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Die demografische Lage der Nation

15.03.2011
Eine Studie des Berlin-instituts für Bevölkerung und Entwicklung untersucht, welche Folgen Bevölkerungsschwund und Alterung für die Entwicklung der Regionen haben und was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet

Der demografische Wandel nimmt an Fahrt auf: Die Einwohnerzahl Deutschlands ist seit ihrem Höchst-stand 2002 bereits um rund 800.000 gesunken. Die Belegschaften der Unternehmen altern, und die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer beginnen in diesem Jahrzehnt, ins Rentenalter einzutreten.

Besonders auf regionaler Ebene treten dabei die demografischen Verwerfungen innerhalb Deutsch-lands immer deutlicher hervor. Rund die Hälfte aller Landkreise und kreisfreien Städte hat seit 2002 mehr als ein Prozent der Einwohner verloren – viele von ihnen, vor allem im Osten, deutlich mehr.

Doch die einst klare Trennung zwischen Ost und West schwindet: Weil in den neuen Bundesländern die Kinderzahl je Frau nach dem Tief der Nachwendezeit wieder gestiegen ist und weil mittlerweile auch viele ländliche Gebiete im Westen unter Nachwuchsmangel und der Abwanderung junger Menschen leiden, wird der demografische Wandel immer mehr zu einer Krise der peripheren ländlichen Räume. Weil sich dort die Infrastruktur weiter ausdünnt, vom Schulangebot bis zur ärztlichen Versorgung, ver-lieren diese Regionen weiter an Attraktivität. Dies führt umgekehrt zu einer Renaissance der Städte, zumindest jener, die über ein attraktives Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen verfügen. Davon profitieren insbesondere die wirtschaftsstarken Regionen im Süden und Südwesten der Republik.

In der Gesamtbewertung der Studie finden sich unter den 20 Kreisen und kreisfreien Städten mit den besten Zukunftsaussichten 15 aus Bayern und drei aus Baden-Württemberg – aber mit Potsdam und Jena neuerdings auch zwei aus den neuen Bundesländern. Baden-württembergische Kreise sind unter den besten des Landes weniger präsent als in der Vorläuferstudie aus dem Jahr 2006, weil die zurück-liegende Wirtschaftskrise die exportabhängige Fertigungsindustrie überproportional getroffen hatte. Potsdam ist indes nach vorne gerückt, da es das attraktivste Zuwanderungsgebiet für oftmals gut be-tuchte Familien aus der nahen Hauptstadt Berlin geworden ist. Jena gehört neben Dresden, Leipzig und Erfurt zu den wenigen Metropolen im Osten, die auf eine stabile demografische und eine aussichtsrei-che ökonomische Entwicklung bauen können.

Am Ende der Skala in Sachen Zukunftsfähigkeit finden sich nach wie vor überwiegend Kreise aus dem Osten – vor allem aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Ostdeutschland bleibt damit die demografische Krisenregion. Allerdings zeigt sich an den kritischen Kandidaten im Westen, dass auch dort der Trend weiter abwärts geht: Vor allem altindustrielle Kreise im Ruhrgebiet (Gelsenkirchen, Recklinghausen, Herne), Bremerhaven und die beiden Kreise an der ehemals deutsch-deutschen Grenze, Goslar und Osterode am Harz, weisen neben niedrige Kinderzahlen eine starke Ü-beralterung sowie Abwanderung und sehr schlechte Wirtschaftsdaten auf.

Sich demografisch stabilisieren oder gar wachsen dürften in Deutschland nur noch wenige Regionen: Das sind zum einen die Metropolräume von Hamburg, Köln/Bonn, Frankfurt, Stuttgart, Berlin und Mün-chen. Der bayerische Wachstumsraum um München dehnt sich dabei am weitesten aus: Den hohen Lebenshaltungskosten zum Trotz zieht es nach wie vor qualifizierte junge Menschen in eine Region, die von den Städten Nürnberg, Ingolstadt und Regensburg begrenzt wird. Doch auch einige ländliche Ge-biete mit kleineren Zentren und einem starken Mittelstand stehen dank einer positiven Bevölkerungs-entwicklung gut da, etwa das Oldenburger Münsterland im Westen von Niedersachsen oder der Norden von Nordrhein-Westfalen.

Die wirtschaftliche Situation hat sich entgegen dem demografischen Trend über die vergangenen Jahre deutlich verbessert. Nicht nur, weil die Arbeitslosigkeit praktisch überall gesunken ist, sondern auch, weil die Beschäftigungsquoten generell, insbesondere von Frauen und älteren Personen, gestiegen sind. Mit rund 41 Millionen Beschäftigten arbeiten heute in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor. Diese positiven Veränderungen lassen sich als erste Antwort auf den demografischen Wandel deuten, der künftig die Zahl der Erwerbsfähigen wird sinken lassen, während die Gesellschaft gleich-zeitig die Kosten der Alterung zu schultern hat.

Die Folgen des Wandels ließen sich leichter bewältigen, wenn der jetzt eingeleitete Trend anhielte. So ist die Gesellschaft nicht nur produktiver geworden, auch der Bildungsstand hat sich verbessert: Mehr Abiturienten nehmen ein Hochschulstudium auf und es verlassen deutlich weniger junge Menschen die Schule ohne Abschluss als noch vor einigen Jahren. Die neue deutsche Familienpolitik macht es quali-fizierten berufstätigen Frauen leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren. Nur in Sachen Zuwanderung zeigt Deutschland bisher keine Reaktion auf den demografischen Wandel und auf den künftigen Bedarf an Arbeitskräften. Gelähmt durch die Versäumnisse der Integration hat sich das Land gegen Zuwande-rung nahezu abgeschottet: Vorübergehend war Deutschland sogar von einem Ein- zu einem Auswande-rungsland geworden. Seit Jahren können Zuwanderer nicht mehr kompensieren, dass der Überschuss der Sterbefälle die Zahl der Neugeborenen übersteigt. Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte sich deshalb der Bevölkerungsschwund auf mindestens zwölf Millionen summieren – eine Zahl, die der gesamten Einwohnerschaft der zwölf größten deutschen Städte entspricht, von Berlin bis nach Leipzig.

Weitere Informationen:

http://www.berlin-institut.org/studien/die-demografische-lageder-nation.html
- Zusammenfassung und Download der Studie
http://www.berlin-institut.org
- Homepage des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung

Dr. Margret Karsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.berlin-institut.org -

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