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Degenerative Koordinationsstörungen: Videospiel-basiertes Training verbessert Koordination

07.11.2012
Degenerative Koordinationsstörungen bei Kindern: Videospiel-basiertes Training verbessert Koordination u. Balance
Kinder und Jugendliche mit einer degenerativen Koordinationsstörung, einer sogenannten Ataxie, können ihre Bewegungsfähigkeit durch Videospiele signifikant verbessern. Wichtig ist, dass diese Spiele mittels Körper- und Armbewegungen gesteuert werden. Neben den positiven Effekten auf das Krankheitsbild und die Motivation der jugendlichen Patienten, ist es auch ein kosteneffizientes motorisches Training. Das belegt erstmals eine aktuelle Studie.

Sie wurde gemeinsam vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), dem Werner Reichhardt Center für Integrative Neurowissenschaften (CIN) und der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen durchgeführt. Die prospektive, einfach verblindete Kohortenstudie wurde in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht. Sie untersucht die Trainingseffekte von drei Ganzköper-gesteuerten Videospielen auf die Bewegungskoordination der Betroffenen. Bislang existieren keine anderweitigen evidenzbasierten Therapien für Kinder und Jugendliche mit degenerativen Ataxien. Experten schätzen, zählt man alle Ataxie-Krankheiten zusammen, dass es in Deutschland rund 15.000 Betroffene gibt.

Koordinationsstörungen durch Kleinhirnerkrankungen, auch Ataxien genannt, sind eine seltene, fortschreitende Erkrankung von Kindern und Jugendlichen. Zu den Symptomen gehören eine Gang- und Standunsicherheit sowie eine Ungeschicklichkeit beim Greifen von Gegenständen. Eine medikamentöse Therapie ist nur in seltenen Fällen möglich und die Krankheit bisher nicht heilbar. Ein intensives Koordinationstraining, welches auf physiotherapeutischen Übungen basiert, kann den Krankheitsverlauf jedoch mildern. Das hat eine bereits 2009 erschienene HIH-Studie belegt.

„Kinder und Jugendlichen fehlt dafür jedoch oft die nötige Motivation. Je weniger die Betroffenen sich bewegen, desto stärker verschlechtert sich die Erkrankung. Eine Abwärtsspirale setzt ein“, sagt Dr. med. Matthis Synofzik vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) und der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen.

„Die vor einiger Zeit entwickelten Videospiele, die mittels Körper- und Armbewegungen gesteuert werden, erschienen uns als mögliche Option für ein effektives, noch motivierenderes motorisches Heimtraining“, erläutert Dr. Winfried Ilg vom Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH) und der Neurologischen Universitätsklinik in Tübingen, die Beweggründe für die Studie. Sie wurde in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Tübingen durchgeführt.

Die Kohortenstudie wurde in Form eines achtwöchigen Trainings mit zehn Kindern durchgeführt. Sie startete mit einer zweiwöchigen angeleiteten Übungsphase am HIH. Die Kinder wurden in dieser Zeit von Therapeuten intensiv betreut und angeleitet. Im Anschluss daran sollten sie sechs Wochen zu Hause weiter üben. Die Ergebnisse der Studie zeigen signifikante und alltagsrelevante Verbesserungen der Krankheits-symptome. Dazu gehört unter anderem ein sicherer Gang und die Fähigkeit die Beine zielorientiert zu platzieren. Das zeigte die quantitative Bewegungsanalyse. Klinisch messbar sind diese Erfolge mit spezifischen Skalen. Sehr deutlich lassen sich Veränderungen des Gesundheitszustandes an SARA ablesen. SARA steht für „Scale for the Assessment and Rating of Ataxia“ und misst das Fortschreiten der Ataxie. Je höher der Punktwert, desto weiter fortgeschritten die Erkrankung. Der Wert der Teilnehmer sank um durchschnittlich zwei Punkte.

„Dieser Wert zeigt eindeutig die spezifischen Effekte des Trainings. Denn bei einem ‚normalen’ Krankheitsverlauf verschlechtert er sich um durchschnittlich zwei Punkte pro Jahr“, beschreibt Synofzik die Relevanz dieses Ergebnisses. Das Videospiel-basierte Training ist kein Ersatz für eine notwendige Physiotherapie. „Es sollte jedoch zukünftig ergänzend angeboten werden, da Therapie-Erfolge dadurch verstärkt werden können“, fordern Ilg und Synofzik. Des Weiteren geben die Autoren zu bedenken, dass sowohl die intensive therapeutische Anleitung als auch die Trainingsintensität wichtige Faktoren sind: Je mehr trainiert wird, desto größer sind die Trainingseffekte. Das zeigt die aktuelle Studie: „Einfach los spielen, würde zwar sicherlich Spaß machen, jedoch das Krankheitsbild nicht unbedingt verbessern.“

Die ausgewählten Videospiele präsentierten den jungen Patienten kognitiv und motorisch anspruchsvolle Übungen in einer virtuellen Umgebung. Um dies zu meistern, mussten sie schnell auf neue Situationen reagieren und kommende Spielereignisse vorhersagen. Die ausgewählten Spiele waren „2000Leaks“, „Table Tennis“ und „Light Race“. Gespielt wurde mit einer Xbox Kinect von Microsoft. „Alle Kinder absolvierten mit großer Motivation und Begeisterung ihr Heimtraining. Sie gewannen schrittweise wieder ihr Vertrauen in ihre eigene Bewegungsfähigkeit. Außerdem erfuhren sie motorische Erfolgserlebnisse, die sie im Alltag kaum erzielen konnten“, freut sich Ilg. Darüber hinaus lässt sich diese Therapiestrategie potentiell auf eine ganze Reihe anderer neurologischer Krankheitsbilder bei Kindern, wie zum Beispiel der Multiplen Sklerose (MS), der Hereditären Spastischen Paraplegie (HSP) oder der Infantilen Cerebralparese (ICP), übertragen.
Originaltitel der Publikation
Video game-based coordinative training improves ataxia in children with degenerative ataxia
Autoren: Winfried Ilg, Cornelia Schatton, Julia Schicks, et al.
Neurology; Published online before print October 31, 2012; DOI 10.1212/WNL.0b013e3182749e67
http://www.neurology.org/content/early/2012/10/31/WNL.0b013e3182749e67

Conflict of Interest: Finanziell unterstützt wurde die Studie unter anderem durch den Oliver-Vaihinger-Fonds, die Stiftung für kranke Kinder Tübingen, Ataxia UK, Ataxia Ireland, die Deutsche Heredo-Ataxie-Gesellschaft. e.V.(DHAG). Finanziell nicht unterstützt wurde die Studie von Microsoft. Unter Neurology.org sind die vollständigen Angaben abrufbar.

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Silke Jakobi | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de
http://www.neurology.org/content/early/2012/10/31/WNL.0b013e3182749e67

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