Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Computertraining ermöglicht Verbesserung des Sehens bei Glaukom-Patienten

07.02.2014
Studienergebnisse eröffnen neue Behandlungsmöglichkeit zur Verbesserung des Sehens bei Glaukom - Bericht veröffentlicht in JAMA Ophthalmology (American Medical Association)

Eine neue Studie zeigt, dass Glaukom-bedingte Gesichtsfeldausfälle durch die wiederholte Aktivierung der Restsehfähigkeit mittels eines verhaltens- und computerbasierten Sehtrainings teilweise wiederhergestellt werden können. Diese Ergebnisse werden in JAMA Ophthalmology dargestellt.

“Der Glaukom-bedingte Sehverlust muss nicht dauerhaft sein. Durch Hirnplastizität und kortikale Reorganisation kann der Verlust teilweise aufgehoben werden und diese Entdeckung ist von klinischer Bedeutung“, kommentiert Studienleiter Prof. Bernhard A. Sabel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie, Medizinische Fakultät, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg (Deutschland). „Was auch immer die Mechanismen sind: wir können nun optimistischer sein, dass der Verlauf der Sehfähigkeiten beim Glaukom nicht immer nur abwärts gehen muss, sondern es gibt ein beträchtliches Potential zur Verbesserung.“

Dreißig Glaukom-Patienten mit stabilen Gesichtsfeldern und gut kontrolliertem Augeninnendruck nahmen an einer prospektiven, doppelblind, randomisierten, Placebo kontrollierten klinischen Studie teil. Das mittlere Alter betrug 62 Jahre und reichte von 39 bis 79 Jahre. Bei 26 Patienten waren beide Augen betroffen, und die Schwere des Sehverlustes erstreckte sich von mild bis schwer.

Die Hälfte der Patientengruppe nahm randomisiert an einer visuellen Restitutionstherapie für Glaukom (Glaucoma vision restoration training, gVRT) teil. Das Training erfolgte zu Hause an einem speziell angepassten Computer 6 Tage pro Woche, täglich zweimal je 30 Minuten über einen Zeitraum von drei Monaten. Das Training bestand aus in der Leuchtdichte zunehmenden Reizen, vergleichbar mit perimetrischen Gesichtsfeldtests. Das Erkennen des Zielreizes oder eines Farbwechsels mussten die Patienten durch das Drücken einer Taste bestätigen. Der Schwierigkeitsgrad wurde entsprechend dem Trainingsfortschritt monatlich online angepasst. Im Durchschnitt wurden zweimal täglich 500 Reize präsentiert. 80% davon wurden im Bereich mit Restsehfähigkeit („areas of residual vision“, ARV) und 20% im intakten Gesichtsfeld präsentiert. Für Patienten mit Sehverlust auf beiden Augen wurde das am stärksten betroffene Auge trainiert. Patienten der Placebogruppe bekamen die Aufgabe als Kontrolltraining, die Orientierung von Linien zu identifizieren, die zweimal täglich auf ihrem Computer zu Hause präsentiert wurden. Dies erforderte ungefähr dieselbe Trainingszeit wie gVRT.

Patienten der gVRT-Gruppe zeigten in drei unabhängigen Gesichtsfeldtests nach dem Training signifikante Verbesserungen der Detektionsgenauigkeit. Dazu gehörten das primäre Zielkriterium “hoch-auflösende Perimetrie“ (high-resolution perimetry, HRP) und die sekundären Zielkriterien die „weiß/weiß“ und die „blau/gelb“ Perimetrie. Die gVRT-Gruppe zeigte außerdem signifikant schnellere Reaktionszeiten in HRP. Patienten in der Kontrollgruppe zeigten diese Verbesserungen nicht. Die Forscher fanden heraus, dass die verbesserte Leistung nicht durch Schwankungen des Gesichtsfeldes oder Augenbewegungsartefakte erklärt werden konnten.

Das Ausmaß der Verbesserungen der Detektionsrate variierte beachtlich innerhalb der gVRT-Gruppe. Von den 15 Patienten zeigten 4 (26,7%) moderate Verbesserungen von zwischen 3%-10% und 6 (40%) große Steigerungen (>10%). Im restlichen Drittel der Gruppe konnten dagegen keine Verbesserungen/Steigerungen gefunden werden.

Weitere Analysen zeigten, dass das Training offenbar am besten in Bereichen mit Restsehfähigkeit funktionierte. „In diesen Bereichen ist die Antwortgenauigkeit variabel. Wir glauben, dass diese Regionen einen partiellen Schaden repräsentieren, bei dem einige retinale Ganglienzellen überlebt haben. Diese Zellen könnten zur Erholung des Sehens beitragen, was auch einhergeht mit Verbesserungen in den intakten Gesichtsfeldbereichen“, erklärt Prof. Sabel. Er ergänzt: „Das ist vergleichbar mit unseren Beobachtungen bei anderen Behandlungen, wie der nicht-invasiven Hirnstimulation oder bei Sehverlusten nach Schlaganfall oder Sehnervschäden.“

Signifikant mehr Patienten der gVRT-Gruppe berichteten subjektiv von Verbesserungen des Sehens, auch wenn dieses Ergebnis nicht mit der verbesserten Detektionsgenauigkeit korrelierte. In einem Lebensqualitäts-Fragebogen hatte die gVRT-Gruppe nur in der Subskala „mentale Gesundheit“ signifikant höhere Werte als die Placebo-Gruppe (p=0.02). Die Autoren führen den in der Studie festgestellten allgemeinen Mangel an subjektiven Veränderungen auf das relative hohe Leistungsniveau der Patienten bei Studienbeginn zurück. Zudem dominierte das bessere Auge, welches nicht trainiert wurde, in der subjektiven visuellen Wahrnehmung.

"Unsere Studie bestätigt, dass die Plastizität des Sehsystems trotz weitreichender Degeneration bis ins hohe Alter erhalten bleibt“, schlussfolgert Prof. Sabel. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass Blindheit nicht immer irreversibel sein muss, wie bisher immer angenommen worden ist. Die teilweise Wiederherstellung des Sehens ist durch Aktivierung der Restsehfähigkeit mittels trainingsinduzierter Plastizität des Gehirns möglich. Diese neue Erkenntnis rechtfertigt den routinemäßigen Einsatz von gVRT als neue Option in der Klinik zur Unterstützung der Rehabilitation."

Basierend auf dieser Pionierarbeit auf dem Gebiet der Neuroplastizität ist das visuelle Restitutionstraining mittels Computern eine neue Behandlungsoption, um Patienten mit Gesichtsfeldausfällen bei der Wiederherstellung des Sehens zu unterstützen. Noch vorhandene visuelle Nervenzellen werden stimuliert, die sich hierdurch neu vernetzen können.

Kontakt für weiterführende Informationen:
Prof. Dr. Bernhard Sabel,
Tel. 0391-672 1800 oder E-Mail imp@med.ovgu.de
Referenz: Sabel, B.A. and Gudlin, J. (2014) Vision restoration training in glaucoma - A randomised, clinical trial. JAMA Ophthalmology. doi: 10.1001/jamaophthalmol.2013.7963

http://archopht.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1828526

Kornelia Suske | idw
Weitere Informationen:
http://www.ovgu.de
http://www.med.uni-magdeburg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Zirkuläre Wirtschaft: Neues Wirtschaftsmodell für die chemische Industrie?
28.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Unternehmen entwickeln sich zu Serviceanbietern
25.07.2017 | Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie