Merkmal kommunalen Handelns ist aber auch eine Öffnung kommunaler Strukturen, Aufgaben und Einrichtungen für den Privatsektor, seine Prinzipien und Akteure.

Die Ergebnisse der vielfältigen kommunalen Aktivitäten sind zwiespältig. Auf der Erfolgsseite stehen attraktive Standorte für das breite Feld der Zukunftstechnologien, vielfältige Wohn-, Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebote (vor allem für hochqualifizierte Beschäftigte), ausgefallene (städtebauliche) Projekte, die in der Regel mit einem deutlichen kommunalen Image- und Attraktivitätsgewinn einhergehen, sowie erneuerte und/oder umgebaute Stadtzentren, die als Rahmen sich häufender Events und als markante Anziehungspunkte für Touristen und Besucher fungieren. Gleichzeitig - und dies ist die andere Seite - sind soziale, ökonomische und auch räumliche Differenzen nicht geringer geworden. Der Anteil unsicherer und meist schlecht bezahlter Beschäftigungsverhältnisse hat zugenommen - ungeachtet gleichzeitig sinkender Arbeitslosenzahlen. Die Armutsquote ist weiter gestiegen und trotz des Relevanzgewinns kommunaler Kinderfreundlichkeit zählen Kinder zu den Hauptbetroffenen von Armut. Verfestigt hat sich vielfach auch die räumliche Segregation: in nicht nur ethnisch, sondern auch durch Einkommen und soziale Situation der Bewohner voneinander abgegrenzte Quartiere.

Dieser ambivalente Befund macht deutlich, dass zwischen kommunalen Strategien und Maßnahmen auf der einen und den Problemen und Herausforderungen, mit denen Städte konfrontiert sind, auf der anderen Seite, eine deutliche Lücke klafft. Zur Schließung dieser Lücke werden bloße Symptomkorrekturen und Programmmodifikationen von vielen der in die Difu-Studie einbezogenen Gesprächspartner als unzureichend erachtet. Gefordert werden nicht nur eine Stärkung der kommunalen Ebene und eine Abkehr von der gegenwärtigen Erosion der kommunalen Selbstverwaltung, sondern auch verbesserte Interventions- und Steuerungsmöglichkeiten auf allen Ebenen der öffentlichen Hand. Unerlässlich erscheint aber auch ein weitgehender Paradigmenwechsel: von der vorrangigen Wettbewerbs- und Leuchtturmpolitik zu einer verstärkten Berücksichtigung der konkreten Bedarfe und sozialen Belange aller städtischen Bewohnerinnen und Bewohner. Dieser Paradigmenwechsel sollte nicht allein die kommunale Ebene erfassen, sondern für alle kommunal-relevanten Akteure gelten: von der Bundesebene bis zur globalen Ebene, einschließlich des Privatsektors. Ziel dieser Forderungen, dies wird in der Arbeit von Werner Heinz mehrfach betont, ist nicht eine Abkehr von der Globalisierung, sondern eine breite politisch-strategische Neuorientierung des neoliberal geprägten Globalisierungsprozesses, die - frei nach dem Nobelpreisträger Josef Stiglitz - "Städte mit menschlichem Antlitz" zum Ziel hat.

Veröffentlichung:
Dr. Werner Heinz
Der große Umbruch - Deutsche Städte und Globalisierung
Edition Difu - Stadt Forschung Praxis
Berlin 2008. Bd. 6, ca. 360 S., Euro 31,-
ISBN 978-3-88118-456-4
Kontakt:
Dr. phil., Dipl.-Ing. Werner Heinz
Telefon: 0221/340308-10
E-Mail: heinz@difu.de
Weitere Informationen im Difu-Internet:
http://www.difu.de/publikationen/difu-berichte/2_08/03.phtml
http://www.difu.de/publikationen/abfrage.php3?id=987
Kurzinfo: Deutsches Institut für Urbanistik
Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu), Berlin, ist als größtes Stadtforschungsinstitut im deutschsprachigen Raum die Forschungs-, Fortbildungs- und Informationseinrichtung für Städte, Kommunalverbände und Planungsgemeinschaften. Ob Stadt- und Regionalentwicklung, Wirtschaftspolitik, Städtebau, Soziale Themen, Umwelt, Verkehr, Kultur, Recht, Verwaltungsthemen oder Kommunalfinanzen: Das 1973 gegründete unabhängige Institut bearbeitet ein umfangreiches Themenspektrum und beschäftigt sich auf wissenschaftlicher Ebene mit allen Aufgaben- und Problemstellungen, die die Kommunen heute und in Zukunft zu bewältigen haben. Grundlage des Handelns des als GmbH geführten Instituts ist die Gemeinnützigkeit. Der Verein für Kommunalwissenschaften e.V. (VfK) ist alleiniger Gesellschafter der GmbH.
Pressekontakte:
Sybille Wenke-Thiem, Ltg. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Institut für Urbanistik (Difu) , Ernst-Reuter-Haus , Straße des 17. Juni 112, 10623 Berlin
E-Mail: wenke-thiem@difu.de, Internet: http://www.difu.de
Telefon: 030/39001-209/-208, Telefax: 030/39001-130

Sybille Wenke-Thiem | idw
Weitere Informationen:
http://www.difu.de
http://www.kommunalweb.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Gene für das Risiko von allergischen Erkrankungen entdeckt
21.11.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Bedeutung von Biodiversität in Wäldern könnte mit Klimawandel zunehmen
17.11.2017 | Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Seminar „Leichtbau im Automobil- und Maschinenbau“ im Haus der Technik Berlin am 16. - 17. Januar 2018

23.11.2017 | Seminare Workshops

Biohausbau-Unternehmen Baufritz erhält von „ Capital“ die Auszeichnung „Beste Ausbilder Deutschlands“

23.11.2017 | Unternehmensmeldung