Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Auto macht Fahrer „kurzsichtig“

21.10.2015

Studie an der Uni Trier: Am Lenkrad unterschätzen Menschen Distanzen

Hinter dem Steuer mutiert ein biederer Büroangestellter zum Raser, ein gemütlicher Familienvater wird zum wilden Drängler. Das Auto verändert Menschen - nicht nur ihre Eigenschaften, sondern auch ihre Wahrnehmung. Psychologen der Universität Trier haben herausgefunden, dass Autofahrer Entfernungen falsch einschätzen und zwar um mehr als 40 Prozent zu kurz. Aus 20 Metern werden am Lenkrad „gefühlte“ 12 Meter.

Diese generelle Fehleinschätzung könnte auf der Straße die positive Folge haben, dass der Abstand beim dichten Auffahren tatsächlich größer ist als der Fahrer annimmt. Sie erhöht andererseits das Risiko, die Distanz zu einer gelben Ampel zu unterschätzen und deshalb bei Rot auf die Kreuzung zu fahren. Eine weitere Gefahr droht, wenn die Strecke für das Überholen eines längeren Lastwagens falsch eingestuft wird.

„Generell kann man sagen, dass die unterschiedlichen Distanz-Wahrnehmungen von Autofahrern, Radlern und Fußgängern vermutlich die Anpassung im Verkehr erschwert“, fasst Studienleiterin Dr. Birte Moeller von der Universität Trier eine Folgerung aus den Ergebnissen ihres Experiments zusammen.

Die Psychologin hat Autofahrer und Fußgänger Entfernungen von 4 bis 20 Meter schätzen lassen. Während Fußgänger die Distanzen durchschnittlich um knapp 24 Prozent unterschätzten, verfehlten Autofahrer die richtigen Werte um etwas mehr als 40 Prozent.

Eine Fahrt mit dem Auto verschärft diesen Effekt. Nach einer zehnminütigen Fahrzeit schätzte die Auto-Testgruppe Entfernungen noch kürzer ein als zuvor. Dagegen hatte ein zehnminütiger Rundgang bei Fußgängern keine Auswirkung auf die Distanz-Wahrnehmung.

Das im Fahrzeug eingeschränkte Sichtfeld ist für diesen Effekt nicht verantwortlich. Diese Annahme schlossen die Wissenschaftler durch eine Fußgänger-Kontrollgruppe aus, die durch eine cockpit-ähnliche Holzkonstruktion auf das Distanz-Messfeld blickte.

Die Wissenschaftler entdeckten noch ein weiteres Phänomen. Nach bisherigen psychologischen Erkenntnissen war zu erwarten, dass die Abweichungen mit der Entfernung zunehmen würden. Während die Fußgänger bei größeren Distanzen tatsächlich stärker unterschätzten, blieben die Werte bei den Autofahrern annähernd gleich. Die Wissenschaftler vermuten, dass Fahrer 20 Meter als eine eher kurze Distanz empfinden und sich Abweichungen möglicherweise erst in einer größeren Entfernung einstellen werden.

Welche Auswirkungen diese Ergebnisse auf den Verkehr haben und ob die Fehleinschätzungen beispielsweise durch Fahrassistenzsysteme entschärft werden können, sind Fragen mit denen sich der Forschungsverbund Verkehrstechnik und Verkehrssicherheit (FVV) beschäftigt. Hier arbeiten Forscher der Fachbereiche Technik und Informatik der Hochschule Trier mit der Abteilung Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Trier seit mehr als zehn Jahren zusammen.

Die Studie ist veröffentlicht in Psychonomic Bulletin & Review:
Birte Moeller, Hartmut Zoppke, Christian Frings:
“What a car does to your perception: Distance evaluations differ from within and outside of a car.”

Zur Veröffentlichung: http://link.springer.com/article/10.3758%2Fs13423-015-0954-9

Informationen zum Forschungsverbund FVV: http://www.fvv-trier.de/

Kontakt:
Dr. Birte Moeller
Universität Trier/Allgemeine Psychologie und Methodenlehre
Tel. 0651/201-2979
E-Mail: moellerb@uni-trier.de

Weitere Informationen:

http://link.springer.com/article/10.3758%2Fs13423-015-0954-9
http://www.fvv-trier.de/

Peter Kuntz | Universität Trier

Weitere Berichte zu: Auto Distanzen Entfernungen Forschungsverbund Psychologie Verkehr

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Neue Studie „Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas“
29.11.2017 | Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

nachricht Zukunftsstudie zum Autoland Saarland veröffentlicht
29.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was für IT-Manager jetzt wichtig ist

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

30 Baufritz-Läufer beim 25. Erkheimer Nikolaus-Straßenlauf

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten