Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Cyberbullying: Jedes zweite Opfer leidet unter der Verbreitung peinlicher Fotos und Videos

19.07.2012
Forscher der Universität Bielefeld haben Schülerinnen und Schüler zu Übergriffen via Internet und Handy befragt

Peinliche Privatfotos und Videos, die im Internet kursieren: Forscherinnen und Forscher der Universität Bielefeld haben herausgefunden, dass jugendliche Opfer von Cyberbullying oder Cybermobbing besonders darunter leiden, wenn Mitschülerinnen und Mitschüler solches Bildmaterial verbreiten, um sie lächerlich zu machen. Laut einer heute (19. Juli) veröffentlichten Online-Studie wird dieses Verhalten von etwa der Hälfte der Opfer als stark oder sehr stark belastend empfunden.

An der Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) nahmen 1.881 in Deutschland lebende Schülerinnen und Schüler teil und äußerten sich zu ihren Erfahrungen mit Cyberbullying als Opfer, Täter und Zeugen.

Der Begriff „Bully“ lässt sich mit „Tyrann“ und „Schulhofschläger“ übersetzen. Cyberbullying nennt man Attacken durch eine oder mehrere Personen über das Internet oder per Handy – etwa wenn Facebook oder Instant Messenger benutzt werden, um jemanden zu verleumden, bloßzustellen oder seinen sozialen Beziehungen zu schaden. Dabei wird ein Schwächerer wiederholt und absichtlich angegriffen. Die Sozialwissenschaftler Dr. Peter Sitzer, Julia Marth und ihr Team wollen mit ihrer Untersuchung das Phänomen differenziert beschreiben.

Ein Schwerpunkt der Online-Studie lag auf der von den Opfern empfundenen Belastung in Abhängigkeit der verschiedenen Formen von Cyberbullying. Ein Ergebnis der Studie ist, dass manche Formen von Cyberbullying von Betroffenen als stärker belastend empfunden werden als andere. Dazu zählt, dass mehr als die Hälfte der Opfer die Weitergabe privater Fotos und Videos als belastend ansieht, wenn sie damit lächerlich gemacht oder bloßgestellt werden soll. Die Forscher erklären sich diesen Befund damit, dass die Folgen dieser Form von Cyberbullying schlecht kontrollierbar sind, weil digitale Fotos und Videos beliebig oft vervielfältigt und verbreitet werden und auf diese Weise einem potenziell unbegrenzten Publikum verfügbar gemacht werden können. Hingegen werden Spott, Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen nur von etwa einem Viertel der Befragten als stark oder sehr stark belastend wahrgenommen. „Das könnte daran liegen, dass diese Form von Cyberbullying auch direkt an das Opfer gerichtet werden kann. In dem Fall werden relativ wenige Personen Zeuge“, sagt Peter Sitzer. Zum anderen sei denkbar, dass solche Übergriffe von den Jugendlichen als alltäglich und normal im Umgang mit Altersgenossen verstanden werden.

Darüber hinaus fragten die Wissenschaftler die Opfer von Cyberbullying, welche Formen sie erlebt haben. Die befragten Opfer berichten besonders häufig von Angriffen, bei denen sie im Internet oder per Handy verspottet, beleidigt, beschimpft oder bedroht worden sind. Auch geben die Opfer in vielen Fällen an, dass Gerüchte über sie verbreitet wurden oder dass schlecht über sie geredet wurde. Die Schülerinnen unter den Opfern geben außerdem auch vergleichsweise häufig an, dass ihnen jemand im Internet hinterherspioniert hat (Cyberstalking) und dass jemand gegen ihren Willen mit ihnen über Sex reden wollte. Für diese Taten ist kein oder kaum Vorwissen über das Opfer nötig. Nur selten berichten die befragten Opfer von Taten, für die zusätzliche Voraussetzungen nötig sind. „Zum Beispiel ist es einfach, jemandem beleidigende Nachrichten per E-Mail oder Instant Messenger zukommen zu lassen oder an dessen Pinnwand, zum Beispiel bei Facebook, zu schreiben“, sagt Sitzer. „Aber damit ein Täter private Nachrichten oder vertrauliche Informationen an Dritte weitergeben kann, um das Opfer bloßzustellen oder lächerlich zu machen, muss vorausgesetzt sein, dass der Täter solche Nachrichten oder Informationen kennt.“

In der anonymen Befragung kamen auch die Täter von Cyberbullying zu Wort. Sie gaben an, wie sie ihre Opfer im Internet oder per Handy angegriffen haben. Am häufigsten berichten die befragten Täter, dass sie andere verspottet, beleidigt, beschimpft oder bedroht haben. Ebenfalls häufig genannt werden rufschädigendes Verhalten und Cyberstalking. Während die Opfer vergleichsweise selten angeben, dass sie im Internet aus einer Gruppe ausgeschlossen wurden, wird diese Form von Cyberbullying von den Tätern häufig genannt. Eine Erklärung für die Abweichung zwischen den Angaben der Opfer und der Täter könnte den Forschern zufolge sein, dass die Opfer oft gar nicht bemerken, aus einer Gruppe ausgeschlossen worden zu sein. „Abwertungen wirken hingegen nur dann verletzend, wenn sie vom Opfer als Demütigung auch wahrgenommen werden“, sagt Peter Sitzer. Er vermutet, dass auch aus einem ähnlichen Grund mehr Täter angeben, private Fotos und Videos von Anderen an Dritte weitergegeben zu haben, als das von Opfern berichtet wird. Denn um das Opfer bloßzustellen oder lächerlich zu machen, muss das Opfer selbst gar nicht erfahren, dass zum Beispiel peinliche Fotos von ihm im Umlauf sind.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass Cyberbullying keine Lappalie ist, sondern ein ernsthaftes Problem, dem mit vorbeugenden Maßnahmen begegnet werden muss“, sagt Peter Sitzer. Eine Aufgabe von Eltern, Pädagogen und Lehrkräften sei, Schülerinnen und Schülern den sozial verantwortlichen Umgang mit anderen Nutzern zu vermitteln. Gleichzeitig müsse es darum gehen, konsequent gegen Fälle von Cyberbullying vorzugehen. In der Studie hatte mehr als die Hälfte der Täter angegeben, dass ihre Übergriffe für sie keine negativen Folgen hatten. Allerdings müsse auch den Tätern dabei geholfen werden, sich zu verändern und die Übergriffe zu unterlassen. Darüber hinaus mahnen die Forscher an, dass Opfer von Cyberbully-ing ernst genommen werden müssen und Hilfe brauchen, das Erfahrene zu verarbeiten und wieder zurück in einen lebenswerten Alltag zu finden.

Der Ergebnisbericht der Online-Studie „Cyberbullying bei Schülerinnen und Schülern“ steht ab sofort auf der Homepage des Projekts zum Herunterladen bereit.

Kontakt:
Dr. Peter Sitzer, Universität Bielefeld
Fakultät für Erziehungswissenschaft
Telefon: 0521 106-3147
E-Mail: peter.sitzer@uni-bielefeld.de

Jörg Heeren | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bielefeld.de/cyberbullying

Weitere Berichte zu: Cyberbullying Cyberstalking Facebook Instant Messenger Online-Studie Video Übergriffe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave
02.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT

nachricht Europaweite Studie zu Antibiotikaresistenzen in Krankenhäusern
18.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie